Der Kinderfresser aus der Kanalisation

Das Böse kommt von unten: Der erste Teil der Kinoverfilmung von Stephen Kings 1200-Seiten-Roman «It» setzt auf banale Schockeffekte, trifft aber den emotionalen Kern der Vorlage.

Schwer definierbares Grauen: Clown Pennywise (Bill Skarsgård) im Film «It».

Schwer definierbares Grauen: Clown Pennywise (Bill Skarsgård) im Film «It».

(Bild: Brooke Palmer / zvg)

Sie nennen sich «Klub der Verlierer». In der Schule werden sie von ihren Kollegen gehänselt, sei es wegen Übergewicht, Hautfarbe, Sprachfehler oder Religion. In ihren Elternhäusern erfahren diese Kids ebenfalls wenig Liebe: Einer der Jungs wird zu Hause geschlagen; das Mädchen der Bande wird von seinem alleinerziehenden Vater sexuell missbraucht.

In der Kanalisation der Kleinstadt lauert derweil das Böse – ein schwer definierbares Grauen, das manchmal die Form eines grotesken Clowns namens Pennywise annimmt (Bill Skarsgård), welcher Kinder brutal tötet. Die Mitglieder des Verliererklubs wollen diesen Fluch brechen – aber das ist nur gemeinsam zu schaffen.

Stephen King an allen Fronten

2017 ist der Horrorautor Stephen King omnipräsent: Drei TV-Serien basieren auf seinen Stoffen («The Mist», «Mr. Mercedes», «Gerald’s Game»), soeben ist sein neuer Roman «Sleeping Beauties» erschienen (geschrieben mit seinem Sohn Owen), und «It» – geplant als Mehrteiler – ist nach «The Dark Tower» bereits die zweite King-Kinoverfilmung dieses Jahres. Kaum jemand kann da mithalten.

Der Roman «It» (1986) stammt noch aus einer Zeit, in der die Veröffentlichung von King-Material überschaubar war und sich thematisch eingrenzen liess: Der Amerikaner schrieb über Kinder- und Jugendsorgen. Er erfand übernatürliche Entsprechungen für intime Ängste, schilderte aber auch die Folgen von traumatischen Erlebnissen bis ins Erwachsenenalter hinein. Insofern ist «It» ein Kondensat von Kings Themen – ein Schlüsselwerk.

Von komplexer Vorlage . . .

Die Kino-Neuauflage von «It» kann freilich nur an der Oberfläche eines Romans kratzen, der 1200 Seiten umfasst, komplexe Psychogramme entwirft, eine ganze Kleinstadt proträtiert und auf zwei Zeitebenen spielt. Einmal abgesehen davon, dass zwei berüchtigte Szenen (eine Sex­orgie unter Minderjährigen und ein besonders grauslicher Kindstod) unmöglich in einen Mainstreamfilm übernommen werden konnten.

. . . zu konventionellem Horror

Der argentinische Regisseur Andy Muschietti («Mama») hat das Material gestrafft und von den Fünfzigern in die Achtzigerjahre verlegt. In einem Ambiente, das an Spielberg-Produktionen jener Zeit erinnert («E. T.», The Goonies») setzt er weitgehend auf konventionellen Horror: Taschenlampen in dunklen Räumen, abrupte Aufschreckmomente und ein kicherndes Monster (Pennywise), das auf Dauer eher nervt als beängstigt.

Über solides Handwerk kommt Muschietti beim Fabrizieren des Grusels nicht hinaus. Aber er trifft dafür den emotionalen Kern der Buchvorlage: Die jungen Hauptfiguren sind grandios besetzt, ihr Leiden unter Mobbing und Missbrauch geht ans Herz, ihre Suche nach Halt überzeugt, ihre Zerbrochenheit ist spürbar. Insofern reproduziert «It» Stephen Kings grundsätzliches Motto perfekt: Der Kampf gegen das Böse ist bei ihm immer auch ein Abbild des Kampfes gegen innere Dämonen.

«It»: Der Film läuft ab 28. September im Kino.

Berner Zeitung

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