Halbes Happy End nach 83 Jahren

Filmemacher Franz Schnyder gelingt posthum sein Debüt als Hauptdarsteller: Am Sonntag fand am Neuenburger Festival des Fantastischen Films NIFFF die Weltpremiere von «Das kalte Herz» statt – ein knappes Jahrhundert nach Drehschluss.

Ausnahmsweise vor statt hinter der Kamera: Der Burgdorfer Regisseur Franz Schnyder mit seiner Filmliebe Lisbeth (Elfriede Gärtner).

Ausnahmsweise vor statt hinter der Kamera: Der Burgdorfer Regisseur Franz Schnyder mit seiner Filmliebe Lisbeth (Elfriede Gärtner).

(Bild: zvg)

Von diesem Moment haben Raff Fluri und Karl Ulrich Schnabel lange geträumt. Und jetzt, da er da ist, sind beide nicht da. Die Weltpremiere von «Das kalte Herz» am Sonntagabend in Neuenburg war trotzdem eine emotionale Angelegenheit. So viele Geschichten, die endlich ein Ende fanden. Zwischen 1931 und 1933 hat Karl Ulrich Schnabel diesen Schwarzweiss-Stummfilm gedreht, eine Verfilmung von Wilhelm Hauffs gleichnamigem Märchen aus dem Jahr 1827. Darin lässt sich Peter Munk, der frus­trierte Chef einer Köhlerei im Schwarzwald, auf einen Handel Geld gegen Herz ein. Keine gute Idee.

Der Film gerät in Vergessenheit . . .

Der Film wurde hauptsächlich in Berlin produziert, dann kam Hitler, und Schnabel, ein Halbjude, flüchtete ins Exil. Der Stoff geriet in falsche Hände und in Vergessenheit. Aus Schnabel wurde ein berühmter Pianist, 2001 ist er in den USA gestorben. An der Premiere sagte Ann Schnabel Mottier, seine Tochter, sie sei traurig, dass ihr Vater das nicht miterleben könne. Und gleichzeitig überglücklich, mit seinen Nachfahren hier zu sein. Davon gab es einige im Saal, Kinder, Neffen, Grosskinder: Sie ehrten nicht nur Karl Ulrich, sondern auch seinen Bruder Stefan Schnabel, der in «Das kalte Herz» den bösen Holländermichel spielte – und den seine Karriere später bis nach Hollywood tragen sollte.

Die Hauptrolle, jene des Kohlenmunk-Peters, spielt ein fescher Kerl namens Franz Schnyder, der bekannte Burgdorfer Gotthelf-Verfilmer (u. a. «Uli der Knecht»), der 1993 starb und von dem hierzulande lange niemand wusste, dass er je selber vor der Kamera stand.

. . . und kommt zu späten Ehren

Bis Raff Fluri 2009 in seinem Nachlass auf eine unbeschriftete VHS-Kassette stiess. Und darauf Ausschnitte eines Stummfilms von bescheidener Bildqualität fand. Aber Fluri, ein 36-jähriger Cineast aus Burgdorf, erkannte zwei Dinge: den jungen Schnyder und eine avantgardistische Bildsprache. Kameraführung, Bildsprache, Spezialeffekte – Fluri war auf eine kleine Independent-Perle des Stummfilmzeitalters gestossen.

Er recherchierte weiter und kam über weite Umwege 2012 auf die Familie Schnabel und auf ein Archiv in Berlin, wo noch mehr Material lag. Er beschloss, den Film zu restaurieren und zu digitalisieren. Fand Partner und Geldgeber. Engagierte Robert Israel, einen US-Komponisten, der den Film um Orchestermusik bereicherte. Führte zu Ende, was Schnabel nicht zu Ende führen konnte.

Am Sonntag, im Anschluss an die Premiere in Neuenburg, sagte Schnabels Tochter zum Publikum: «Wie Sie sehen konnten, hat Fluri vorzügliche Arbeit geleistet.» Dem ist nicht zu widersprechen. Doch wo nur war Fluri, der einzige noch lebende Held all dieser Geschichten? Am nächsten Morgen meldet er sich aus einem Spitalbett. Der Rücken! Welch ein Pech! Doch für Fluri geht die Geschichte weiter. Am 15. September ist offizieller Kinostart.

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt