Der Reiche und die Roma

Die französische Komödie «Hereinspaziert!» verstösst systematisch gegen die Regeln der Political Correctness – und entwickelt trotzdem nur wenig komische Eigendynamik.

Der Film ist eine Ansammlung von Klischees: Christian Clavier spielt den gut situierten Jean Etienne Fougerole im Film «Hereinspaziert!». Quelle: Youtube


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Der gut situierte französische Linksintellektuelle Jean Etienne Fougerole (Christian Clavier) lässt sich in einer TV-Talkshow zu der Aussage hinreissen, er würde Bedürftige wenn nötig auch bei sich zu Hause aufnehmen – worauf sich eine Roma-Familie samt Wohnwagen in seinem Garten einnistet und die Villa in ein Tollhaus verwandelt. Der Gastgeber wider Willen ist entgeistert – doch er ahnt die Chance, die Situation für seine Zwecke zu nutzen.

Wie so oft in Komödien prallen im Film «Hereinspaziert!» («A bras ouverts») zwei grundverschiedene Kulturen aufeinander, und wie so oft kommt es nach et­lichen haarsträubenden Konflikten zu einer zögerlichen Verbrüderung. Sämtliche involvierten Parteien bekommen ihr Fett ab, und so entledigen sich die Macher elegant des Vorwurfs, sie würden am Ende eine bedürftige Minderheit verspotten.

Anstössige Klischees

Wobei die Ansammlung von anstössigen Klischees im vorliegenden Fall ernsthaft stutzig macht: Die Roma sind faul, gewaltbereit und stehlen alles, was nicht festgenagelt ist. Familienoberhaupt Babik (Ary Abittan) spricht brüchige Sätze und trägt Schnurrbart, Schlapphut, Goldkettchen und Goldzahn. Ein anderes Familienmitglied ist behindert und grinst dümmlich. Auch die Hygiene der Fahrenden ist wie zu erwarten dürftig: An einer Stelle informiert die Tonspur gar über den Stuhlgang des Roma-Patriarchen. Es macht plumps.

Sicher, man hat Vergleichbares schon bei Emir Kusturica gesehen, aber der Fall liegt dann doch ein bisschen anders, wenn ein französischer Filmemacher mit Adelsprädikat (Philippe de Chauveron) einen derartigen Haufen von zweifelhaften Stereotypen bemüht, um damit nichts als Schenkelklopfer zu produzieren.

Lauter Klamauk

Das darf man anstössig finden, und die französische Filmkritik tat das auch: Sie verriss den Film einhellig und unterstellte den Filmschaffenden rassistische Tendenzen. Worauf sich der Hauptdarsteller Christian Clavier beklagte, dass heutzutage wohl nur noch politisch korrekter Humor zugelassen werde.

Wobei das eigentliche Problem von «Hereinspaziert!» nicht der Regelverstoss an sich ist, sondern die Tatsache, dass dieser nie eine Eigendynamik entwickelt. Was sich als bissige Satire aufspielt, ist in Wirklichkeit strikt nach dem Handbuch des volkstümlichen Schwanks gefertigt. Jedes Klischee genügt sich selbst, und weil man dann doch niemandem auf den Schlips stehen will, wird alles in lautem Klamauk ertränkt.

«Hereinspaziert!»: Der Film läuft ab Donnerstag, 14.9., im Kino. (Berner Zeitung)

Erstellt: 12.09.2017, 15:01 Uhr

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