Das Klima hat nicht endlos Zeit

In «An Inconvenient Sequel» zieht Al Gore Bilanz, was seit seinem ersten Klimadokumentarfilm vor zehn Jahren geschah. Sein neuer Weckruf sorgt für Unbehagen, spendet aber auch Hoffnung.

Erklärt nochmals: Al Gore im Film «An Inconvenient Sequel». Quelle: Youtube

Mit «An Inconvenient Truth» wurde Al Gore zum Gesicht des Kampfs gegen die Klimaerwärmung. Er ist die Stimme, die predigt: «Es ist richtig, die Menschheit zu retten! Es ist falsch, die Welt zu verschmutzen!» Der Mahner sollte recht behalten. Im November 2012 überschwemmte Sturmflut Sandy die 9/11-Gedenkstätte in Manhattan. Gore, ehemaliger US-Vizepräsident und Umweltschützer, hatte ebendieses Ereignis 2006 in seinem Film vorhergesagt. Damals wurde die Animation als «fürchterliche Übertreibung» belächelt, gibt Gore in «An Inconvenient Sequel» zu bedenken.

Die menschengemachte Erderwärmung wird vielerorts noch als Glaubensfrage gehandelt. Auch deshalb tingelt Gore nun erneut durch die Welt und erklärt den Zusammenhang zwischen Dürrekatastrophen und Hurrikans, zwischen schmelzenden Gletschern und dem Zika-Virus. Gores Kampf ist vor allem politischer Natur. An Lösungen zur Eindämmung von CO2-Emissionen fehlts nicht mehr, aber der Umstieg von fossilen Ressourcen auf erneuerbare Energien zieht sich zäh wie Gummi.

Erderwärmung? Nie gehört!

Das Thema Klimaerwärmung perlt an vielen Politikern schlichtweg ab. US-Präsident Donald Trump etwa will nicht frieren und wünscht sich «ein bisschen globale Erwärmung». Auch Indiens Energieminister Piyush Goyal hat es mit der Schonung der Erdatmosphäre nicht eilig. In «An Inconvenient Sequel» ist zu hören, wie er an der Klimakonferenz 2015 in Paris seine Meinung kundtut: Nachdem die USA 150 Jahre lang Kohle verfeuert habe, um wirtschaftlichen Wohlstand zu erlangen, solle dies Indien nun auch dürfen. Kopfschütteln im Kinosaal.

Lichtblicke dank Al Gore

Das Regieduo Bonni Cohen und Jon Shenk lässt den Zuschauer aber nicht zurück mit einer Bildcollage weinender Menschen und zerstörter Häuser. Cohen und Shenk zeigen auch positive Entwicklungen, etwa wenn Al Gore die texanische Kleinstadt Georgetown besucht, die über­raschenderweise dank ihrem republikanischen Bürgermeister heute vollständig mit Solar­energie funktioniert.

Nicht selten spielt Sympathieträger Gore eine Schlüsselrolle bei Erfolgen. So konnte er am Telefon aushandeln, dass Solar City (ein Anbieter von Solarenergieprodukten) Indien freien Zugang zur entsprechenden Infrastruktur verschafft. Damit war die Zustimmung des Subkontinents beim Pariser Klimaabkommen ge­sichert. Wie viele Lorbeeren Gore für Indiens Zustimmung tat­sächlich zustehen, bleibt im Film offen.

Egozentriker oder Held?

Die Filmemacher bringen Al Gore in verschiedensten Stimmungen vor die Linse. Wir sehen seine Freude über den von Barack Obama bewilligten Klimasatelliten oder erleben ihn tief be­troffen nach einem Terroranschlag bei einer Livesendung. Kritiker bemängeln, Gore stehe zu oft im Zentrum, etwa wenn die Kamera ihm in die eigenen vier Wände folgt und ihn über seine Tochter erzählen lässt.

Tatsache ist allerdings auch, dass das dringende Thema Klimaerwärmung in einem Tümpel aus Entscheidungsfaulheit und Tatsachen­verdrängung versumpft. Vielleicht brauchen wir gerade deshalb einen fassbaren Helden mit klarer Linie, der unnachgiebig nach der richtigen Entscheidung verlangt. Jetzt mehr denn je.

«An Inconvenient Sequel»: 8. 10., Zurich Film Festival (in Anwesenheit von Al Gore). Berner Vor­premiere: 10. 10., 20 Uhr, Kino Club Bern. Ab 12. 10. im Kino.

Berner Zeitung

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