Ein Freak mit Mission

Der Gürbetaler Toni Caradonna hat den weltweit ersten Film ­produziert, der mit der Onlinewährung Ether ­finanziert wurde. So will er zeigen, dass es die grossen Geldgeber nicht mehr braucht. Heute feiert «The Pitts Circus» Premiere in Hollywood.

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Der Mann mit Mission trägt eine rote Baseballmütze und verschieden gemusterte Socken. Links geringelt, rechts getupft. Wer will schon stromlinienförmig sein?

Toni Caradonna sicher nicht. Und darum macht es ihm auch nichts aus, auf dem Dach des Redaktionsgebäudes dieser Zeitung zu posieren – obwohl das Be­gehen des Flachdachs eigentlich verboten ist. Der Physiker aus dem Gürbetal ist sich Nerven­kitzel gewohnt. Sein Studium finanzierte er sich einst mit Stuntcomedy, also halsbrecherischer Strassenkunst. Als «Superbuffo» trat er später europaweit auf.

Nun hat der 45-Jährige den weltweit ersten Film produziert, der mit einer Onlinewährung finanziert wurde (siehe separaten Artikel). Heute feiert «The Pitts Circus» Premiere in den legendären Laemmle-Studios in Hollywood, die beste Adresse für alternatives Kino in der Traumfabrik. Doch der Produzent relativiert: «Es sind ja nicht die Universal Studios.» Caradonna ist ein Tiefstapler.

Märchenhafte Geschichte

Die Premiere ist der vorläufige Höhepunkt einer märchenhaft anmutenden Geschichte. Und die geht so: Vor Jahren schon traf Caradonna in Australien die Zirkusfamilie The Pitts. Er befreundete sich mit ihr. Er wusste, dass er irgendwann einen Film über die spezielle und inspirierende Familie drehen würde. Obwohl er im Filmbusiness gänzlich unerfahren war. Später kam im Internet die neue Währung Bitcoin auf, als Naturwissenschaftler verfolgte Caradonna diese Entwicklung aufmerksam.

«Leider war ich zu spät dran, um Bitcoins zu kaufen», sagt er. «Hätte ich mich vor acht Jahren dazu entschlossen, wäre ich heute wohl einer der Reichsten in der Schweiz.» Caradonna zuckt mit den Schultern. «Ich ging halt lieber wandern, als noch mehr am Computer zu sitzen», sagt er. Bei der später aufgekommenen Konkurrenzwährung Ether war er aber nicht zu spät dran. Caradonna entschloss sich, die Finanzierung des Films vollständig über die sogenannten Blockchains abzuwickeln.

«Blockchain ist mein Werkzeug für eine bessere Welt.»Toni Caradonna

Ein ambitioniertes Ziel. Doch es funktionierte. Und wie. Ein Vorteil war die Internationalität des Projekts: Die Protagonisten sind Australier und Schweizer (Matto Kämpf spielt den Bösewicht), der Regisseur ist Ire, der Produzent Schweizer. Das Team setzte auf die Verschränkung der internationalen Zirkusgemeinschaft mit der Gemeinschaft der Computerfreaks. «Es gibt nichts Freakigeres als einen Zirkusartisten, der ein Blockchain-Projekt startet», liess sich Caradonna im April zitieren. Das Ziel von 50 000 Franken wurde erreicht. Und weil der Film später an Blockchain-Börsen gehandelt wurde, hat er mittlerweile einen Wert von 2 Millionen Dollar.

Weltweite Initiative

Das ist ein Haufen Geld. Toni Caradonna winkt ab. «Man kann auch sagen, dass die Leute viel zu hohe Erwartungen an den Film haben», sagt er. «Es ist möglich, dass wir diese Erwartungen nicht erfüllen werden.» Jetzt spricht wieder der Tiefstapler.

Doch die Art, wie der Film produziert wurde, erregt Aufmerksamkeit in der ganzen Welt. Und so leitete Caradonna auch schon einen Workshop an einem Filmfestival in Südafrika und wurde am Los Angeles Independent Film Festival als bester Produzent ausgezeichnet. Das findet er gut. Nicht wegen seines Egos, sondern wegen seiner Mission. Und die ist folgende: «Blockchain ist mein Werkzeug für eine bessere Welt. Ich will zeigen, dass es möglich ist, unabhängig von grossen Investoren oder staatlicher Förderung einen Film zu produzieren, der gut ist», sagt er. Kultur könne anders als heute finanziert werden, davon ist er überzeugt.

«Ich will zeigen, dass es möglich ist, unabhängig von grossen Investoren oder staatlicher Förderung einen Film zu produzieren, der gut ist.»Toni Caradonna

Und für diese Überzeugung hat er in den letzten eineinhalb Jahren fast pausenlos gearbeitet. So ist es auch ziemlich schwierig, einen Termin mit Caradonna zu bekommen. Fast stündlich ist eine andere Besprechung angesagt, er spricht per Skype, geht an Tagungen, spricht beim EDA vor – und dazwischen hilft er seinem Sohn bei den Hausaufgaben.

Inzwischen hat man auch anderswo gemerkt, dass Toni Caradonna eine Mission hat. Er ist nicht wie viele andere vor allem daran interessiert, mit der neuen Währung Geld zu verdienen. Nicht zuletzt deshalb ist er seit kurzem als Blockchain-Experte bei der weltweiten Initiative für eine Grüne Liste der Schutz­gebiete dabei. Das globale Programm soll analog zur Roten Liste der bedrohten Tierarten die gut geführten Schutzgebiete weltweit sichtbar machen. Seit dem 1. November kann man sich mit Ether beteiligen. Die Initiative setzt auf die Technologie des Blockchain. Und auf Toni Caradonna, den Mann mit Mission. (Berner Zeitung)

Erstellt: 13.11.2017, 14:55 Uhr

Zum Film

«The Pitts Circus» erzählt die Geschichte der australischen ­Zirkusfamilie The Pitts, die aus Vater, Mutter und drei Kindern besteht. Diese Familie gibt es wirklich, die Familienmitglieder spielen auch die Hauptrolle. Doch was sie auf ihrer Reise quer über den Kontinent zu einem Zirkusfestival erleben, ist frei erfunden (Regisseur: Ken Fanning). Zirkussohn Wee Pitts findet auf der Reise ein «Wallet» voller Onlinewährung. Sie gehört aristokratischen und kriminellen Schweizern (Matto Kämpf, Carlos Henriquez). Die sind natürlich gar nicht erfreut, ihr Geld in anderen Händen zu wissen, und hetzen eine Auftragskillerin auf die Familie. Der Film wurde in Australien und in der Schweiz auf Englisch gedreht. Schauplatz in der Schweiz waren die Schlösser in Hünegg und Thun.

Wann der Film in die Schweizer Kinos kommt, ist noch nicht klar. bol

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