Bringt mir den Kopf von Polo Hofer

Fast ein Dutzend Berner Filme feiern Premiere an den Solothurner Filmtagen. Das wohl kurioseste Werk heisst «Das Ächzen der Asche» und dreht sich um Polo Hofers Kopf. Eine Spurensuche.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Ist es eine cineastische Wiederauferstehung? Die Ankündigung von «Das Ächzen der Asche» im Programm der Solothurner Filmtage lässt aufhorchen. Das jüngste Werk von Clemens Klopfen­stein soll das Ende jener Berner Trilogie markieren, die wortlastig mit «Das Schweigen der Männer» (1997) begann und die schelmisch-böse in «Die Vogelpredigt oder Das Schreien der Mönche» (2005) fortgesetzt wurde. Polo Hofer und Max Rüdlinger zogen in diesen beiden Filmen durch die Lande, zogen sich gegenseitig auf und zogen über alles her, was ihnen in den Sinn kam. Mal wurde vor ägyptischen Pyramiden über den besten Wurstsalat in Berner Beizen debattiert, mal im abgelegenen Umbrien über die Schweizer Filmförderung geschnödet.

Der Regisseur schweigt

Und jetzt also: der Abschluss einer Trilogie, wiederum mit Polo Hofer und Max Rüdlinger als Protagonisten. Einziges Problem dabei: Polo Hofer war nicht mehr in der Lage, die Strapazen der Dreharbeiten auf sich zu nehmen, er starb im Juli 2017. Wie also kam «Das Ächzen der Asche» zustande? Und was ist im Film zu sehen? Wir fragen bei Clemens Klopfenstein nach, aber der Regisseur hüllt sich in Schweigen. Es gebe verschiedene Gründe, nichts zu sagen vor der Premiere, lässt der ansonsten kaum um Worte verlegene «Schweigen der Männer»-Macher verlauten. Hat er es etwa der Witwe von Polo Hofer versprechen müssen?

Dabei ist das «Ächzen der Asche» auch für Klopfenstein eine Art Auferstehung: Seit zwölf Jahren hat der Berner Regisseur nichts Substanzielles mehr gedreht. Jetzt ist der 73-Jährige ­wieder da und zeigt seinen Film als Mitternachtspremiere in Solothurn – «auf meinen eigenen Wunsch». Das ist das Einzige, was Klopfenstein zu «Das Ächzen der Asche» zu entlocken ist, und man erinnert sich kurz an das Hickhack um «Die Vogelpredigt» anno 2004, als es darum ging, ob dies der Solothurn-Eröffnungsfilm sein sollte oder nicht. Der dama­lige Filmtage-Direktor Ivo Kummer fand zuerst ja, dann nein, dann wieder ja. Klopfenstein war angesäuert und liess das auch alle wissen.

Zurück zu Polo Hofer und seiner Rolle in «Das Ächzen der Asche». Was könnte vom verstorbenen Berner Original im Film zu sehen sein? Man denkt etwa an ein Schauspieldouble – aber wer könnte Polo ähnlich sehen? Hat Klopfenstein vielleicht nur seine Stimme verwendet und Bildmaterial aus früheren Filmen reingeschnitten? Letzteres scheint durchaus denkbar, wenn man Klopfensteins collagenhafte Frühwerke kennt oder sich an die Klopfenstein-Hommage «Der Meister und Max» (2016) erinnert, in der Regisseur Marcel Derek Ramsay aus klopfensteinschen Filmschnipseln ein grosses Sammelsurium fabrizierte.

In der Zwischenwelt

Aber vielleicht ist ja alles ganz ­anders. Hinweise dazu, wie Polos finaler Leinwandauftritt aussehen könnte, findet man in Szenenbildern des aktuellen Films. Diese bestehen ausschliesslich aus invertierten Schwarzweissbildern. In diesen verkehrten Aufnahmen sieht man, wie Max Rüdlinger einen Kopf in den Händen hält und zu ihm spricht. Und diese Büste müsste doch eigentlich – genau – nach Polo Hofers Vorbild modelliert sein.

Ein weiterer Anhaltspunkt findet sich in einem Interview, das Klopfenstein nach Hofers Tod der «SonntagsZeitung» gab. «Der Film spielt im Jenseits, oder sagen wir: in einem Zwischenreich», sagte der Regisseur. Dazu muss man wissen: Am Ende von «Die Vogelpredigt», dem zweiten Teil der Trilogie, verliefen sich Polo und Max in den umbrischen Wäldern. In «Das Ächzen der Asche» erfährt man nun, dass die Herumirrenden in ein etruskisches Grab fielen. Klopfenstein weiter: «Im Film steigt Max noch einmal ins Grab, zum Polo-Sarkophag, und sagt, die ‹Schweizer Illustrierte› hänge draussen, er sei Schweizer des Jahres. Dabei schüttelt er Polo so stark, dass sein Kopf abfällt. Vor lauter Herr Jesus nimmt er diesen unter den Arm und läuft dann den ganzen Film mit Polos Kopf herum.»

Mulmig zumute

Schön und gut. Aber ist das nicht Blasphemie? Eine postume Schändung des überlebens­grossen Mundartrockers? Nicht, wenn man sich in Erinnerung ruft, dass Klopfenstein, Rüdlinger und Hofer diesen Film noch gemeinsam konzipiert hatten. Allerdings wurde es nach Polos Tod offenbar auch dem Regisseur mulmig zumute, was wiederum sein aktuelles Schweigen erklären könnte – zumindest teilweise. Offen bleibt zudem, wie viel von diesem Konzept es tatsächlich in «Das Ächzen der Asche» geschafft hat. Man darf also ­gespannt sein auf den letzten ­gemeinsamen Auftritt von Polo Hofer und Max Rüdlinger – zur Geisterstunde in Solothurn.

«Das Ächzen der Asche»: Premiere am 27. Januar, 23.45 Uhr, Landhaus Solothurn. (Berner Zeitung)

Erstellt: 14.12.2017, 09:16 Uhr

Berner Premieren

Diese Filme mit Berner Bezug laufen als Premieren an den Solothurner Filmtagen:

«Das Leben vor dem Tod», Dokumentarfilm von Gregor Frei («Heimatland»)

«Die vierte Gewalt», Dokumentarfilm von Dieter Fahrer («Thorberg»)

«Fell in Love with a Girl», Dokumentarfilm von Kaleo La Belle

«Mario», Spielfilm von Marcel Gisler (mit Max Hubacher)

«A Long Way Home», Dokumentarfilm von Luc Schaedler

«Bis ans Ende der Träume», Dokufiktion von Wilfried Meichtry (mit Sabine Timoteo)

«Rudolf Häsler – Odisea de una vida», Dokumentarfilm von Enrique Ros

«Hafis & Mara», Dokumentarfilm von Mano Khalil («Die Schwalbe»)

«Das Ächzen der Asche», Spielfilm von Clemens Klopfenstein

«Generalstreik 1918», Dokufiktion von Daniel von Aarburg und Hansjürg Zumstein

«Fauves», Spielfilm von Robin Erard (mit Sabine Timoteo)

Artikel zum Thema

Solothurner Filmtage im Zeichen der Frauen

Ein Auftakt mit feministischem Einschlag: Zur Eröffnung der Filmtage gewährte Bundesrätin Simonetta Sommaruga private Einblicke. Mehr...

Was hat Solothurn zu bieten?

Im Januar finden die Solothurner Filmtage statt. Heute wurde das Programm vorgestellt. Mehr...

Von schwulen Fussballern und Medien in der Krise

Im Fokus der Solothurner Filmtage stehen der Spielfilm «Mario» und der Dokumentarfilm «Die Vierte Gewalt». Mehr...

Werbung

Weiterbildung

Ausbildung & Weiterbildung Finden Sie die passende Weiterbildung Technischer Kaufmann, Deutsch lernen, Coaching Ausbildung, Präsentationstechnik, Persönlichkeitsentwicklung

Kommentare

Blogs

Nidle, dick Butter und eine Käseschnitte

Blog: Never Mind the Markets Unser frankengeschockter Tourismus

Die Welt in Bildern

Dürre: Ein Teich in der Nähe der texanischen Ortschaft Commerce ist vollständig ausgetrocknet. Für die nächsten zehn Tage werden in der Region Temperaturen von mehr als 37.7 Grad erwartet. (16.Juli 2018)
(Bild: Larry W.Smith/EPA) Mehr...