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Das richtige im falschen Leben

Ein rumänischer Arzt glaubt für das Wohl seiner Tochter die eigenen Ideale verraten zu müssen. «Graduation – Bacalaureat» entfaltet sein Dilemma ohne moralischen Zeigefinger, nuanciert und hochgradig spannend.

Stefan Volk

Eine Kleinstadt in Rumänien: wer kann, der geht. Akademiker zuerst. Magda und Romeo aber sind geblieben. Glück hat es ihnen keines gebracht. Magda (Lia Bugnar), eine kluge, schöne Frau in mittleren Jahren, geistert wie eine Untote durch die Trümmer ihres Lebens.

Die Ehe mit Romeo (Adrian Titieni), einem angesehenen Provinzarzt, hält sie nur aufrecht, um vor ihrer Tochter Eliza (Maria Dragus) den Schein zu wahren. Tatsächlich weiss sie schon lange, dass ihr Mann eine Affäre mit der alleinerziehenden Lehrerin Sandra (Malina Manovici) hat. Damit fangen die (Selbst-)Täuschungen im nuanciert und mitreissend entwickelten rumänischen Drama «Graduation – Bacalaureat» aber erst an.

Eine lauernde, bedrohliche Stimmung durchzieht den gesamten von Regisseur Cristian Mungiu («4 Monate, 3 Wochen und 2 Tage», «Jenseits der Hügel») düster-melancholisch in Szene gesetzten Streifen. Ein Stein zerschlägt eine Scheibe. Ein Hund springt in den leeren, nächtlichen Strassen vors Auto. Eliza wird auf dem Schulweg Opfer eines sexuellen Übergriffes. Dass es eine Vergewaltigung war, will ihr Vater nicht wahrhaben.

Eliza steht kurz vor den Abschlussprüfungen, die darüber entscheiden, ob sie das ersehnte Stipendium für ein Studium in Cambridge erhält. Aus Angst, dass sie scheitern könnte, setzt ihr Vater einen einflussreichen Bekannten auf der Warteliste für eine Lebertransplantation nach oben. Im Gegenzug soll Eliza auch garantiert die richtigen Noten erhalten.

Fesselndes Drama

Mungiu inszeniert die Lügen und Mauscheleien als schleichendes Gift, das unaufhaltsam seine zersetzende Wirkung entfaltet. Aber er tut dies ohne erhobenen Zeigefinger. Magda und Romeo sind einmal geblieben, um in Rumänien etwas zu verändern, um es besser zu machen. Wirklich gelungen ist es ihnen nicht. Jetzt will Romeo seine Tochter nur noch vor einem ähnlichen Schicksal bewahren und verstrickt sich dadurch immer tiefer in das verhasste Netz aus Bestechung und Korruption.

Mungius in Cannes mit dem Preis für die beste Regie ausgezeichnetes, nie spektakuläres, doch durchweg fesselndes Drama ist so subtil und komplex gestaltet, dass es ohne plakative Message und einfache Antworten auskommt. Lieber zeigt Mungiu die Fallstricke auf, die lauern, wenn man versucht, ein richtiges Leben im falschen zu führen.

«Das ist kompliziert»

Als Romeo einmal mit Sandras kleinem Sohn Matei auf einen Spielplatz geht, wirft Matei einen Stein auf ein anderes Kind, das sich mithilfe seines Vaters rücksichtslos vordrängelt. Romeo weist Matei energisch zurecht. Der Junge will daraufhin wissen, was er denn hätte anders machen sollen. Romeo weicht einer Antwort aus. «Das ist kompliziert», murmelt er nur.

Der Filmläuft ab Donnerstag im ­Kino.

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