Einmal Lars von Trier? Macht 150'000 Euro!

Am Filmmarkt in Cannes entscheidet sich, welche Filme in der Schweiz zu sehen sein werden. Die Konkurrenz unter den Verleihern ist gross.

Aufbauarbeiten für den Marché du Film in Cannes, einen der grössten Filmmärkte weltweit. Foto: Jean-Paul Pelissier (Reuters)

Aufbauarbeiten für den Marché du Film in Cannes, einen der grössten Filmmärkte weltweit. Foto: Jean-Paul Pelissier (Reuters)

Pascal Blum@pascabl

Cyril Thurston (62) schaut auf eine ausgedruckte Excel-Liste. «Xavier Dolan wäre jetzt noch zu haben», sagt der Chef der Verleihfirma Xenix-Filmdistribu­tion, die 1996 aus dem Kino Xenix in Zürich herausgewachsen ist. Zum etwa zwanzigsten Mal fährt Thurston dieses Jahr an den Marché du Film in Cannes, um Rechte an Filmen zu erwerben, damit er sie hier zeigen kann. Im «Territorium» Schweiz, wie es in der Fachsprache heisst.

Rund ein Viertel der Besucher des Filmmarkts sind Verleiher. Viele haben ihre Filme schon gekauft, nachdem sie das Drehbuch gelesen hatten. Andere wie Cyril Thurston ersteigern den grössten Teil ihres Jahresprogramms während des Festivals bei Weltvertrieben, die die Rechte anbieten. In der Schweiz ist der Markt für Arthouse-Filme wie jene des Kanadiers Xavier Dolan («Mommy») einigermassen geschützt, da es grosse Studios und Streaminganbieter nicht kümmert, wer sie bei uns vertreibt. Dafür wird in der Schweiz aggressiv gekauft, und die Konkurrenz ist gross. Vor kurzem hat der renommierte Verleih Look Now! bekannt gegeben, dass er keine neuen Filme mehr ins Kino bringt.

Vorsicht vor Falschinformationen

Werden andere folgen? Thurston kennt das Problem: Hier die Übermacht von «Avengers», dort die Nischenfilme, die immer «nischiger» werden. «Die Neugier auf Unbekanntes ist nicht ge­stiegen.» Anfang Jahr zeigte Thurston den am letzten Cannes-Markt erworbenen koreanischen Thriller «Burning», der mit rund 10'000 Zuschauern gar nicht so schlecht gelaufen ist. Besser jedenfalls als die anderen Cannes-Filme im Xenix-Verleih, sie hiessen «Leto» oder «Dogman». Das Schwulendrama «Plaire, aimer et courir vite» habe World Sales «für fast nichts» zum Streikfilm «En guerre» dazuofferiert, sagt Thurston. In der aktuellen Situation sei das schon ein bisschen die Strategie: Kleinvieh macht auch Mist.

Cyril Thurston. Foto: HO Xenix

Bevor Cyril Thurston ans Festival reist, geht er die Filmliste durch. Von den ungefähr siebenhundert Titeln, die infrage kommen, streicht er 90 Prozent – sie sind künstlerisch und kommerziell unergiebig. Bleiben 10 Prozent, von denen einige schon von anderen Schweizer Verleihern gekauft worden sind. Jeder wolle heute die Filme so früh wie möglich sehen, um einen Vorsprung zu haben. Manchmal würden auch Desinformationsstrategien eingesetzt: «Wenn ich höre, dass ein Film grässlich sei – stimmt das, oder will mich jemand in die Irre führen?»

Es kommt auch vor, dass der Weltvertrieb den Preis von sich aus senkt, so wie letztes Jahr in Cannes bei «The House That Jack Built» des Dänen Lars von Trier. Zuerst wurden 150'000 Euro verlangt, dann halbierte sich der Preis. Irgendwann hätte sich auch Cyril Thurston die Meditation eines Serienmörders leisten können. Aber weil sich ein Kinobetreiber in Basel weigerte, den Film zu zeigen, hätte das für den Xenix-Verleih noch weniger Einnahmen bedeutet.

Streamingdienste treiben die Preise hoch

Zugegriffen hat dann Elite, ein Verleih, der fast jeden Film im Drehbuchstadium erwirbt und die Projekte so auch mitfinanziert. Elite war beispielsweise beim Cannes-Abschlussfilm 2018 «The Man Who Killed Don Quixote» von Terry Gilliam dabei – «weil der Regisseur eine Ikone ist und bleibt», wie die Geschäftsleitung schreibt. «Klar, der fertige Film hätte ein besseres Resultat verdient, aber wie in manchem Geschäft bleibt die Wahrheit: ‹You win some, you lose some.›»

Vor dem Besuch des Marché liest das Elite-Team an die hundert Drehbücher. Bei seinen Entscheidungen versuche es, einen möglichst grossen Nenner der Gesellschaft abzubilden. «Könnte es unseren Kindern gefallen, meiner Tante oder meiner Mutter?» Am Markt bemerke man nicht nur die Konkurrenz durch Major-Studios, sondern auch durch Amazon oder Netflix. An Netflix habe der Verleih auch schon den einen oder anderen Deal verloren. Zudem würden die Streamingdienste die Preise in die Höhe treiben, weil sie Stars und Regisseuren sehr gute Gehälter zahlen können. Laut Corinne Rossi, Chefin des Verleihs Praesens-Film, würden auch Studios wie Fox Searchlight oder Sony Classics immer öfter die Weltrechte für einen Film kaufen – worauf man einen bereits unterzeichneten Vertrag wieder zurückgeben müsse.

Cyril Thurston muss heute nicht nur die Kinoauswertung, sondern auch die Streamingwelt im Auge behalten. Von den Filmen in seinem Angebot sei das Potenzial von Video-on-Demand allerdings «gleich null». Bei iTunes oder Swisscom TV erschienen seine Filme kaum je auf der Startseite. Mit der Satire «The Square», die 2017 die Goldene Palme gewonnen hat, habe er über alle Abrufdienste zusammen rund 10'000 Franken eingenommen. Bei Titeln, die oft gestreamt werden, könnten die Einnahmen aber schon zehnmal so hoch sein, sagt Praesens-Chefin Rossi.

Der Verleih Outside the Box hat letztes Mal in Cannes die schwedische Trollgeschichte «Gräns» eingekauft. Trotz Risiko könne man dank Ticket- und Fernsehverkäufen mit einem Film Geld verdienen, heisst es dort. Dazu kämen die Subventionen, mit denen der Vertrieb von Filmen unterstützt wird. Nach europäischem Modell fördert Media Desk Suisse die Lancierung von europäischen Filmen; in diesem Rahmen flossen im letzten Jahr knapp 800'000 Franken. Das Bundesamt für Kultur subventionierte mit insgesamt 350'000 Franken die Starts von 29 aussereuropäischen Filmen.

Nicht richtig in Sicht ist eine junge Generation von Verleihern. Wer will zum jetzigen Zeitpunkt in dieses Geschäft einsteigen? Ein Verleih sei wie eine KMU, geprägt von starken Persönlichkeiten, sagt Thurston. Persönlichkeiten, die Regisseure begleitet und alle möglichen ästhetischen Entwicklungen miterlebt haben. In der Szene gibt es ein ausgeprägtes Geschichtsbewusstsein, auch was die eigene Aufbauleistung und das Engagement für eine bestimmte Art von Kino betrifft. Jenes Kino, das Cannes jeweils gross feiert, damit es in die Welt ausstrahlt.

«Matthias & Maxime» von Xavier Dolan ist inzwischen jedenfalls nicht mehr zu haben. Für die Schweiz hat jemand die Rechte gekauft, aber Cyril Thurston war es nicht.

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