Die Verachtung der Massen

Superhelden wie Batman und Superman geraten immer wieder unter Faschismusverdacht. Doch wie totalitär sind sie wirklich, die Übermenschen des aktuellen Blockbusterkinos? Ein Essay.

Popkulturelle Erzeugung von Heroismus und Pathos? Henry Cavill als Superman in «Man of Steel».

Popkulturelle Erzeugung von Heroismus und Pathos? Henry Cavill als Superman in «Man of Steel».

(Bild: PD)

Vom stählernen Superman zum patriotischen Captain America, vom rassistischen Cowboy bis zum Staatsterroristen James Bond: Die Helden der populären Kultur geraten mit schöner Regelmässigkeit unter Faschismusverdacht. Zwischendurch versuchen sie sich mit sozialem Bewusstsein, Selbstironie oder einer Portion Melancholie davon zu befreien. Ganz gelingt das nie. Das reicht zurück bis in den Zweiten Weltkrieg, als die Helden der Popkultur ihre Aufgabe darin fanden, Freiheit und Demokratie gegen den realen Nationalsozialismus aus Deutschland zu verteidigen.

So klar es scheint, dass sich Gegenpropaganda immer auch an der Propaganda entzündet und vergiftet, so schwierig ist es doch nachzuvollziehen, dass auch in der populären Kultur der kapitalistischen Demokratie par excellence, der USA, immer wieder Bilder, Erzählungen und Begriffe auftauchen, die man im Nachhinein als teilfaschistisch oder faschistoid bezeichnen könnte.

Tarzan, der Herr des Dschungels, war ein postkolonialer Rassist übelster Sorte, und der Weltraumheld Flash Gordon hätte nicht nur wegen seines blond-blauäugig-athletischen Äusseren die Träume vom arischen Übermenschen erfüllt. Superman wiederum, erdacht von zwei jüdischen Teenagern, deren Angehörige in deutschen Konzentrationslagern umgekommen waren, musste seinen kosmischen Migrationshintergrund durch Supertaten bearbeiten, die sich der faschistischen Männerfantasie, der Verschmelzung von Fleisch und Stahl, so naiv als möglich bedienten. Und in Batmans Heimatstadt Gotham City herrscht eine Mischung aus mittelalterlicher Düsternis und technischer Überwältigung, wie sie auch die Nazis liebten.

Halbgott und Übermensch

In den 60er- und 70er-Jahren verabschiedeten sich die Helden der Popkultur weitgehend vom Pathos der heroischen Männerkörper. Im Übergang zum «postheroischen» Zeitalter entwickelten sie eher soziales Bewusstsein als riefenstahlsche Macho-Posen. Heute sind Comic-Helden auf der Leinwand zur Erfolgsformel für das globale Blockbusterkino geworden. Dabei verloren sie ihren leichtfüssigen Popcharakter, ihren Hang zu Spiel und Unernst, ihre Lust an Zeichen, an Camp, an Selbstironie.

Augenblicklich siehts im Kino so aus, als müssten die Superhelden die Wende zum Postheroismus revidieren, die Welt retten und auf jede Krise eine Antwort geben: auf 9/11, auf die Finanzkrise, auf Guantánamo. In dieser Renaissance der Superhelden ist die Frage nach ihrem faschistischen Anteil dringlicher denn je, wo doch «faschistische Ästhetik» in jedem zweiten Computerspiel, in einer Mehrzahl von Fantasy-Welten und in etlichen Fernsehserien auftaucht. Superhelden tendieren ohnehin dazu, an der Schnittstelle zwischen Halbgott und Übermensch die faschistische Vorstellung zumindest zu streifen.

Was heisst schon faschistische Ästhetik?

Auf den Onlineforen der Fans finden durchaus hitzige Debatten darüber statt, insbesondere über Christopher Nolans Batman-Trilogie, aber auch in Bezug auf den neuen Superman-Film «Man of Steel». Der Begriff des Faschismus, den die einen ins Feld führen und gegen den die anderen sich verwahren, wird dabei eher unscharf, gefühlsmässig benutzt, mehr in Bezug auf die Motivation und Handlungsweise der Helden (gewalttätig, selbstgerecht, nationalistisch; todessehnsüchtig, opferbereit, performativ). Noch unschärfer sind die Bezüge zu einer faschistischen Ästhetik.

Und in der Tat: Was heisst schon faschistische Ästhetik? Was einem dazu einfällt, sind die Filme von Leni Riefenstahl, die Olympia- und die Reichsparteitagsfantasien zumal, die Skulpturen von Arno Breker, die Bauten von Albert Speer und der Militärkitsch der Massenproduktion, der die Wohnzimmer mit arischen Porzellanfiguren und Führerbildern füllte, dazu Uniformgeilheit und Hakenkreuze in allen Variationen.

Eine «Führer»-Rolle

Die Übertragung des Religiösen ins Politische, der Gigantismus, die Erzeugung von Bewegungsräuschen, die Heroisierung des Volkstümlichen, sogar eine Monumentalisierung des Pornografischen: Viele dieser Tricks der ästhetischen Inbetriebnahme durch den Faschismus sind den Tricks von Popkultur und Werbung sehr ähnlich. Daher ist es kein Wunder, dass die Popkultur in Hitler den Popstar sieht, in der faschistischen Ornamentalisierung der Masse den Eventcharakter, in der Herrschaftsarchitektur die Bühnenarchitektur für starke Auftritte und im Wuchern der allgegenwärtigen Embleme des Faschismus ein gelungenes Branding. So besehen wäre es ein Wunder, wenn sich die populäre Kultur und die faschistische Ästhetik nicht immer mal wieder überschneiden würden.

Aber Christopher Nolans Batman-Trilogie wie auch Zack Snyders aktueller Superman-Film «Man of Steel» (bei dem Nolan als Produzent wirkte, weshalb man bereits von der «Nolanisierung» der Superhelden redet) gehen über das Mass einer «natürlichen» Verwandtschaft der Strategien der faschistischen Ästhetik und der popkulturellen Erzeugung von Heroismus und Pathos hinaus. Ins Auge sticht die direkte Übernahme religiöser Ikonografien in den Kontext der politischen Heldenbildung: Batmans Höllentrip und seine Wiederauferstehung, Supermans Geburt aus der Katastrophe seines Heimatplaneten Krypton und seine Weltraumreise in Christus-Pose. Die Superhelden streifen das Messianische nicht ab und akzeptieren schliesslich, wenn auch zögernd, eine «Führer»-Rolle.

Töten und foltern

Und beide finden in ihren Gegnern ihr Echo. Für Batman ist das Bane, der in «The Dark Knight Rises» einen «antikapitalistischen» Volksaufstand anzettelt und so das Chaos anrichtet, in dem er sich als einzige Lösung anbietet. Und für Superman der schwarzgekleidete General Zod, der bereit ist, «alles für seine Rasse» zu tun, einschliesslich der Ausrottung der anderen «Rasse», der Menschen nämlich. Diese Bösewichte machen ihren Faschismus ganz explizit und zitieren Hitler oder Mussolini so direkt oder assoziativ, dass auch der historisch weniger gebildete Zuschauer gleich Bescheid weiss. Diese Superfaschisten zwingen den Helden ein Verhalten auf, das wir aus ihren früheren Phasen nicht kennen. In einer Schlüsselszene in «Man of Steel» bricht Superman am Beginn seiner Initiation das, was ihn immer radikal von allem Faschismus trennte: sein Tötungstabu.

Der neue Superman müsste wohl den SS-Spruch «Meine Ehre heisst Treue» glatt unterschreiben. Seine Entscheidung für die neue Heimat Erde schliesst nicht nur das Sterben und das Töten ein, sondern führt auch von einer Verteidigung zur Vernichtung des Feindes als Ganzes. Snyders Superman empfindet auch kaum «Freude am Fliegen» wie in der vergangenen Superman-Filmserie mit Christopher Reeve. Stattdessen sehen wir schon auf dem Plakat die Verwandlung des Körpers in ein Projektil, unter Erzeugung eines speerschen Lichtdoms. Was die Superhelden in den beiden Jahrzehnten vorher gerade vermeiden wollten, das strebt dieser «Mann aus Stahl» offenbar an: eine lebende Wunderwaffe zu werden. Aber auch Batman bricht ein Tabu, wenn er sich implizit für das Mittel der Folter und des Terrors entscheidet. Es geht schliesslich immer darum, das Volk und die Familie zu verteidigen. Eine funktionierende «Zivilgesellschaft» scheint es in beiden Superhelden-Mythen nicht mehr zu geben, und Politiker geben nur dann eine halbwegs gute Figur ab, wenn sie sich einer rein militärischen Logik unterwerfen.

Speerisierung des Popcorn-Universums

Vom faschistischen Helden hat man gesagt, er setze sich aus drei Elementen zusammen: dem Hang zum Irrationalismus, dem Kult von Gesundheit und Kraft und der Ableitung aus dem Recht des Stärkeren. Diese drei Elemente leben die nolanisierten Helden bis zum Exzess aus, auch wenn sie sie immer als Reaktion auf eine gewaltige Herausforderung entwickeln. Supermans erste Heimat Krypton ist offensichtlich eine halb faschistische Gesellschaft, die ihn wie seinen Gegner prägt; Batman erlebt seine Initiation in einem mönchischen Meister-Schüler-Verhältnis. Immer geht es um Auserwählung und Prädestination; der Held wird nicht der Einzelne, sondern der Einzige. Und immer geht es um übermächtige Vaterbilder.

Muss man sich also fürchten vor den Elementen der faschistischen Ästhetik im Körper- und Heldenbild, in der Architektur als Pathos-Maschine, im Kult der phallischen Waffe, in der Militarisierung der Körper und der Gesellschaften? Muss man sich fürchten vor dieser Riefenstahlisierung, Brekerisierung, Speerisierung des Popcorn-Universums? In der Regel funktioniert das Zitieren der faschistischen Ästhetik in der Popkultur in einem frivolen Parodieren und Entkontextualisieren. War es, wie die Frankfurter Schule betonte, das Ziel des Faschismus, die Politik zu ästhetisieren, so entpolitisiert Pop diese Ästhetik wiederum; es bleibt nur das Pathos, die Dramaturgie der Einschüchterung (das Dröhnen und Brüllen, die Lust am Befehl), die Ausrichtung der Massen auf den Star bzw. den Führer.

Gegen Masse und Demokratie

Aber diese leere faschistische Ästhetik könnte auch wirken wie eine Hülle, die nach ihrem Kern sucht. Während faschistische Zeichen und Architekturen in Filmen, Comics und Computerspielen immer ungenierter verwendet werden, stellen sich an anderen Stellen der populären Kultur ganz andere Teilaspekte des Faschismus dar: Denken wir an die Rhetorik der Rechtspopulisten, den bösartigen Rassismus in den Fussballstadien oder die idiotischen «Kunst»-Inszenierungen eines Jonathan Meese, der es für eine gute Idee hält, die «Diktatur der Kunst» mit dem Hitlergruss zu unterstreichen. Die Frage ist, ob diese verschiedenen faschistoiden Partikel zusammenfinden oder ob sie einander womöglich gar nicht verstehen.

Bei «Man of Steel» besteht das Problem eher an der Oberfläche der Zeichen und des Plots; bei den Batman-Filmen und besonders bei «The Dark Knight Rises» liegt es tiefer in der Charakterentwicklung. Es geht hier um eine kulturpessimistische Geste gegen die Masse, gegen das Volk und gegen die Demokratie. Nur der todessehnsüchtige, elitäre, soldatisch geformte Mann oder Supermann kann sich der Gefahr stellen, die aus dem Chaotischen, Ungeformten, Organischen stammt: aus dem Volk. Das spielt sich nicht nur in den Kämpfen ab, sondern auch auf der Ebene der Zeichen und Architekturen. Batman tritt gegen einen Volksaufstand an, wie er zuvor in «The Dark Knight» gegen einen anarchistischen Revolutionär, den Joker, antreten musste, der es auf das Währungssystem abgesehen hatte.

Ist Batman also links, ist er rechts? Ist er heroisch oder tragisch als Held? Das tut nicht viel zur Sache. Die Hauptsache ist, dass er seinen Mantel breitet zwischen den Angreifern und dem dumm-chaotischen Volk und der unfähigen Politik. Was immer Batman und Superman verteidigen, die Demokratie ist es nicht.

Tages-Anzeiger

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