Die Ch’tis bitten wieder zu Tisch

Dany Boons «Bienvenu chez les Ch’tis» war ein Grosserfolg – nun gibt es zwar keine Fortsetzung, aber doch eine eng verwandte Variation des Themas: «La Ch’tite famille».

Nicht gleich, aber ähnlich angerichtet wie «Bienvenu chez les Ch’tis»: «La Ch’tite famille» mit Pierre Richard, Valérie Bonneton, Line Renaud, Dany Boon und Guy Lecluyse (von links).  Foto: David Koskas

Nicht gleich, aber ähnlich angerichtet wie «Bienvenu chez les Ch’tis»: «La Ch’tite famille» mit Pierre Richard, Valérie Bonneton, Line Renaud, Dany Boon und Guy Lecluyse (von links). Foto: David Koskas Bild: zvg

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Sie sind wieder da, diese ungehobelten Nordfranzosen, die stinkenden Käse in ihren Kaffee tunken, damit er weniger stinkt, und die sich mit «Ääähs», «iiis» und «ooohs» sowie genuschelten Konsonanten ein Ch’timi-Kauderwelsch zusammenpappen, das kein Mensch versteht. So war das 2008 in «Bienvenue chez les Ch’tis», und so ist das auch jetzt, zehn Jahre später, im Follow-up «La Ch’tite famille».

Aber Moment, was ist da mit den Figuren passiert? Regisseur und Autor Dany Boon spielt nicht mehr den unglücklich verliebten, glockenspielversierten Pöstler Antoine, sondern heisst jetzt Valentin D., ist ein hochnäsiger Möbeldesigner und verkehrt in der Pariser High Society, wo er allen weismacht, er sei ein Waisenkind.

Das ist natürlich gelogen, denn Line Renaud verkörpert wie schon in «Bienvenue» seine resolute Mutter. Zum 80. Geburtstag reist die bärbeissige Matrone vom Autoschrottplatz aus den Ch’ti-Landen nach Paris und führt sich im Museum für Moderne Kunst auf, als sei Valentins Vernissage extra zu ihren Ehren hergerichtet.

Schön auch, dass die von Kad Merad verkörperte «Bienvenue»-Hauptfigur kurz vorbeischaut, doch der Mann heisst nicht mehr Phillippe Abrams und ist kein zwangsversetzter Poststellenchef mehr, sondern absolviert seinen Kürzest-Cameoauftritt als . . . Kad Merad.

Mehr Budget, weniger Erfolg

Nochmals: Was ist da los bei den Ch’tis? Nun, Dany Boons jüngster Streich ist keine Fortsetzung im herkömmlichen Sinn, sondern eine thematische, geografische und personelle Variation jener Culture-Clash-Komödie von 2008, die mit über 20 Millionen Eintritten zum erfolgreichsten französischen Film avancierte und weltweit 245 Millionen Dollar einspielte.

«Bienvenue» war ein Riesenerfolg, keine Frage, aber auch eine Bestmarke, die der französische Regisseur mit seinen folgenden Filmen «Rien à déclarer», «Supercondriaque» und «Raid dingue» nie mehr erreichte. Im Gegenteil: Je mehr Budget Boon zur Verfügung stand, desto geringer fielen die Einnahmen aus.

Gustave trägt einen zu kleinen Anzug, weil dieser von ­seiner Frau zu heiss gewaschen wurde, Valentin trägt zu kurze Hosen, weil das zum Grossstadt-Chic gehört.Source

Da darf man sich irgendwann schon darauf besinnen, sein überraschendstes und bekanntestes Werk neu aufzulegen – wobei zu sagen ist, dass Boon bereits 2008 laut über einen weiteren «Ch’ti»-Film nachdachte.

Jetzt steht fest: Es hätte auch schlimmer kommen können. Zum Beispiel, wenn jenes mit Will Smith geplante Hollywood-Remake von «Bienvenue chez les Ch’tis» realisiert worden wäre, wofür Boon mitsamt Familie nach Los Angeles umsiedelte – allerdings nur, um dieses Projekt nach jahrelanger Hin- und Herschieberei immer mehr entstellt und schliesslich beerdigt zu sehen.

Vielleicht war ja der kulturelle Unterschied zwischen Frankreich und USA zu gross? Was insofern der grösste Witz wäre, als es bei den Ch’tis genau darum geht: um regionale Differenzen. Wenn einer wie Boon in Hollywood nicht Remake-tauglich ist, dann spricht das für seine filmische Eigenart und Unnachahmlichkeit.

Der persönliche Hintergrund

Dabei wäre das «Ch’ti»-Prinzip relativ simpel: Boon bauscht Klischees auf, setzt Ängste und Vorurteile in die Welt und lässt die Leute aufeinander los, bis sie merken, dass die Klischees gar nicht viel taugen, worauf es zu unterschiedlichen Buddy-Allianzen kommt und alles in Minne endet. Das könnte man durchschaubar nennen, aber erstens macht das punkto Tempo, Figurenliebe und Schlagfertigkeit niemand so gut wie der 51-jährige Franzose.

Und zweitens hat die Harmoniebedürftigkeit einen autobiografischen Hintergrund: Boon wuchs als Kind eines algerischen Boxers und Lastwagenfahrers auf, die Mutter war 17 und Putzfrau, worauf deren Vater sich weigerte, dem jüngsten Spross auch nur die Hand zu schütteln.

Später soll Dany Boon von gewalttätigen Jugendlichen gepiesackt worden sein. Sein Rezept gegen solche Unbill: Humor und Herzlichkeit. Dadurch würden die Menschen für einen Moment friedlich und glücklich, sagt er.

So läuft das auch in «La Ch’tite famille». Allerdings müssen zuerst die Gegensätze aufgefahren werden, und die verlaufen nicht wie in «Bienvenue» entlang der französischen Nord-Süd-Achse, sondern zwischen Stadt und Land. Valentin und seine Gattin Constance (Laurence Arné) sind ein Pariser Innenarchitektengespann, das dreibeinige Stühle herstellt, die beim Draufsitzen nach hinten kippen, sowie andere steinharte Designerware, die solventen Käufern Rückenschmerzen verursacht.

Dann platzen Valentins Mutter, Bruder Gustave (Guy Lecluyse) und dessen Frau Louloute (Valérie Bonneton) rein – und mit ihnen kommt der Ch’timi-Dialekt zurück, den Valentin in Paris so erfolgreich abgelegt hat. Was nun? Boon belässt es vorerst bei unterhaltsamen Vergleichen: Gustave trägt einen zu kleinen Anzug, weil dieser von seiner Frau zu heiss gewaschen wurde, Valentin trägt zu kurze Hosen, weil das zum Grossstadt-Chic gehört. Und beide Brüder lügen, da sie auf ihre eigene egoistische Art Ziele verfolgen, die gar nicht so weit auseinanderliegen: Valentin sucht den Ruhm, Gustave braucht das Geld.

In solchen Momenten spürt man bei Boon die Tradition des grossen Jacques Tati, der in seinen Filmen ländliche Gemütlichkeit gegen grossstädtische Kälte ausgespielt hatte. Die Szene in «La Ch’tite famille», in der sich die Gäste in einem Achterbahn-Sushi-Fliessbandrestaurant dauernd den Kopf anschlagen, hätte dem Moderne-Kritiker Tati gefallen. Aber Boon geht zwei Schritte weiter.

Er zeigt Valentins Vater (Pierre Richard), der allein zu Hause nicht mal eine Omelette zustande bringt, und kehrt dann die Verhältnisse um: Valentin wird von seinem Schwiegervater (François Berléand) versehentlich über den Haufen gefahren, und als der Designer im Spital aufwacht, hat er nicht nur seinen snobistischen Lebenswandel vergessen, er kennt auch seine Frau nicht mehr, fühlt sich wie 17 und spricht nurmehr Ch’timi.

Kulturelle Versöhnung

Das ist schlecht fürs Möbelgeschäft, aber eine gangbare Route zur familiären und kulturellen Versöhnung, wobei die im Film zuvor unterbeschäftigte Constance endlich eine Herausforderung bekommt: Sie lernt die Sprache ihres Mannes in der Hoffnung, ihn damit in die Gegenwart zurückzuholen.

Es sind zugleich die komischsten und emotionalsten Szenen in einem Film, der das alte «Ch’ti»-Universum auf ein neuerliches Happy End zusteuern lässt. Einzuwenden bliebe bloss, dass Boon gegen Ende zu viele Ortswechsel benötigt und dass Pierre Richard eine Knallcharge gibt, wie man sie lange nicht gesehen hat.

Ob das reicht, um an den Riesenerfolg von «Bienvenue chez les Ch’tis» anzuknüpfen? Vermutlich nicht. Aber Dany Boon wird mit «La Ch’tite famille» immerhin den Abwärtstrend in eigener Sache stoppen können.


Der Film ist ab 22. 3. in den Kinos. (Berner Zeitung)

Erstellt: 16.03.2018, 17:25 Uhr

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