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Das Prinzip Wüste

Der Berner Regisseur Felix Tissi hat mit «Desert – Who is the Man?» einen aussergewöhnlichen Film über die Wüste als Spiegel moderner Zivilisation gedreht.

«Es ist kein typischer Wüstenfilm», sagt Felix Tissi fast ein wenig entschuldigend über seinen Dokumentarfilm «Desert – Who is the Man?». Und fügt hinzu: «Ich wollte keinen Film über exotische Tuareg machen, sondern über uns.» Wüsten stehen schon seit 30 Jahren auf dem Reiseplan des Berner Regisseurs: «Irgendwie mag ich dieses Gefühl, an einem Ort zu sein, wo ich nicht hingehöre. Die Wüste reisst einen aus seinen gewohnten Zusammenhängen und gibt einem dadurch auch Gelegenheit, einiges aus seinem Alltag zu relativieren.»Der Mensch und der MüllIn «Desert – Who is the Man?» interessiert Tissi die Wüste weder aus naturkundlicher noch ethnologischer Perspektive, sondern als Projektionsfläche des modernen Menschen. Ausgerechnet die unwirtliche Einöde, die Grenzlandschaft zwischen Leben und Tod betrachtet er als Kristallisationsort des menschlichen Seins. «Die Wüste», sagt er, «ist eine Art Müllhalde für die moderne Zivilisation. Und an seinem Müll erkennt man den Menschen.» Es ist also das Prinzip Wüste, dem er anhand der vor 2000 Jahren in den Boden der peruanischen Wüste gescharrten gigantischen Zeichnungen («Geoglyphen») ebenso nachspürt wie am Beispiel der einsamen Wüstentouristin in Ägypten oder des tiefgläubigen Christen, der seit 35 Jahren in der kalifornischen Wüste zu Gottes Ehren einen farbig bemalten Berg errichtet. Ihre Geschichten präsentiert Tissi ohne Anfang, ohne Ende und ohne erklärenden Erzählerkommentar. Stattdessen nutzt er sie als Ausgangspunkt für eine kraftvolle Bildsprache, die mit Zeitlupen, Schwarz-Weiss- und Detailaufnahmen experimentiert, in die aber ebenso die überwältigende Schönheit der weiten, spröden Natur einfliesst. Das Ergebnis sind bis zur Manieriertheit verspielte, aber auch wunderbar poetische Impressionen. Und spätestens, wenn Autorenregisseur, Kameramann (gemeinsam mit Pierre Reischer) und Cutter Felix Tissi die Erzählung seiner Protagonisten jäh abschneidet, muss man seiner eingangs formulierten Warnung hinzufügen: Das ist auch kein typischer Dokumentarfilm.Babylon und UtopiaÜber drei Jahre haben sich die Dreharbeiten zu «Desert – Who is the Man?» erstreckt. Unter extremen klimatischen Bedingungen ist so ein Film «ohne Zufälle» entstanden, wie Tissi bemerkt: «Ein normaler Dokumentarfilm lebt oft auch von unvorhersehbaren Begegnungen. In der Wüste kommt so etwas äusserst selten vor.» Stattdessen lebt Tissis Filmessay über den modernen Menschen im Spiegel der Wüste von expressiven Kameraperspektiven, einem assoziativen Schnitt und der fast meditativen Filmmusik von Mich Gerber. Aus diesen Komponenten kreiert der «gelernte» Spielfilmregisseur Tissi einen «exemplarischen Raum», wie er es nennt, «zwischen Babylon und Utopia».Die Natur dient ihm dabei als Reflektor der Innenwelt, eine (fast) weisse Leinwand für Hoffnungen, Sehnsüchte und Ängste. Das offenbart sich in den Prozessionen am Mosesberg auf dem Sinai auf religiöse Weise. Es nimmt skurril-spirituelle Züge an beim «Burning Man Festival» in Nevada, bei dem Künstler und Freaks eine Woche lang in eine bizarre, futuristisch-anarchische Gegenwelt eintauchen, um am Ende eine riesige Holzstatue («The Man») rituell zu verbrennen. Und es äussert sich auf perverse Weise in den Bildern von den Atomwaffenversuchen und grausamen Tierexperimenten, ebenfalls in Nevada. Die Wüste entwickelt sich auf diese Weise zur schillernden Chiffre für die menschliche Natur mit all ihrer Schönheit und all ihren Abgründen. Die Erkenntnis, die daraus gewonnen wird, ist nicht neu, die Art, sie zu präsentieren, nicht immer spannend, aber häufig doch von einer ganz aussergewöhnlichen Ausdruckskraft. Der Film läuft ab Donnerstag im Kino..>

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