Grölen bis zum Abwinken

Zwischen Spass und Chaos: So geht es an der 10. Slam Movie Night im Progr zu und her. Am ersten Abend des Kurzfilmfestivals Shnit am Mittwoch werden Filme bejubelt oder ausgebuht. Ein Augenschein.

Heiter im Progr: Das Publikum kürt den besten Kurzfilm.

Heiter im Progr: Das Publikum kürt den besten Kurzfilm.

(Bild: Beat Mathys)

Der Saal ist pink beleuchtet und ausverkauft. Während die letzten Besucher der Slam Movie Night in der neoklassizistischen Aula des Progr eintrudeln, bin ich gespannt auf die alternative Eröffnungsfeier von Shnit. Hier herrscht nicht etwa Ruhe im Saal, sondern aktives Mitmachen ist gefragt. Man soll die gezeigten Kurzfilme mit Jubel oder Buhrufen bewerten. Während ausgebuhte Filme abgebrochen werden, dürfen bejubelte Streifen bis zu Ende laufen und kommen ins Finale des Abends. Eine Jury gibt es auch. Die greift aber nur ein, wenn sich Buhen oder Jubel nicht eindeutig genug abheben.

Im ersten Teil des Abends wird jedoch erst mal geraten: Extra nachgespielte Filmsequenzen aus bekannten Kinofilmen flimmern über die Leinwand. Wer das Original wiedererkennt, soll den Filmtitel lautstark in den Saal schreien. Zum ersten Mal bin ich überrumpelt. Nach drei Sekunden Einspielung eines Mannes mit Staubsauger schreit jemand «Ghostbusters». Die trashig-humorvollen Einspieler hätte ich mir gerne etwas genüsslicher zu Gemüte geführt, aber der Witz ist schnelllebig, und mitmachen ist schwierig: Hinten im Saal, wo ich sitze, hört man meine Rufe nicht.

Darum freue ich mich, als die Moderatorin zum Hauptteil des Abends übergeht. Der erste Film «Von Hamlet und Rubbellosen» (Regie: Konstantin Shishkin) beginnt relativ leise. Ein junger Mann nimmt ein blondes Fräulein zu sich nach Hause. In die schüchterne Konversation der beiden mischen sich nach einer halben Minute die ersten Buhrufe. Danach ist die Wirkung des Films passé, der Dialog, in den sich nun auch eine energische Mutter einmischt, geht unter in den Schlachtrufen des Publikums. Ob der Ministreifen noch überraschend geendet hätte, erfährt man nicht mehr - er wird abgebrochen.

Knackige Filme wie «es mü z’äng» (Fela Bellotto, Lalita Brunner), der sich in weniger als einer Minute über hautenge Jeans amüsiert, oder der collagenartige Animationsfilm «Swiss Made» (Sophie Wietlisbach) gefallen dem Publikum besser.

Klar, bei der Slam Movie Night geht es um den ersten Eindruck, den die acht Filme hinterlassen. Kaum ein Anlass ist so ehrlich wie die Slam Movie Night. Für die anwesenden Filmkünstler bedeutet dies entweder Tortur oder Hochgefühl – je nachdem wie es während ihres Films vom Saal her dröhnt. Dennoch wünschte ich mir etwas mehr Zeit mit den Kurzstreifen.

Das entscheidungsfreudige Publikum kann auch anders: Beim Film «Sans Papiers» von Nikolai Paul, Angus MacKenzie und Florian Seifert bleibts ganz still in der Aula. Das Kurzporträt eines dokumentenlosen Einwanderers ist der «Gewinner der Herzen». Ab ins Finale damit.

Im Finale kann sich dennoch ein anderer durchsetzen: «Fremdkörper» von Emanuel Hänsenberger, ein amüsanter Trip mit einer Fussfetischistin, gewinnt den «Slamy». Was ich mitnehme, ist die heitere Stimmung der Slam Movie Night, das Bewusstsein für andere Meinungen als meine eigene und einige Namen von äusserst interessanten Kurzfilmen, die mich nun umso mehr interessieren – gerade weil sie vorzeitig zum Abbruch kamen.

Kurzfilmfestival Shnit: diverse Spielorte in Bern noch bis 22.10. Info: www.shnit.org. Tickets: www.starticket.ch.

Berner Zeitung

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