An der Grenze des Glaubens

Nach «Chrieg» präsentiert Regisseur Simon Jaquemet mit «Der Unschuldige» seinen zweiten Spielfilm. Er hat morgen am Filmfestival Toronto Weltpremiere.

Vor dem Abflug nach Toronto: Regisseur Simon Jaquemet in seinem Atelier. Foto: Sabina Bobst

Vor dem Abflug nach Toronto: Regisseur Simon Jaquemet in seinem Atelier. Foto: Sabina Bobst

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Vor vier Jahren platzte Simon Jaquemet mit seinem Debüt «Chrieg» in die Schweizer Filmszene. Es spielte in einem Erziehungscamp in einem Alpental, wo eine Gruppe Jugendlicher die Kontrolle übernommen hatte. Sie sind voller Wut auf die Welt und steigern sich in die Gewalt, zuerst in der Berghütte und dann unten in der Stadt.

«Chrieg» mag der Zeit voraus gewesen sein. Das Drama erzählt mit seltener Heftigkeit von den Aggressionen junger Männer und der Sehnsucht nach einer Art Kriegszustand. Gleichzeitig verleugnet es nicht die Faszination, die in der Zerstörung steckt.

Wichtiger Branchenanlass

Nun zeigt der 40-jährige Simon Jaquemet, der bei Basel aufwuchs und Regie an der Zürcher Hochschule der Künste studierte, seinen zweiten Spielfilm, «Der Unschuldige», am Internationalen Filmfestival in Toronto. Dort hat er morgen im Wettbewerb «Platform» Weltpremiere, als erster Schweizer Beitrag in der jungen Sektion, die sich den gewagteren Sachen widmet. Mit jährlich einer halben Million Besucher ist Toronto eines der grössten Festivals der Welt und gilt als wichtigster Branchenanlass im nordamerikanischen Raum.

Festivals wie Toronto übernehmen zusehends die traditionellen Funktionen des Kinos. Sie stellen Öffentlichkeit für Filme her und erzeugen Kapital in Form von Prestige und Distinktion. Untereinander kämpfen sie um Erstaufführungen, doch auch für die Kreativen gilt: Wer im Aufmerksamkeitsrennen mitmachen will, spielt das Risikospiel eines Investors. Wo soll er zusagen und wann? Und dann: Hat er richtig entschieden?

Bevor es mit Toronto klappte, hatte Jaquemet mit den wichtigsten Filmfestivals wie Cannes oder Venedig über seinen zweiten Spielfilm verhandelt. «Festivals sind Verkaufsargumente für den Film», sagt er. «Wenn man vom ‹Schweizer Film in Toronto› redet, wissen die Cinephilen, worum es geht.» Der Weltvertrieb, der den Titel in die Länder verkaufen will, zählt ebenfalls auf Festivalteilnahmen. «Auch für mich sind Festivals wichtig, ich kann so den nächsten Film finanzieren und baue mir einen Namen auf.» Nach Toronto reist der Regisseur weiter nach San Sebastian. Dort fand damals die Premiere von «Chrieg» statt, der danach durch zwei Dutzend internationale Festivals tourte.

Vermischung von Traum und Realität

Die Sektion «Platform» in Toronto ist auf eine Auswahl von zwölf Titeln beschränkt. «Der Unschuldige» habe das Festivalteam fasziniert, weil der Film auf rätselhafte und verstörende Weise Traum und Realität vermische, sagt Toronto-Chef Piers Handling auf Anfrage. «Für das Programm von ‹Platform› suchen wir nach eigenwilligen Werken. Im Idealfall haben sie auch ein starkes Gespür für das visuelle Potenzial des Kinos.»

«Der Unschuldige» geht an die Grenzen des Glaubens. Die Neurowissenschaftlerin Ruth ist Mitglied einer sektenähnlichen christlichen Gemeinschaft. Als ein Ex-Geliebter auftaucht, verfällt sie in wahnhafte Vorstellungen, weil sie keine Gewissheit darüber hat, ob er wirklich unschuldig im Gefängnis gesessen war. Simon Jaquemet hat für sein Drama bei Freikirchen recherchiert, die Darstellung der Gläubigen aber zugespitzt. Für ihn geht es um den Moment, in dem Ruth den Halt verliert. «Was tut man, wenn man mit etwas Unergründlichem konfrontiert wird?»

Vor der Weltpremiere führt Simon Jaquemet ein paar Ausschnitte vor; im Atelier in der Zürcher Binz gehts die Treppe hinab ins Grading-Studio. Wie in «Chrieg» hat er lange Takes gedreht, die Kamera schwebt frei um die Figuren. Die Stimmung ist beklemmend, die Schnitte sind hart. Wenn Ruth in ihrer Quasi-Sekte zu delirieren beginnt oder sich unvermittelt zu Boden wirft, schiessen die Szenen abrupt ein: wie plötzlich hochgeregelte Elektroschocks. Ein christliches Popkonzert hat Jaquemet im Zürcher X-tra nachgestellt. Im Studio in der Binz bebt der ganze Boden.

Würgt er den Clip wieder ab, gluckst Jaquemet, als wolle er sagen: krass, ich weiss. Sein Film packt einen sofort, aber wenn sein Schöpfer davon erzählt, wirkt er zögerlich und dreht Argumente so lange auf der Zunge um, bis sie zerlaufen. In Ruths Konfrontation mit einem Phänomen, das sie nicht durchschauen kann, sieht der Regisseur den Bezug zur politischen Gegenwart: Das «magische Denken» innerhalb von Gruppen, die an die abstrusesten Dinge glauben. Und ihre Oberzauberer, die denken, sie hätten einen direkten Draht zu anderen Wahrheiten.

Budget von drei Millionen

Das Drehbuch sei intuitiv entstanden, sagt Jaquemet, nützlich sei die Zusammenarbeit mit einem Script Advisor gewesen. Geld kam von allen wichtigen Förderstellen; das Budget liegt bei drei Millionen Franken. Produziert wurde das Drama vom Zürcher Kollektiv 8 Horses, das sich für dieses Projekt von erfahrenen Produzenten beraten liess. Zuerst hätten es die Förderer etwas shaky gefunden, dass «Der Unschuldige» von einer Jungfilmertruppe betreut wird. Simon Jaquemet hat dann aber ein wenig Druck aufgesetzt. Es wurde eng, aber am Ende hat alles geklappt – auch mit den Festivals.

Im Kino ab 1. November. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 10.09.2018, 11:16 Uhr

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