Die Endzeit ist angerichtet

Düster und wuchtig: «Heimatland», ein Mix aus Katastrophenfilm und Sozialkritik, ist ein starkes Zeichen des jungen Schweizer Filmschaffens im Wettbewerb von Locarno.

«Heimatland»: Während sich am Himmel eine gigantische Wolke aufbaut, vergnügen sich einige Protagonisten an Weltuntergangsparties.

«Heimatland»: Während sich am Himmel eine gigantische Wolke aufbaut, vergnügen sich einige Protagonisten an Weltuntergangsparties.

(Bild: zvg)

Hans Jürg Zinsli@zasbros

«Wir wollen das Publikum herausfordern», sagt Jan Gassmann. «Wir wollen Reaktionen.» Gassmann ist einer der Kreativmotoren hinter «Heimatland», dem einzigen Schweizer Spielfilm im diesjährigen Wettbewerb von Locarno. Und ja, dieses von zehn Nachwuchsfilmern geschriebene und inszenierte Werk ist von beklemmender Wucht.

Eine Megawolke baut sich auf

«Heimatland», produziert von der Berner Contrast Film, spielt an zehn Schweizer Orten eine apokalyptische Was-wäre-wenn-Situation durch: Als sich eine gigantische Wolke über dem Land ausbreitet, kommts zu Panikkäufen, Bürgerwehr-Rekrutierungen, Verfolgungsjagden, Stromausfällen, Wassernotständen. Einem Supermarktmanager brennen die Sicherungen gegenüber einem störrischen Kunden durch. Eine Polizistin wird von Alpträumen heimgesucht, weil sie einen Asylbewerber getötet hat. Und ein junges Pärchen holt sich den ultimativen Kick an Endzeitparties, entfremdet sich jedoch mit zunehmender Grösse der Wolke. Unter anderem.

Von der Realität eingeholt

Isolation heisst das Schlüsselwort zu «Heimatland». Das hat politische Dimensionen, wenn Regisseur Gassmann mit Bezug auf die Minarett- und die Masseneinwanderungsinitiative festhält: «Wir wurden beim Schreiben des Drehbuchs immer wieder von der Realität eingeholt.» Es steckt aber auch geballte Sozialkritik in diesem Film. «Wir verlieren die Fähigkeit, uns mit anderen Menschen zu verbinden», sagt der Berner Gregor Frei. Er betont: «Wir Regisseure sind ebenfalls Teil dieser Befindlichkeit, die wir im Film zur Sprache bringen.» Das sitzt.

«Heimatland» ist nicht zufällig ein Werk von zehn Regisseuren, die alle zwischen dreissig und vierzig Jahren alt sind. Der Film will Seismograf einer Generation sein. Dafür hat sich dieses Kollektiv einer kraftvollen Bildsprache verschrieben, die einzelnen Szenen sind furios montiert (Schnitt: Kaya Inan), und wie selbstverständlich wird abwechselnd französisch und deutsch gesprochen. Laien spielen neben Profis, bekannte Gesichter sucht man (fast) vergebens.

Wieviel Koordination hinter einem solchen Mammutprojekt steckt, lässt sich erahnen, wenn der Berner Produzent Stefan Eichenberger von der landesweiten Suche nach einem passenden Supermarkt für die Inszenierung der Panikkäufe spricht. Da kann man sich ausmalen, auf wie viele Arten (inklusive Egotrips der Regisseure) dieser Episodenfilm hätte scheitern können.

Stil, Gestus, Perspektive

Dass «Heimatland» so gut funktioniert, liegt am Stil, am Gestus, an der Perspektive: Da wird mit Mitteln des Katastrophenfilms eine endzeitliche Mulmigkeit evoziert und gleichzeitig gefragt: Was, wenn die Europäische Union die Grenzen für einen gigantischen Schweizer Flüchtlingsstrom dicht macht?

Sympathieträger sucht man in diesem Film vergebens. Das macht ihn stark, aber auch schwierig. Und es gibt Reaktionen. Manche möchten diesem Film Publikumsbelehrung vorwerfen, wie dies an der Pressekonferenz in Locarno geschah. An der ausverkauften Festivalpremiere vor 3000 Leuten gabs dann allerdings viel Applaus. Sollten dennoch Diskussionen über «Heimatland» aufflammen (und diese sollten aufflammen), dann wäre dies das Beste, was diesem Film passieren kann.

HEIMATLAND – Trailer Deutsch from CONTRAST FILM on Vimeo.

Trailer zu «Heimatland». Quelle: Vimeo

Berner Zeitung

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt