Hat «Green Book» den Oscar verdient?

Peter Farrellys Komödie wurde der Preis für den besten Film zuerkannt. Zu Recht? Pro & Kontra unserer Filmkritiker.

Die Macher von «Green Book» räumten bei den 91. Oscars in Los Angeles ab: Bester Film, bestes Originaldrehbuch, bester Nebendarsteller. Foto: Reuters

Die Macher von «Green Book» räumten bei den 91. Oscars in Los Angeles ab: Bester Film, bestes Originaldrehbuch, bester Nebendarsteller. Foto: Reuters

Hans Jürg Zinsli@zasbros
Pascal Blum@pascabl

Ja... findet Hans Jürg Zinsli

Vieles sprach im Vorfeld gegen «Green Book», der Oscar-Hauptpreis erzürnt jetzt die Gemüter. Tatsache ist jedoch, dass der Film von Peter Farrelly vor allem aus exzellentem Schauspielkino besteht. Wenn da also der rassistische italoamerikanische Türsteher Tony Lip (Viggo Mortensen) als Fahrer des introvertierten dunkelhäutigen Jazzmusikers Don Shirley (Mahershala Ali) verpflichtet wird und man gemeinsam in den amerikanischen Süden aufbricht – notabene in den frühen Sechzigerjahren –, würde man nicht unbedingt ein Feelgoodmovie erwarten. Aber dann packt Mortensen im Fahrersitz seine ganze Schmierigkeit aus, wenn er unablässig Essen in sich reinstopft. Ali kontert das von der Rückbank aus mit distinguierter Abgelöschtheit. Von properen Helden sieht man da erst mal gar nichts, und das hat gute Gründe.

«Green Book» ist eine Reise in die Zeit der gesellschaftlichen Zerrissenheit, und man könnte sagen, dass der Film sowohl von damals wie von heute erzählt. Wenn sich diese Figuren annähern, kommt das allerdings einem über lange Strecken beschwerlichen Prozess gleich. Es ist ein Wechselspiel von Stärken und Schwächen, das leicht und konsumierbar wirkt, aber natürlich umso schwieriger in der Herstellung ist.

Auf filmischer Ebene funktioniert das Abtasten ausgezeichnet. Dank gutem Timing sieht man die Welt mal aus italoamerikanischer, mal aus afroamerikanischer Sicht – am Ende überwiegt die Verbundenheit. Dabei masst sich der Film nicht an, eine Lösung zu bieten, was gesellschaftliche Zwänge und Vorurteile betrifft. Er zeigt diese einfach als Gegebenheiten.

Das Erstaunlichste an «Green Book» ist jedoch sein Regisseur: Peter Farrelly, der mit seinem Bruder Bobby die längste Zeit Dampfhammerkomödien à la «Dumb and Dumber» fabrizierte, feiert hier ein eigentliches Karriere-Reboot. Einen Film über Freundschaft in Zeiten des Hasses hätte ihm jedenfalls niemand zugetraut. Nun präsentiert sich der 62-jährige Farrelly erstmals von einer erwachsenen Seite und punktet bei den Oscars gleich dreifach. Auch das hätte vor wenigen Jahren niemand für möglich gehalten.

Nein... kontert Pascal Blum

Schwer zu sagen, was mehr abstösst an «Green Book». Dass der Film seine reaktionäre Versöhnungsidee als linksliberales Wohlfühl­geschunkel verpackt? Dass er den klassisch gebildeten schwarzen Pianisten als von seiner eigentlichen Kultur entfremdet zeigt, also so tut, als seien der Hass des Rassisten und die Distanziertheit eines Künstlers vergleichbar, und das in der Zeit der Rassentrennung?

Braucht es Mut, oder reicht Verlogenheit, vorzuschlagen, dass sich die Leute zwecks besserer Verständigung mal locker machen? Das Drama spielt im segregierten Süden und kommt zu einer Zeit ins Kino, in der Machtgefälle und Rassismus lange nicht weggeräumt sind. Dass der weisse Chauffeur sich eigentlich als der wahre «Neger» versteht, weil er, verglichen mit Shirley, ein Proletenleben führt und mit dem Musiker erst was anfangen kann, als dieser einem Bild entspricht, das man von Schwarzen halt so hat: «Green Book» gibt vor, die Perspektive der weissen Vorherrschaft zu brechen, reproduziert sie aber.

Der Film hat Erfolg, weil er die laueste Form von Rechtschaffenheit bestätigt: Man kann den anderen ja ausstehen, solange er a) einem selbst ähnlich ist und b) diese Ähnlichkeit durch eigene Anstrengung erreicht. Bis das geschieht, kann man sich entspannt zurücklehnen, weil man an sich selber ja nichts findet, was einen stören würde.

In seiner Falschheit ist das gerade der richtige Oscar-Sieger: Ähnlich wie Tony Lip auf seinen Passagier schaut, schauen die Zuschauer auf die Rassenfrage: mit einem Blick, der die eigenen Privilegien ausblendet. In Hollywood kann man eine Rassismusgeschichte nach wie vor als Läuterungs­fabel eines Weissen erzählen.

Im Vorfeld der Oscars erzählte Regisseur Peter Farrelly von der Szene, in der Tony Lip in seiner Wohnung zwei Gläser wegwirft, aus denen schwarze Handwerker getrunken hatten. Die farbigen Darsteller seien so entsetzt gewesen, dass dieser Mann der Held des Films sein soll und nicht der Schurke, dass er den Dreh für 45 Minuten aussetzte, um ihnen die Figur zu erklären. Er fand das wohl nicht mehr als eine amüsante Anekdote, dabei sagt sie alles.

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