Das Rohe und das Geleckte

François Ozon schildert im Psychothriller «L’amant double» eine unheimliche Dreiecksgeschichte.

Chloés Psychotherapeut und Liebhaber hütet ein Geheimnis. Foto: Filmcoopi

Chloés Psychotherapeut und Liebhaber hütet ein Geheimnis. Foto: Filmcoopi

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Nach fünfzehn Minuten der erste Kuss, fünfzehn Minuten vor Schluss der Schuss. Klingt wie ein französischer Film. Ist auch einer. Er stammt von François Ozon, dem Regisseur von «Swimming Pool». Nicht irgendwer also, «L’amant double» lief letztes Jahr zur ­Erheiterung vieler Anwesender im Wettbewerb von Cannes. Damals fanden es sogar die Franzosen, die ja in solchen Dingen ein bisschen mehr vertragen, «un peu con», wie da einer schamlos die Pegel des Erotikthrillers hochdreht, mit allen Verdrängungen, Psychosen und Split-Screens, die seit Alfred Hitchcock und Brian de Palma dazugehören.

Wobei: Der erotische Psychothriller bleibt ein unterschätztes Genre. Es braucht dafür einiges Geschick im Umgang mit Zuschauertäuschung. Ozon kann das gut, es geht in seinem Kino immer um die Destabilisierung der Erzählwelt. Sein neuer Film dreht sich ums ­Anderssein und Fremdwerden: Die ­Museumswächterin Chloé (Marine Vacth aus «Jeune & jolie») kommt mit Bauchschmerzen zum Psychotherapeuten Paul (Jérémie Renier). «Wird etwas Psychologisches sein», diagnostiziert der Experte. Zwei, drei Einstellungen später gesteht er ihr seine Gefühle, zusammen ziehen sie in eine luftige Hochhauswohnung mitsamt Katze.

Chloés Magenweh geht fast weg, kehrt aber aufs Heftigste zurück, als sie herausfindet, dass Paul ein Geheimnis hütet: In der Stadt arbeitet ein anderer Psychotherapeut, der ihm fast bis aufs Haar gleicht – wobei er gerade die Haare ein wenig anders gewuschelt trägt.

Verknotet wie Chloés Magen

Anders als Paul ist dieser Louis (ebenfalls gespielt von Jérémie Renier) kalt und arrogant – und ein Therapeut, der seine Patientin mit fiesen Beobachtungen erledigt. Im Bett erweist sich Louis ausserdem als deutlich rabiaterer Liebhaber (in der Praxis steht es gleich im Nebenzimmer, deshalb ist der Weg schnell gemacht). Chloé ist fasziniert: Verheimlicht ihr Paul einen Zwillingsbruder? Hat die Entdeckung mehr mit Wunschträumen zu tun, mit ihren eigenen sexuellen Fantasien?

François Ozon gibt keine eindeutige Antwort. Seine Erklärungen sind biologischer Natur, gehen darin aber nicht auf, weil seine Filme immer vom Imaginären bestimmt werden. Er spielt überdeutlich mit Motiven der Doppelung, mit Schärfenverlagerungen, Wiederholungen, symbolischen Themen: Der Shabby Chic von Pauls Praxis weicht Louis’ Marmorbüro, die strengen Werke in Chloés Kunstmuseum werden zu verschlungenen Installationen der Unheimlichkeit, so verknotet wie Chloés Magen.

Es sind nicht die allerfeinsten Metaphern für ganz gegenwärtige Fragen: Was für ein anderer bin ich in meiner Lust? Wie fremd werde ich mir dabei, und was sollen diese Visionen von Zwillingen? Ozons Edeltrash erweist sich da auch als Gegenvorschlag zu zwei populären Erzählungen über das Verhältnis der Geschlechter, die sich nur vordergründig widersprechen: Auf der einen Seite das Bild des kapitalistischen Rausches von «Fifty Shades», wo das Einzige, was böse ausartet, der Konsum ist. Ein perverser Traum von Besitz, der alles übersteigt, während sich der Sadomaso-Unterwerfungssex zu zweit einvernehmlich ziemlich gut regeln lässt. Auf der anderen Seite das Gespenst des moralistischen Exzesses, wonach ein paar Übersensible jede sexuelle Annäherung per Checkliste klären wollen. Ein perverser Traum von Regulierung: Man geht zu zweit immer nur so weit, wie man vom anderen weiss, dass er auch dorthin will – kommt also nirgendwohin.

Beides sind Fiktionen einer blank ­gereinigten Lust, deren Fantasien alles Mögliche betreffen, aber zuletzt ein Verlangen, das auch mal roh und brutal werden kann. Als Thriller-Regisseur verfolgt François Ozon in «L’amant double» eine Gegenstrategie, die man sich auch sonst zu Herzen nehmen darf: Es geht ihm um ein Spiel mit dem Blick. Um die Frage, wo der Zuschauer steht und was er sieht, was er weiss und was nicht, wohin er Lust hat zu gehen. Kann sein, dass sich der Erzähler ein paarmal lächerlich macht. Dass er übertreibt, insistiert. Man fragt sich: Meint er das ernst? Und merkt: Jetzt hat er mich doch.

Ab Donnerstag in den Kinos. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 12.02.2018, 23:16 Uhr

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