Die Neo-Punks sind los

Es krawallt wieder in Bern. Schauplatz ist das Spielfilmdebüt von Juri Steinhart: «Lasst die Alten sterben» ist eine augenzwinkernde Studie über jugendliche Energie, die kein Ventil findet.

Rebellion ja, aber wogegen? Dimitri Stapfer und Max Hubacher in «Lasst die Alten sterben».

Rebellion ja, aber wogegen? Dimitri Stapfer und Max Hubacher in «Lasst die Alten sterben».

(Bild: zvg)

Hans Jürg Zinsli@zasbros

Am Ende ist man aufgewühlt, berührt, ratlos. Und damit auf Augenhöhe mit Kevin (Max Hub­acher), einem 21-jährigen Hipster aus Bern, der krass sein will um jeden Preis. Zunächst online, dann ganz real. Kevin will die Revolution, er gründet eine Kommune, er wird zum Punk.

«Lasst die Alten sterben», das Spielfilmdebüt von Juri Steinhart («Experiment Schneuwly»), ist ein Film über junge Menschen, die eine geballte Zerstörungswut in sich tragen. Nur: Wogegen sie rebellieren sollen, wissen sie nicht so genau. Kann mans ihnen verdenken? Wie soll man als junger Mensch heute auch aufbegehren, wenn einem sämt­liche Wohlstandsannehmlichkeiten nachgeworfen werden.

Provokant, aktuell, satirisch

Regisseur Steinhart stellt in «Lasst die Alten sterben» auf augenzwinkernde Art unbequeme Fragen. Dazu liefert er bewusst ungenaue Skizzen, schwarzweiss und in Farbe. Und er spielt den Zuschauer schwindlig mit einer rasanten Auftakts-Plansequenz sowie blinkenden Social-Media-Pop-ups: «Warum hesch mis bild nid gliked?» – «Done! Sorry, bro!»

Vor allem aber ist da Kevin, der zuerst sein Smartphone und dann die Stube seiner Eltern zertrümmert und dabei von den eigenen Dämonen eingeholt wird. Als Erstes taucht eine Entzugserscheinung in Punkgestalt auf (Dimitri Stapfer) und als Letztes Kevins Vater (Christoph Gaugler), der aus seiner verkorksten Ehe wegrennt und in der Kommune des Sohnes über einen «Ämtliplan» staunt. Der Vater ist es auch, der Kevin auf die Idee bringt, gegen wen man rebellieren soll: «Dreissig Jahre liegen die Alten nur auf der faulen Haut. Und wer zahlt den Luxus? Wir!»

Staunen macht auch Juri Steinhart. Der Berner Regisseur beweist ein sicheres Gespür für Provokation, Aktualität und Sa­tire, alles vereint in dieser rotzlöffligen Gemeinschaftsblase, die via Castingaufruf zusammengefunden hat. Das ist dann halb Containershow, halb Talentsuche. Fehlte bloss noch, dass Dieter Bohlen die Truppe bewertet.

Die Befindlichkeit von Bern

Doch «Lasst die Alten sterben» ist besser als jede Talent- oder Scripted-Reality-Show, denn der Film vereint Präzision, Energie und Spontaneität. Das Geheimnis: Regisseur Steinhart entwickelte die Figuren mit den Schauspielern, liess sämtliche Dialoge improvisieren und drehte mit mehreren Kameras (siehe Interview). Das Ergebnis ist ein Film, der sowohl aufrüttelnd wie dokumentierend wirkt. Und obwohl Bern namentlich nicht genannt wird, ist «Lasst die Alten sterben» dennoch ein Panorama der Befindlichkeit dieser Stadt.

Dazu tragen die Darsteller entscheidend bei – mit einer der ­besten Ensembleleistungen in einem Schweizer Film seit Jahren. Dank Hubacher & Co. bleibt man wie angefixt an der Kinoleinwand kleben. Dass dem Film letztlich nicht alles gelingt, ist vernachlässigbar. Wenn Kevin zu Beginn sein Ritalin absetzt, bleibt das eine Behauptung. Und ein Autorückspiegel, den Hubacher zerdeppern sollte, will einfach nicht abfallen. Es sind Kleinig­keiten in einem kraftvollen Erstlingswerk.

«Lasst die Alten sterben»: Wiederholung am ZFF: 5. 10., 21.30 Uhr, ­Kino Riffraff Zürich. Vorpremiere in Bern mit Cast und Crew: 11. 10., 20.30 Uhr, Kino Rex Bern. Der Film läuft ab 12. 10. im Kino.

Berner Zeitung

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