Eine umständliche Mördersuche

Die hochkarätig besetzte Verfilmung von Jo Nesbøs Bestsellerroman «The Snowman» wirkt unfertig. Der Film ist zwar ­atmosphärisch dicht, aber die Handlung bleibt wirr, und die Auflösung überzeugt nicht.

Auf der Suche nach dem Schneemann-Killer: Michael Fassbender im Film «The Snowman».

Auf der Suche nach dem Schneemann-Killer: Michael Fassbender im Film «The Snowman».

(Bild: Jack English / zvg)

Die ersten Minuten von «The Snowman» («Schneemann») sind grandioses Kino: Eine dramatische Szene auf einem gefrorenen See als Prolog, dahinter verschneite norwegische Landschaften, ein melodiöser Soundtrack von Marco Beltrami und eine wunderbar ausgeleuchtete Titelsequenz, die das Publikum ins winterliche Oslo führt.

Auf der Leinwand erscheinen Namen, welche die Erwartungen des Publikums im Sekundentakt erhöhen: Michael Fassbender, Rebecca Ferguson, Charlotte Gainsbourg, Chloë Sévigny, J. K. Simmons, Val Kilmer. Und natürlich der Regisseur: Der Schwede Tomas Alfredson ­gehört spätestens seit «Tinker Taylor Soldier Spy» zu den ganz Grossen seiner Zunft.

Zwei Stunden später sind wir wieder auf einem gefrorenen See. Es ist Zeit für den Showdown ­zwischen dem Detektiv und dem frisch entlarvten Schneemann-Killer. Nach wie vor ist der Film atmosphärisch dicht und visuell ansprechend – aber die Euphorie ist verflogen. Die Mördersuche war umständlich, frustrierend und langfädig. Die Auflösung des Falls ist abstrus, das Serienmordmotiv schon fast unfreiwillig ­komisch.

(Zu) viele falsche Fährten

Zwei Stunden lang wurden falsche Fährten gelegt. Zwei Stunden lang kämpfte der kettenrauchende Ermittler Harry Hole (Michael Fassbender) mit seinen inneren Dämonen. Zwei Stunden lang wurden prominent besetzte Nebenfiguren eingeführt und in einigen Fällen ohne Erklärung wieder fallen gelassen. Zwei Stunden lang simulierte «The Snowman» diverse Formen von Tiefgründigkeit – ohne Erfolg.

Ein ehrgeiziges Vorhaben

Aus Jo Nesbøs Bestsellervorlage hätte sich problemlos ein konventioneller Skandinavien-Krimi machen lassen – wenn auch mit stärkeren Bezügen zum Horrorgenre, als dies beispielsweise bei den zahlreichen «Wallander»-Verfilmungen der Fall war. Stattdessen folgen wir angestrengt einem ehrgeizigen Vor­haben, das mit seiner angestrebten Vielschichtigkeit nur Verwirrung erzeugt.

Drei Autoren, ein Murks

Insgesamt drei Drehbuchautoren haben versucht, Nesbøs ­500-Seiten-Roman zu straffen – aber das Resultat wirkt, als hätte das Trio ohne gegenseitige Absprache gearbeitet. Zudem lässt die Spieldauer von 119 Minuten vermuten, dass ein ursprünglich weit längerer Film auf das ­2-Stunden-Format heruntergeschnitten wurde.

«The Snowman» ist eindeutig nicht der Film, den sich die Leserschaft von Jo Nesbø  gewünscht hat.

Was im Verlauf der Produktion schiefgelaufen ist, muss an dieser Stelle nicht eruiert werden – aber die Festellung bleibt: Das Endergebnis entspricht nicht den Erwartungen des Zielpublikums, und wohl auch nicht wirklich denjenigen der Macher. «The Snowman» ist eindeutig nicht der Film, den sich die Leserschaft von Jo Nesbø gewünscht hat.

Die Rückkehr von Michael Fassbender als Kommissar Harry Hole wird am Ende von «The Snowman» zwar bereits angekündigt. Sollte es aber tatsächlich dazu kommen, dann wäre nächstes Mal ein Film wünschenswert, der auf der inhaltlichen Ebene so viel Sorgfalt erfährt, wie es hier das Produktionsdesign erfahren hat.

Die Stärken von Nesbø

Vielleicht reicht es hierfür schon, wenn sich die Drehbuchautoren auf Jo Nesbøs Stärken zu besinnen versuchen: Der Mann schreibt nicht verästelt und überambitioniert, sondern er hält sein Publikum mit grusligen Schilderungen und überraschenden Wendungen bei der Stange. Und er lässt keine Handlungsstränge ins Leere laufen.

«The Snowman» («Schneemann»): Der Film läuft ab 19. Oktober im ­Kino.

Berner Zeitung

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