Der Netflix-Kino-Streit erreicht die Schweiz

Dass der preisgekrönte Spielfilm «Roma» in Zürcher und Basler Kinos läuft, ärgert die Branche.

So schön, dass es ins Kino muss: Der Trailer zu «Roma».

Pascal Blum@pascabl

Als «Roma» im September den Goldenen Löwen in Venedig gewann, begannen die Klagen. So ein schöner Film, und dann kommt er nicht einmal richtig ins Kino, sondern wird von Netflix von einem Tag auf den anderen einfach aufgeschaltet. In Italien haben sich die Kinobetreiber schon mal zusammengeschlossen, um «Roma» zu boykottieren. Nur auf 50 Leinwänden während dreier Tage wird das Schwarzweissdrama zu sehen sein, bevor es ab Mitte Dezember bei Netflix verfügbar wird. In Mexiko, der Heimat von Regisseur Alfonso Cuarón, weigert sich die grösste Kinokette, «Roma» zu zeigen. Die Dauer bis zum Streamingstart sei viel zu kurz.

Seit Netflix das Geld hat, um Regisseuren allerlei Liebhaberprojekte zu finanzieren, ärgern sich nicht nur Kinobetreiber über das Diktat des Streamingriesen, sondern auch Filmverleiher. Normalerweise sichern sie sich die Rechte für ein Land, betreuen den Kinostart und erstellen Werbematerial. Bei «Roma» macht Netflix das alles selber. Und das bei einem Film, der gut ins Portfolio einiger Verleiher passen würde.

Schweizer Premiere

Kommt dazu, dass Schweizer Kinos wenig Zurückhaltung zeigen, wenn es darum geht, prestigeträchtige Autorenfilme zu programmieren. Unter anderem das Riffraff in Zürich und das Basler Kultkino haben wegen «Roma» direkt mit Netflix verhandelt. Damit läuft zum ersten Mal eine Produktion des Streamingdiensts in Schweizer Städten an.

Das Riffraff will «Roma» sogar nach dem Netflix-Start weiterspielen.

Hauptsorge in der Branche ist, dass sich die Kinos prostituieren und nicht viel mehr als Promotion machen für ein Streamingangebot. Frank Braun vom Riffraff sieht das anders: «In einer digitalen Welt ist der Primeurstatus des Kinos ein alter Zopf.» Die Spielstätten müssten sich ihr Publikum zurückholen. «Und warum denn nicht, wie im Fall von ‹Roma›, gleich mit einer Produktion des Streaminggiganten selber?» Der Film laufe aus demselben Grund wie alle anderen Filme im Riffraff und im Bourbaki in Luzern: weil er aus Liebe fürs Kino gemacht sei. Beim Kultkino in Basel heisst es, das Publikum habe es «verdient», «Roma» im Kino sehen zu können. Das Riffraff will das Drama sogar nach dem Netflix-Start weiterspielen.

Eine verkehrte Welt. Kinos locken Besucher, indem sie zeigen, was gestreamt werden kann; Netflix produziert für seine Abonnenten hochkarätige Filme, bei denen es alle schade finden, dass sie kaum im Kino laufen. In den USA liebäugelt der Konzern schon länger mit der Idee, eine Kinokette zu übernehmen. Netflix’ Öffnung gegenüber den Kinos sei doch zu begrüssen, sagt Frank Braun. Dass die Rechnung für den Anbieter dabei auch aufgehe: «Fair enough.» Ungefähr die Hälfte der Einnahmen liefern die Kinos direkt an Netflix ab.

Alfonso Cuarón bei Dreh einer Szene von «Roma». Foto: Netflix.

Zwischen Film- und Streamingstart liegt in der Schweiz eine Woche. Auch deshalb zeigen die Kinos «Roma» im Vollprogramm, also mit drei oder sogar vier täglichen Vorführungen im grössten Saal. Dass andere Titel von den Kinos nicht unbedingt so bevorzugt behandelt werden, nervt einige Verleiher, die nicht mit Namen genannt werden wollen. Zudem macht Netflix Milliardenumsätze, hat aber in vielen Ländern keinen einzigen Mitarbeiter vor Ort, kennt also auch die hiesige Kinoszene nicht. In der Schweiz kommuniziert man mit einer deutschen PR-Agentur, die freundlich Fragen entgegennimmt, auf die sie keine Antwort weiss. Die Pressestelle in London reagiert gar nicht.

Vorgaben für die Lautstärke

An grossflächigen Kinostarts ist Netflix nach wie vor nicht interessiert. Aber die Schweizer Kinobetreiber sahen «Roma» am Festival in Toronto und wollten ihn unbedingt zeigen. Ein Schweizer Verleih vermittelte dann zwischen den Kinos und Netflix. Nicht alle haben also etwas dagegen, dass Netflix-Produktionen in unsere Kinos kommen, zumal «Roma» ringsum in der Branche begeisterte.

Netflix beschleunigt aber, was sich ohnehin abzeichnet: Zwischenhändler wie Verleiher verlieren an Bedeutung. Für sie ist Netflix nicht in erster Linie deswegen zum Konkurrenten geworden, weil der Dienst selber Filme produziert, sondern vor allem, weil er an den Filmmärkten alles Mögliche zusammenkauft.

Für einen Streamingdienst hat Netflix zudem recht genaue Vorstellungen davon, wie die Filme im Kino vorgeführt werden sollen. Als «Roma» im Rahmen des Zurich Film Festival im Kosmos lief, schickte Netflix Vertreter der Dolby-Soundanlage vorbei, die das System einpegelten und die Lautstärke vorschrieben. 7.0 musste es sein. Nicht mehr und nicht weniger.

Ab 6.12. in den Kinos, ab 14.12. auf Netflix.

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