Der Zorn nimmt seinen Lauf

«Burning» aus Südkorea ist ein Thriller für den Geniesser des langsamen Kinos: atmosphärisch und suggestiv.

Im Zentrum des Zeitlupen-Krimis steht eine schwierige Dreiecksbeziehung. Foto: Xenix Filmdistrubution GmbH

Im Zentrum des Zeitlupen-Krimis steht eine schwierige Dreiecksbeziehung. Foto: Xenix Filmdistrubution GmbH

Pascal Blum@pascabl

Wenn Ende Februar in Los Angeles die Oscars verliehen werden, könnte «Burning» als bester fremdsprachiger Film ausgezeichnet werden. Sicher gewinnen würde der Thriller, wenn es eine Kategorie für die am langsamsten steigende Spannungskurve gäbe: Während über zwei Stunden fächert der Südkoreaner Lee Chang-Dong in «Burning» in der Glut von Verlangen und Verdacht, bis am Ende die Flammen emporschiessen. Selbst die Verfolgungsjagden verlaufen hier auf gemächliche Art. 

«Burning» ist eine Meisterklasse der Geduld. Gerade weil Schauspieler und Ausstattung so exakt inszeniert werden, kann Lee Chang-Dong («Poetry») unter der Oberfläche die Bosheiten anklingen und in den Köpfen die schlimmstmöglichen Vorstellungen wachsen lassen: Der Lieferjunge Jongsu wird in Seoul von der hübschen Haemi angesprochen, die im selben Dorf aufgewachsen ist wie er. Sie bittet ihn, während ihres Afrika-Aufenthalts auf ihre Katze aufzupassen.

Plötzlich taucht jemand auf

Jongsu füttert das Tier, obwohl er es in Haemis winziger Wohnung nie zu Gesicht bekommt. Er will aber sowieso viel lieber Haemi wiedersehen und reagiert perplex, als er nach ihrer Rückkehr erfährt, dass sie nun mit einem Ben zusammen ist. Als Haemi kurz darauf verschwindet, entwickelt Jongsu eine Theorie, was der gut aussehende Ben mit ihr angestellt haben könnte. Schliesslich hat der in seinem Badezimmerschrank einen Schmuckkoffer voller Lippenstifte stehen, und das ist auch im Zeitlupen-Krimi kein wirklich gutes Zeichen. 

«Burning» beruht auf einer Kurzgeschichte von Haruki Murakami, geht aber in vielem darüber hinaus. Der mysteriöse Aufsteiger Ben fährt einen Porsche Cayenne und lebt in einer chic polierten Wohnung mit reichlich Küchengeräten. Seine Welt kontrastiert scharf mit jener von Jongsu, dessen Vater, ein Viehbauer, vor Gericht steht, weil er mit einem Stuhl auf einen Polizisten losgegangen ist. Jongsu muss die Arbeiten auf dem heruntergekommenen Hof übernehmen, wo er den Mist führt und allein sein Mittagessen kocht. Haemi ist die verführerische junge Frau zwischen den Männern. Sie hat ein Talent zur Pantomime und ein sehr aufrichtig geäussertes Verlangen nach Erfahrung und Sinn. 

Der grosse Gatsby

Mit dem Klassenunterschied zwischen Jongsu und Ben umreisst Lee Chang-Dong eine kapitalistische Gesellschaft Asiens, in der junge Menschen vom Land in die Stadt ziehen, wo sie auf so rasante wie rätselhafte Weise reich werden können. Jongsu, der Schriftsteller werden möchte, vergleicht Ben mit dem grossen Gatsby, dieser provoziert ihn mit der Bitte, das Wort «Metapher» zu erklären. Im Spiel mit der Illusion fragt der Thriller, wer heute die Macht über das Erzählen hat: derjenige, der der Wirklichkeit misstraut und versucht, hinter den Dingen die wahre Geschichte zu entdecken – oder doch derjenige, der Anziehungskraft auf andere ausübt und in ihnen tief sitzende Gefühle weckt? 

Für einen angehenden Schriftsteller jedenfalls nimmt Jongsu die Sachen sehr beim Wort: Als Ben ihm erzählt, dass er zum Zeitvertreib verlassene Gewächshäuser anzündet, kontrolliert Jongsu sämtliche Ziele in der Gegend und gerät dabei immer mehr ausser Atem. Der Albtraum, den er sich ausmalt, ist möglicherweise gar nicht wahr, aber jetzt rauscht ihm das Blut in den Ohren. Von da an nimmt «Burning» den verstörend konsequenten Weg des Zorns. Der Motor ist die Kraft der Suggestion.

Kann ein Film vollkommen rätselhaft und zugleich vollauf befriedigend sein? Aber sicher kann er das. 

Der Film läuft in den Kinos. 

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