Das Gesumme der Teile

Für «Le livre d’image» hat Jean-Luc Godard erstmals einen deutschen Kommentar eingesprochen. Entdecken kann man den aufregenden Essay über die Macht der Bilder jetzt im Fernsehen.

Übersättigt von Godard: Zu diesem Bild aus «Le livre d’image» muss man sich noch nervös verfremdeten Ton vorstellen. Foto: Casa Azul Films

Übersättigt von Godard: Zu diesem Bild aus «Le livre d’image» muss man sich noch nervös verfremdeten Ton vorstellen. Foto: Casa Azul Films

Pascal Blum@pascabl

Kürzlich gab Jean-Luc Godard dem Westschweizer Fernsehen eines seiner raren Interviews. Am Schluss, als der Journalist noch immer einige Fragen hatte, aber die halbe Stunde Gespräch bereits vorbei war, guckte sich Godard in seiner Küche um und sagte: «Als Sie hier Ihre Kameras aufbauten, dachte ich: Man könnte einen kleinen Film drehen, der würde ‹Kolonialisierung› heissen.» So ist das mit Jean-Luc Godard, am Ende zielt er immer auf die politische Frage der Bilderproduktion.

Dabei wird der 88-jährige Mitbegründer der Nouvelle Vague mit seinem neuesten Film «Le livre d’image» zuerst einmal unsere Wohnzimmer kolonialisieren. Wahrscheinlich wird es auch ein paar Reklamationen geben, wenn Arte den Film morgen gegen Mitternacht ausstrahlt. Was stimmt da nicht mit dem Bild? Es ist verzogen oder schlecht aufgelöst, dazu übersteuerter Kontrast und übertriebene Farben. Formatzittern, Pixelrausch, der Ton zischt hin und her. Muss aber alles so sein. Auch was den Kommentar anbelangt, den Godard erstmals auf Deutsch eingesprochen hat, während die Musikspur oft abrupt aufjault. Bei der Vorabversion ist man deshalb vor allem damit beschäftigt, am Lautstärkeregler zu hebeln.

Die brennende Hoffnung

Ob Godard das gemeint hat, wenn er im Film sagt, wir müssten lernen, mit dem Händen zu denken? Natürlich geht es ihm da um die Montage als Form der Reflexion; «Le livre d'image» collagiert Splitter aus der Filmgeschichte – von Max Ophüls bis Nicholas Ray, auch viele von Godards eigenen Filmen kommen vor – mit IS-Propagandavideos, Gemälden, Ausschnitten aus Romanen und Texten von Elias Canetti oder Edward Saïd, bis sich die Sinnstränge überkreuzen: Irritation durch Assoziation.

Das Zitat mit den Händen stammt vom Schweizer Philosophen Denis de Rougement; Godard bezieht es aufs Politische: Wo die Politik nur noch handelt, weil sie das Denken in eine separate Sphäre verbannt hat, droht sie totalitär zu werden. Da wird das «Bildbuch», wie der Film prosaisch auf Deutsch heisst, zum Glossar von Krieg und Vernichtung. Sie toben im Kino wie in Wirklichkeit, und das polyfone Gemurmel wird zur zornigen Klage gegen Unterdrückung. Es bleibe uns noch die «brennende Hoffnung» auf Rettung. Das Gefühl ist so stechend, dass der Satz in Godards Husten untergeht.

Seit Jean-Luc Godard definitiv in seine experimentelle Phase eingetreten ist, richten ihm die Jurys in Cannes jedes Mal Spezialpreise aus, weil sie keine Ahnung haben, was sie sonst mit diesen Bildexplosionen anfangen sollen. Einer dichten Montagearbeit wie «Le livre d'image» wird das aber so wenig gerecht wie eine Analyse, die Offenheit zu Eindeutigkeit planiert. Es ist wie mit dem Brecht-Zitat, das Godard verwendet: Nur das Fragment trägt den Stempel der Authentizität. Der ganze Rest ist Remake, das zeigt Godard sowohl im Rückblick auf seine eigene Filmografie wie mittels seines Recyclingverfahrens. Und auch durch die traurige Diagnose, dass sich der Zyklus der Verwüstung ewig zu wiederholen scheint. Vielleicht wird man einmal sagen, in diesem Film stecke die Summe eines Schaffens. Bislang erkennt man einzelne Teile.

Das prächtigste davon ist das Kapitel «La région centrale». Es ist Godards Reise in den arabischen Raum und sein Kino, wo die Eroberung auch durch die Bilder hervorgerufen wurde, die sich der Westen vom Islam gemacht hat. Der Akt der Repräsentation als Form der Kolonialisierung: Das beginnt ja schon in Godards Küche. Und zugleich gibt es etwas anderes, eine Ruhe im Inneren der Bilder, die man auf sich wirken lassen kann. Godard, das grosse dialektische Kind, sieht immer beides: Ausbruch und Geflüster. Wahn und Stille.

So ist das eine rhythmische wie intime Erfahrung: Godards schwächer werdende Stimme scheint uns ins Ohr zu flüstern. Sein Zorn über die verstörenden Neigungen der Menschen zur Gewalt behält etwas Zärtliches. Und wie er die Bilder springen lässt und das Denken in alle Richtungen flutet, da kommt man vielleicht ins Schwimmen, aber dafür steht der Raum der Bilder wieder weit offen.

24. April, 23.15 Uhr, Arte. Auch verfügbar auf der Arte-App.

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