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Eine Geschichte aus dunkler Zeit

Der Berner Regisseur Markus Imboden dreht momentan im Emmental «Der Verdingbub». Das Drama beleuchtet ein lange verdrängtes Stück Schweizer Vergangenheit.

Thomas Allenbach
Werden wie Arbeitsvieh behandelt: Die Verdingkinder Berteli und Max (Lisa Brand und Max Hubacher) auf dem Bauernhof der Bösigers.
Werden wie Arbeitsvieh behandelt: Die Verdingkinder Berteli und Max (Lisa Brand und Max Hubacher) auf dem Bauernhof der Bösigers.

«Wir finden hier alles, was wir brauchen. Ein Glücksfall.» Der Filmproduzent Peter Reichenbach sieht zufrieden, was das Drehbuch des Dramas «Der Verdingbub» verlangt: Auf dem Dorfplatz von Trub sind die 50er-Jahre zurück. Alte Marktstände, Fuhrwerke, Traktoren aus Pionierzeiten, Jung und Alt in Trachten. Auf der Wiese ist Schwingfest, beobachtet wird das Geschehen von zwei bekannten Schauspielern in Bauernkleidern: Stefan Kurt und Katja Riemann.

Im Sägemehl sind die Schwinger zugange, das Publikum auf der Tribüne geht mit, Fahnen flattern, zwischendurch wird gesungen: «Wenn eine tannigi Hose het». 180 Statisten sind engagiert, viele Kostüme und Requisiten stammen aus den Dörfern. Den VW-Käfer mit Jahrgang 1951 hat sein Besitzer selbst hergefahren; ein Oldtimer auch er, mit dicker Brille und Gehhilfe. «Die Leute machen mit Begeisterung mit», lobt Reichenbach. Die Truber kennen das Filmgeschäft, hier hat schon Bettina Oberli ihre «Herbstzeitlosen» realisiert.

Wahre Schicksale

Markus Imboden dreht an diesem Tag eine der aufwendigen Szenen des Films: Am Schwingfest kann der Verdingbub Max sein Talent am Handörgeli zeigen, dem Instrument, das dem Erniedrigten Lebensmut gibt. Ein trügerischer Moment des Glücks. Später wird Max auf der Dunkelmatt, dem Hof der Bösigers, nur noch mehr gequält.

Die fiktive Geschichte von «Der Verdingbub» basiert auf realen Schicksalen. Max ist eines von zahllosen Kindern, die in der Schweiz noch bis in die 60er-Jahre verdingt und auf Bauernhöfen wie Arbeitsvieh behandelt wurden – ein dunkles Kapitel, das Markus Imboden, 1950 in Interlaken geboren, aus seiner eigenen Familie kennt: «Mein Vater ist Waise gewesen und unter ähnlichen Umständen aufgewachsen wie Verdingkinder», erzählt er. Das war für ihn ein Grund, die Regie zu übernehmen, die Dramatik des Stoffs ein anderer. Imboden interessiert das gesellschaftliche Klima, das diesen Missbrauch erst möglich machte, die Verstocktheit, die überkommene Moral, die Armut: «Ich will greifbar machen, was Armut mit Menschen machen kann.»

Seit 2001, seit «Heidi», hat Imboden («Katzendiebe») ausschliesslich in Deutschland gearbeitet. Mit TV-Produktionen wie «Mörder auf Amrum» hat er sich Grimme-Preise geholt und einen hervorragenden Namen gemacht. Eigentlich hätte er schon die Regie der Hürlimann-Verfilmung «Der grosse Kater» übernehmen sollen, er stieg aber aus, weil er nicht den Film machen konnte, der ihm vorschwebte. Mit dem «Verdingbub» kehrt er nun in die Schweiz zurück. Dass er im Emmental dreht, wo Franz Schnyder seine legendären Gotthelf-Verfilmungen realisiert hat, habe für ihn keine besondere Bedeutung, behauptet Imboden. Schnyders «Uli»-Filme hat er sich zwar noch einmal angeschaut, inspiriert haben sie ihn angeblich nicht: «Ich fand sie wahnsinnig langweilig: statische Kamera, theatrales Schauspiel, geschniegelte Mundart. Das ist viel zu wenig lebendig.»

Hoffen, dass der Film hilft

Die Dreharbeiten besucht an diesem Freitag auch Walter Zwahlen, Präsident des Vereins «Kinder verdingt», der sich für die Rehabilitation der Opfer einsetzt. Er wird begleitet vom 80-jährigen Charles Probst, einem Verdingkind mit Heimatort Lützelflüh, dessen Lebensgeschichte Teil der Wanderausstellung «Verdingkinder reden» (2009 im Käfigturm Bern) war. Beide hoffen, dass der Film ihrer Sache helfen wird. «Es ist wichtig, dass das Thema im Gespräch bleibt und die Forschung weitergeht», sagt Zwahlen, «im Moment ist sie nur bis 2012 gesichert.»

Charles Probst kommt mit Max Hubacher ins Gespräch, der im Film den Verdingbuben Max spielt. Hubacher, 17-jährig, Stadtberner, ist der Jungschauspieler der Stunde; am Donnerstag kommt «Die Stationspiraten» mit ihm ins Kino. Die Begegnung mit Probst beeindruckt ihn: «Ich habe viel über Verdingkinder gelesen. Aber es ist etwas anderes, wenn man einem Menschen mit so einem Schicksal direkt begegnet.» Bei den Dreharbeiten sei es wichtig, nicht persönlich zu nehmen, was der Figur widerfährt. «Das ist aber nicht einfach, wenn man ein derart überzeugendes Gegenüber hat wie Stefan Kurt.»

Make-up für die Bauernhände

Dieser Stefan Kurt geht schweren Schrittes, die Hände in die Taschen vergraben, über den Drehplatz. Er spielt den Dunkelmatt-Bauern Bösiger, der Max das Leben zur Hölle macht. Eine ungewohnte Rolle für den Wahlberliner, der bisher vor allem urbane, distinguierte Typen gespielt hat (zuletzt Martin Suters Weynfeldt). «Bei meinen Händen sieht jeder, dass das keine Bauernhände sind.» Da soll Schminke helfen, alles andere ist Schauspielkunst. Stefan Kurt, 1959 in Bern geboren, kann dazu auf Kindheitserfahrungen zurückgreifen, auf Ferienwochen bei Bauern: «Ich kenne die Gegend, die Leute, die Mentalität.» Den Bösiger will er «schon aus Eigennutz» nicht bloss als negative Figur zeigen, «das wäre ja langweilig».

Im Gegensatz zu den sonnigen «Herbstzeitlosen» zeigt «Der Verdingbub» die Schattenseiten des Emmentals. «Es gab Leute, die befürchteten, wir würden sie verteufeln», sagt Stefan Kurt, «doch es geht um eine Geschichte, die irgendwo in der Schweiz spielen könnte.» Gerade das macht den Film für die Deutsche Katja Riemann besonders interessant. «Die Schweiz galt in Deutschland als bessere Welt. Das Beispiel der Verdingkinder zeigt, dass auch in diesem Land schreckliche Dinge passiert sind.»

Riemann spricht Berndeutsch

Riemann in der Rolle der Bösigerin ist eine überraschende Besetzung und eine Folge der Co-Produktion: Ein Viertel des Budgets von vier Millionen Franken kommt aus Deutschland. Für die Schweizer Fassung wird Riemann synchronisiert, trotzdem versucht sie, Berndeutsch zu sprechen. «Die Sprache ist ein Schlüssel zur Rolle», sagt sie, «sie hat Einfluss auf die Körpersprache.» Riemann ist in einem Dorf aufgewachsen, «so klein wie Trub, aber lange nicht so hübsch». Dass sie die Rolle angenommen hat, liegt auch am Drehbuch, das der Tristesse die Hoffnung entgegensetzt: «Das gefällt mir als Kinomensch. Wir drehen ja keinen Dokumentarfilm, wir wollen auf ernsthafte Art auch unterhalten.» Sagts und ist wieder weg. Der Regisseur ruft.

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