Diese Bernerin spielte sich in die Herzen der Letten

Seit zwanzig Jahren ist die Bernerin Sabine Timoteo in internationalen Filmen zu sehen. Für die Hauptrolle in «Melanies Chronik» wurde sie in Lettland Schauspielerin des Jahres.

Seit zwanzig Jahren wohnt Sabine Timoteo mit ihren Kinden im Lorrainequartier. «Mys Näscht» nennt sie die Stadt Bern. 

Seit zwanzig Jahren wohnt Sabine Timoteo mit ihren Kinden im Lorrainequartier. «Mys Näscht» nennt sie die Stadt Bern. 

(Bild: Susanne Keller)

Martin Burkhalter@M_R_Bu

Sie mag sie nicht, diese Situationen: das Aufnahmegerät auf dem Tisch, der Notizblock, die Fragen und dann vor allem das Reduziertwerden auf ein paar Zeilen in einer Zeitung. «Es ist nicht leicht und nicht das, was ich am liebsten mache», sagt Sabine Timoteo, während sie in ihrem weiten roten Wollpullover auf einer Bank in der Brasserie sitzt – ganz Berner Lorrainequartier-Bewohnerin.

«Ich muss eigentlich nicht über meine Arbeit sprechen. Ich brauche es nicht. Ich muss auch nicht über meine Familie sprechen, über meine Gefühle. Ich muss das alles nicht.» Jedes Mal müsse sie sich überwinden. Jedes Mal sich sagen: Es gehört dazu.

«Ich bin keine Figur. Kein Rösslispiel.»Sabine Timoteo

Deshalb gibt es auch keine Homestory über sie in der «Schweizer Illustrierten», keine Werbespots mit ihr, keine Erwähnungen in den Boulevardklatschspalten. Sie meidet die Öffentlichkeit. Dabei könnte sie auch anders. In über sechzig Filmen hat die heute 43-Jährige bereits gespielt, in Deutschland, in Italien, Österreich, Spanien. Hat unzählige Preise gewonnen.

Darunter zweimal den Schweizer Filmpreis. Eigentlich gehört sie zu den erfolgreichsten Schweizer Schauspielern. Aber auch Erfolg ist ihr egal. «Erfüllt will ich sein», sagt sie, lächelt und lehnt sich zurück. «Ich bin keine Figur. Kein Rösslispiel.»

Lettlands Trauma

Dass sie sich jetzt trotzdem interviewen und fotografieren lässt, hat mit einem Film zu tun, der am kommenden Wochenende in der Cinématte Berner Premiere feiert und ihr ein Herzensanliegen geworden ist: «Melanies Chronik». Die wahre Geschichte über die lettische Journalistin Melanija Vanaga, die 1941 auf Stalins Befehl deportiert wurde und sechzehn Jahre in Sibirien verbringen musste.

Es ist ein beklemmender, bedrückender Film, schwer wie Blei und doch von einer poetischen Leichtigkeit. Es ist die Geschichte eines Menschen, der alles dafür tut, sich nicht vernichten zu lassen.

Sabine Timoteo spielt diesen Menschen, diese Melanija, und wurde dafür zur lettischen Schauspielerin des Jahres gewählt. Mittlerweile gehört der Film zu den meistgesehenen in Lettland überhaupt. Er ist zugleich die Aufarbeitung eines Traumas, das noch heute jede Familie Lettlands betrifft.

«Fast alle haben diese Geschichte in sich», sagt Sabine Timoteo. Das habe sie auch an der Premiere in Lettland gemerkt. Eine grundsätzliche Skepsis sei spürbar gewesen. Aber auch eine Dankbarkeit, dass diese Geschichte wiedererweckt worden sei und man darüber spreche. «Die Leute kamen zu mir, wollten meine Hände berühren, weil sie diese Melanie und sich selber in mir sahen.»

Die anfängliche Angst, dem nicht gerecht werden zu können, war für Timoteo bald verflogen. «Jeder Mensch am Set hatte das riesige Bedürfnis diesen Film zu machen, diese Geschichte zu erzählen», sagt sie. «Alle Gefühle waren schon da. Ich musste gar nicht überlegen, wie ich etwas spiele, ich hab es einfach gemacht.»

Natürlich war sie überrascht, dass sie diese Rolle bekam. Deshalb hat sie bei Regisseur Viestur Kairish nachgefragt. Gerade weil jeder in Lettland diese Geschichte in sich trage, habe er jemand von ausserhalb gewollt, sagt sie. Jemand, der Distanz dazu habe. Und dann spielte noch der Zufall mit. «Er sagte zu mir: Es ist ganz einfach. Ich gehe nur an ein einziges Filmfestival. An die Berlinale. Und an jedem Festival bin ich in einem Film mit dir gelandet.»

Ruhelos und ungestüm

Das passt zu Sabine Timoteos Biografie beziehungsweise Filmografie. «Melanies Chronik» feierte bereits 2016 in Lettland Premiere. Inzwischen hat sie schon wieder in einem halben Dutzend weiteren Projekten mitgewirkt. Was nach Arbeitswut aussieht, ist vor allem Broterwerb. Seit zwanzig Jahren überlebt sie ausschliesslich als Film-, ganz selten mal als Fernsehschauspielerin. Seit ebenso langer Zeit ist sie Mutter von zwei Töchtern, war verheiratet und ist inzwischen geschieden.

Sabine Timoteo sagt: «Ohne meine Kinder hätte ich nicht Karriere gemacht.» Der Druck, Geld zu verdienen, hat sie angestachelt. Hat sie vielleicht auch so ruhelos und ungestüm werden lassen. «Ich bin müde. Ja. Sehr müde», sagt sie. Am liebsten würde sie gerne weniger spielen müssen, mehr auswählen können. Aber das Geld würde nicht reichen.

Vor der Heirat, den Kindern, der Schauspielerei hiess Sabine noch Hagenbüchle und hatte eine andere Karriere, lebte ein anderes Leben, auch eines, das Spuren, wenn nicht Narben hinterlassen hat. In den USA und Lausanne aufgewachsen, ist sie mit fünf Jahren Balletttänzerin. Mit siebzehn gewinnt sie den Prix de Lausanne, wenig später tanzt sie in Heinz Spoerlis Ensemble an der Deutschen Oper in Düsseldorf.

«Eigentlich übe ich mit meinem Beruf ja das Sterben. ­Immer und immer wieder.»Sabine Timoteo

Das Leben als Tänzerin, erzählt sie, liess sie jedoch immer mehr von sich selber entfremden, bis es zum Bruch kam. «Am Ende hatte ich mich derart verloren. Ich habe von einem Tag auf den anderen alles, was ich bis dahin geworden war, einfach fahren lassen.» Auflösung nennt sie es. Es war nicht nur das Tanzen. Vor ein paar Jahren hat sie zum ersten Mal öffentlich von einem sexuellen Missbrauch in der Kindheit erzählt.

Neuanfang in Bern

Sie lässt ihr bisheriges Leben hinter sich und zieht 1997 nach Bern in die Lorraine. Dort macht sie im Restaurant Harmonie eine Kochlehre, um «wieder einen anderen Umgang mit mir zu finden». Zur Schauspielerei kommt sie durch Zufall. «Ich habe nie gesagt, ich werde jetzt Schauspielerin, ich brauche eine Agentur», sagt Sabine Timoteo. «Leute sind gekommen und haben mich gefragt. Und ich habe oft auch Nein gesagt.»

Sabine Timoteo spielt oft schwierige, spezielle Rollen. Eine Taschendiebin etwa, eine Behinderte, die Freundin eines Sexualstraftäters. «Nein», sagt Sabine Timoteo. «Ich spiele nicht, um mich selber zu finden. Aber um das Leben zu erforschen, spielerisch, wie ein Kind.» Eine Rolle gebe einen Rahmen vor. Bestimme und beschränke einen. «Du übst quasi, im Kleinen zu leben.»

Vor der Kamera gelte immer das «Jetzt, jetzt, jetzt». In jedem einzelnen Moment passiere es, jede Rolle fordere ein anderes Sein. «Du weisst, was auf dich zukommt und dass es endet», sagt sie, lehnt sich nochmals zurück, schaut an die Decke: «Eigentlich übe ich mit meinem Beruf ja das Sterben. Immer und immer wieder.»

Premiere: Sonntag, 18. 11.,16 Uhr, in Anwesenheit von Sabine Timoteo, Cinématte, Bern.

Berner Zeitung

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