Das Gesicht der Liebe

Filmkritik

Für «La vie d’Adèle», seinen Film über eine lesbische Liebe, erhielt Abdellatif Kechiche zusammen mit den Hauptdarstellerinnen in Cannes die Goldene Palme. Das öffentliche Nachspiel war dann weniger schön.

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Florian Keller

So ist das mit der Liebe: Wenn man nicht aufpasst, wird sie erst schal und dann bitter. Dabei boten die drei doch ein inniges Bild des Glücks, als sie letzten Mai in Cannes mit der Goldenen Palme ausgezeichnet wurden, und zwar allesamt, ein Novum in der Geschichte des Festivals: Abdellatif Kechiche, der Regisseur, flankiert von seinen Darstellerinnen Léa Seydoux und Adèle Exarchopoulos.

Dann folgten die ersten Interviews, in denen die beiden jungen Frauen von ihren Erfahrungen auf dem Set berichteten. Eine Qual ohne Ende sei es gewesen, und der Regisseur ein Despot, mit dem sie nie wieder drehen würden. ­Dieser gab postwendend zurück, gerade Léa Seydoux, die Tochter aus der mächtigsten Kinodynastie Frankreichs, sei so privilegiert, dass es frivol sei, wenn sie sich über ihre Arbeitsbedingungen als Schauspielerin beklagen wolle. Und in der momentanen Erhitzung entfuhr dem Regisseur gelegentlich auch die ­Bemerkung, ihm wäre es lieber, der Film würde gar nicht mehr in die Kinos kommen, so sehr sei er von den Querelen ­beschmutzt worden.

Wenn die Leinwand atmet

Der Film kommt jetzt natürlich trotzdem ins Kino. Und so unwürdig das öffentliche Nachspiel aus Gehässigkeiten und gekränkten Eitelkeiten auch sein mochte: In den allzu menschlichen Regungen, die dabei aufbrandeten, spiegelt sich alles, was «La vie d’Adèle» so besonders macht. Wir wissen ja, dass man Kino nicht mit dem Leben verwechseln sollte. Aber manchmal werden Figuren in einem Film so plastisch, dass man geneigt ist, das wider besseres Wissen doch für ein gelebtes Leben zu halten, was sich da auf der Leinwand tut: wie sie atmen und ­reden, wie sie trinken und schlafen, wie sie Spaghetti essen oder sich den Schmerz aus der Nase schneuzen. Und so ein Film ist «La vie d’Adèle».

Das ist die Geschichte von der ersten Liebe der Schülerin Adèle (Exarchopoulos). Erst geht sie noch mit einem Jungen ins Bett, dann der erste Kuss einer Schulfreundin: beides Missverständnisse, das erste peinlich, das andere schmerzhaft. Dann verliebt sie sich in die ältere Kunststudentin Emma (Seydoux), die ihr einmal zufällig über den Weg läuft und ihr seither nicht mehr aus dem Kopf geht mit ihren blau gefärbten Haaren. Die beiden finden sich, sie lieben und leben jahrelang zusammen – und verlieren sich wieder, wie das so ist, wenn Lebenswege unterschiedliche Richtungen nehmen. Emma, die Künstlerin, möchte ihre Muse Adèle zum literarischen Schreiben anstiften, aber die will sich lieber als ­Primarlehrerin nützlich machen.

So ist «La vie d’Adèle» auch ein Film über zwei Milieus, die sich kreuzen, sich aneinander entzünden und dann unter Schmerzen wieder scheiden. Hier die belesene Emma, die von Haus aus weiss, wie man Austern schlürft; dort Adèle, der Meeresfrüchte ein Graus sind und die an Bob Marley denkt, wenn Emma über Sartre doziert. Die unterschiedliche soziale Herkunft seiner Liebenden zeigt Kechiche nicht zuletzt an ihren ­kulinarischen Sitten – das wundert niemanden, der von dem gebürtigen Tunesier schon das grossartige Familiendrama «La graine et le mulet» gesehen hat, in dem sich alles ums Essen dreht.

Auch «La vie d’Adèle» entwickelt wieder diesen sehr eigenen epischen Sog, wie man ihn von keinem anderen Regisseur kennt. Wie wollen wir das nennen? Naturalismus, weil Kechiche jenseits ­aller dramaturgischer Konventionen so tief in die Textur des Alltäglichen eindringt? Impressionismus, weil er dabei auf die absolute sinnliche Präsenz des Augenblicks aus ist? Kechiche lässt seine Szenen oft so lange laufen, bis sie zu ­atmen beginnen. Und lässt Entscheidendes einfach weg, mit einer Nonchalance, die man irritierend finden kann. Dass Emma wegen Adèle ihre langjährige Freundin verlässt: kein Thema im Film.

Da bewegt sich Kechiche teils auch weit weg von dem Comic, der ihm als Vorlage diente. «Blau ist eine warme Farbe» von Julie Maroh war noch ganz als melodramatisch umwölktes Tagebuch einer ersten Liebe angelegt: von den jugendlichen Selbstzweifeln bis zum Comingout, von der Ausgrenzung durch die Eltern und an der Schule bis zur ­Verewigung im Liebestod. Der Film interessiert sich kaum für solche Stationen, dafür umso mehr für die Aggregats­zustände der Liebe.

Der glühendste dieser Zustände dauert rund sechs Minuten. (So jedenfalls kann man im Netz nachlesen, bei Kritikern, die offenbar mit der Stoppuhr im Kino sassen.) Das ist die Szene, die seit der Premiere in Cannes am meisten zu reden gab, weil da zwei sehr schöne, sehr junge und sehr nackte Schauspielerinnen in allen möglichen Positionen miteinander Sex haben. Julie Maroh ärgerte sich über die in ihren Augen «klinische» Darstellung, die in erster Linie den Voyeurismus des heterosexuellen Blicks bediene. Andere hoben zu ausführlichen körperpolitischen Exegesen an, um nachzuweisen, dass die Szene schon ästhetisch aus dem Rahmen falle. Weil nämlich die Kamera, die sonst so nah an den Gesichtern bleibt und wie unmittelbar am Geschehen teilhat, sich ausgerechnet beim Sex auf einen Beobachterposten zurückziehe, die Frauen also ausstelle.

Das Objekt des Begehrens

Das stimmt dann auch wieder nur zur Hälfte. Denn selbst wenn Kechiche die Frauen beim Sex so ungeniert und, ja, pornografisch inszeniert, wie man das im Arthouse-Kino nicht gewohnt ist: Das eigentliche Objekt seines Begehrens verliert der Regisseur auch hier nicht aus dem Blick. Es ist das Gesicht der Adèle Exarchopoulos, das diesen Film über 179 Minuten so sehr beherrscht, wie man das selten sieht im Kino.

«La vie d’Adèle», das ist eigentlich eine einzige lange Liebesaffäre zwischen dem Regisseur und dem Gesicht dieser erst 20-jährigen Schauspielerin. Wenn Adèle heult, sehen wir, wie ihr der Rotz aus der Nase läuft. Wenn sie schläft, ­sehen wir ihr Gesicht in Grossaufnahme, mit diesen zu grossen Schaufelzähnen im offenem Mund. Und wenn sie Spaghetti Bolognese verschlingt, kann sich die ­Kamera nicht sattsehen. In der alltäglichen Sinnlichkeit solcher Szenen begreift man, warum diese sprunghafte Chronik einer Liebe drei Stunden dauern muss – und warum sich der Film trotzdem nie so lang anfühlt, wie er dauert.

Bernerzeitung.ch/Newsnetz

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