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Das junge Kino des alten Regiestars

In seinem packenden Thriller «Before the Devil Knows You’re Dead» taucht Altmeister Sidney Lumet seine Lieblingsstadt New York in ein kaltes Licht.

Es ist ein Gemeinplatz der Filmkritik ge­worden, die Jugendlichkeit der französi­schen Altmeister Jacques Rivette und Eric Rohmer zu preisen. Dabei fragt sich, ob man ihnen und dem Publikum damit wirk­lich einen Gefallen tut. Den 84-jährigen Amerikaner Sidney Lumet hingegen treibt eine – allenfalls von kleinmütigen Produ­zenten gebändigte – Lust um, noch im Pen­sionsalter regelmässig neue Genres anzu­gehen. Nach der munteren Gerichtssatire «Find Me Guilty» wechselt er wiederum das Register. Sein 45. Film ist ein packen­der Thriller, in dem er ohne jede nostalgi­sche Rücksichtnahme einen Generatio­nenkonflikt inszeniert.

Soziogramm des Mittelstands

Lumets Karriere erscheint auf den ers­ten Blick als redliche Mischkalkulation zwischen Filmen mit gesellschaftskriti­schen Anliegen und lustvoll-pragmati­schem Genrekino. Seine Filme entspre­chen den Entertainments, die sich Graham Greene gelegentlich zwischen ernsten Ro­manen erlaubte – und sie verraten die Sehnsucht des Moralisten nach dem Un­beschwerten, der Zerstreuung. Aber Lu­met hat diese Sehnsucht nie wirklich ge­stillt, jedes Mal ist ihm die leichtfüssige Unterhaltung dann doch unwillkürlich wieder zum Charakterdrama geraten. Schon in «The Anderson Tapes» (1971), seinem ersten Film über einen grossen Coup, zeigte sich, wie elegant dieser Re­gisseur beides zu verknüpfen weiss: Einige Jahre vor der Watergate-Affäre lieferte Lumet da einen hellsichtigen Schlüssel­film der Nixon-Ära, in dem er die USA als Überwachungsstaat schilderte.

In «Before the Devil Knows You’re Dead» öffnet er nun den Rahmen des Gen­res für eine Familientragödie im Stil von Eugene O’Neill oder Arthur Miller, wo die Träume der Eltern zu einer unerträglichen Hypothek für die Kinder werden. Fast bei- läufig entfaltet er dabei ein Soziogramm des amerikanischen Mittelstandes, der erschüttert wird von der Angst vor Ver­armung und Deklassierung.

Im Mittelpunkt stehen zwei ungleiche Brüder: Andy (Philip Seymour Hoffman) ist ein erfolgreicher Immobilienmakler, der labile Hank (Ethan Hawke) ist ein Ver­lierer, der es nie lange in einem Job aus­hält. Der ältere Bruder ist der vermeintlich lebenstüchtigere, aber auch ein engherzi­ger Egoist. Der jüngere mogelt sich durchs Leben wie eine Fleisch gewordene Ent­schuldigung seiner selbst. In Wirklichkeit unterscheiden sie sich nur in geringen Graden des Scheiterns. Beide stecken tief in finanziellen Problemen: Andys schein­bar idyllisches Berufs- und Familienleben wird von seiner kostspieligen Drogen­sucht bedroht, Hank bleibt chronisch die Unterhaltszahlungen schuldig. Der ältere Bruder schlägt vor, ein Juweliergeschäft auszurauben. Aber der Einbruch hat einen fatalen ödipalen Dreh: Das Geschäft ge­hört ihren Eltern. Der angeblich perfekte Plan geht gründlich schief, ihre Mutter (Rosemary Harris) wird getötet, und der Vater (Albert Finney) sucht auf eigene Faust ihren Mörder.

Das Drehbuch des Dramatikers Kelly Masterson bricht kühn die Chronologie der Ereignisse auf, erzählt in raffiniert ver­schachtelten Schlaufen von der Zeit vor und vor allem von der Zeit nach dem Überfall. Doch dieser Perspektivenwech­sel heisst nicht, dass Lumet auf seine alten Tage zum Epigonen von Quentin Taran­tino geworden wäre. Während in «Pulp Fiction» und dessen zahllosen Imitationen eine smarte Erzählmechanik als morali­sche Entlastung dient, sind Lumet derlei postmoderne Frivolitäten gänzlich fremd. Den wechselnden Blickwinkel auf die gleichen Situationen nutzt er, um unge­ahnte Nuancen zu offenbaren und ein im­mer differenzierteres Bild seiner Charak­tere zu zeichnen. Er zersplittert die Kon­struktion, um von Figuren zu erzählen, deren Leben nur noch aus Bruchstücken besteht, die sich nicht mehr zu einem Gan­zen zusammenfügen. Nicht von ungefähr gehts beim geplanten Verbrechen um Dia­manten, die das Licht in vielen Facetten brechen.

Bei allem Tempo besitzt Lumets Thril­ler eine staunenswerte Gelassenheit. In langen Einstellungen, in denen die Hand­kamera nicht nervös, sondern einfühlsam vibriert, schafft er seinen Darstellern Raum, um die Emotionen zu entfalten, und gewährt den Zuschauern die Musse, um deren Impulse zu reflektieren. Die gegen die Eltern gerichtete, kriminelle Energie der Brüder entspringt nicht bloss einer perfiden Einfallslosigkeit, sie ist das Resul­tat einer apathischen Entfremdung: eine instinktive Vergeltung für tief sitzende Kränkungen.

Der Regisseur als Humanist

Das Licht, in das Kameramann Ron For­tunato diese von Männern in der Krise und wehrhaften Frauen bevölkerte Welt taucht, ist kalt und unbarmherzig. Lange hat Lumet die Stadt New York nicht mehr derart hartnäckig als Terrain der urbanen Energie und Tristesse erkundet. Dabei ge­lingt ihm ein noch grösseres, profunderes Kunststück. Keine der Hauptfiguren ist wirklich sympathisch, aber ihr Regisseur nähert sich ihnen mit der bekümmerten Grossherzigkeit eines Humanisten. Auf den ersten Blick scheint seine Haltung weit entfernt von dem emphatisch beglei­teten Parcours der idealistischen Helden, die in «Twelve Angry Men», «Serpico» und «Prince of the City» an der gesell­schaftlichen Realität zu zerbrechen dro­hen. In seinem neuen Film betrügt jeder je­den, ist niemand unbefleckt. Der Titel geht zurück auf den irischen Trinkspruch «May you be in Heaven half an hour be­fore the Devil knows you’re dead». Dabei ist die moralische Schonfrist, von der die­ser Titel kündet, längst verstrichen.

Der pessimistische Befund der mensch­lichen Natur behält dennoch nicht das letzte Wort. Auch wenn die blutige Ka­tharsis weder Läuterung noch Versöhn­lichkeit verspricht – wer so unbeirrt wie Sidney Lumet die Frage nach der Verant­wortung stellt, der lässt sich einen Rest an Hoffnung nicht austreiben.

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