Eine Schwangere geht durch die Hölle

In Darren Aronofskys Psycho-Horrorstück ­«Mother!» spielt Jennifer Lawrence eine werdende ­Mutter, die in einem Albtraum feststeckt. Die Obsession des Autors mit weiblichem Leiden irritiert jedoch.

Jennifer Lawrence muss im Horrorfilm «Mother!» so einiges durchmachen. Quelle: Youtube


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Nennen wir doch den einen Film, an den man beim Anschauen von «Mother!» unweigerlich denken muss, beim Namen: Es ist «Rosemary’s Baby» von Roman Polanski. Ohne nun lange die Gemeinsamkeiten und Unterschiede der beiden Filme herauszustreichen – zu viel müsste hierfür preisgegeben werden –, lässt sich zumindest eine klare Aussage machen: Polanski wusste, wann es genug ist.

Aronofskys «Mother!» hingegen ist kein Werk der Zurückhaltung: Die Intimsphäre der weiblichen Hauptfigur wird nicht nur verletzt, sondern zwei Stunden lang mit dem Schlaghammer penetriert. Erste Momente des Unwohlseins entwickeln sich im Verlauf einer kontinuierlichen Steigerung zu einer nervlich belastenden Hölle, in der kein Schwangerschaftstrauma ausgelassen wird.

Uneingeladene Gäste

Konkret bedeutet dies: Eine schwangere Frau – einen Namen hat sie nicht – muss in einer ersten Phase mit ansehen, wie ihr mysteriöser Gatte (Javier Bardem) fremde Menschen ins frisch bezogene Eigenheim einziehen lässt. Diese bizarren Gäste werden immer aufdringlicher, immer furchteinflössender, immer zahlreicher.

Nachdem ein erstes Mal Blut geflossen ist, scheint dieses Kapitel abgeschlossen zu sein, doch schon bald geht alles wieder von vorne los, und diesmal im Schleudergang: In furiosen, schier endlos langen Sequenzen stürmen Menschenmassen das Haus und verwandeln es in ein Schlachtfeld.

Es zeichnet sich zudem ab, dass der werdende Vater – ein Dichter mit Schreibstau – dieser Invasion nicht nur tatenlos zuschaut, sondern sie geradezu gutzuheissen scheint. Diese Szenen lösen im Publikum ein fast physisches Unwohlsein aus: Sie sind lärmig, sie wirken zusammenhanglos, die Kamera schwenkt in alle Richtungen durchs Halbdunkel, und gerade weil man dieses groteske Tohuwabohu durch die Augen einer schwangeren Frau beobachtet, möchte man dem Regisseur irgendwann zurufen: «Es reicht jetzt!»

Aber es reicht nicht – die von Jennifer Lawrence gespielte Frau ist noch nicht am Ende ihrer Qualen. Die endgültige Angst jeder werdenden Mutter – das Neugeborene könnte im Verlauf der Geburt sterben – gibt Anlass zu einer Szene, für die «widerlich» kein zu grobes Wort ist.

Überhebliche Anspielungen

Aber das geht so weit in Ordnung. Niemand, der sich aus freien Stücken einen Horrorfilm ansieht, sollte sich danach darüber beklagen, dass ihm mit drastischen Schockmomenten die Kehle zugeschnürt wurde. In diesem Sinne ist «Mother!» durchaus ein starkes, wirkungsvolles Stück «Grand Guignol»-Horror.

Das Problem liegt woanders: Aronofsky will offensichtlich mehr bieten als nur Grusel. Dem Film liegt ein irritierender Diskurs über weiblichen Schmerz zugrunde, der dadurch nicht angenehmer wird, dass der Regisseur seinen Surrealismus mit aufdringlichen Symbolen spickt.

Als müsste man diesen Zirkus – ähnlich wie bei Alejandro González Iñárritu oder bei Mel Gibson – zwingend als christliche Allegorie auffassen. Diese überheblichen Verweise auf einen tieferen religiösen Sinn sind der wahre Horror dieses Schreckstücks.

«Mother!»: Der Film läuft ab Donnerstag, 14.9., im Kino. (Berner Zeitung)

Erstellt: 12.09.2017, 14:56 Uhr

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