«Bei uns nennt niemand das Projekt ‹Swissflix›»

Tag 2: Verbände kritisieren die Streaming-Pläne von Bund und Solothurner Filmtagen. Auch die SRG will eine digitale Plattform starten.

«Das Fräulein» von Andrea Staka gehört zu den ersten Filmen, die in der Online-Edition Filmo aufgeschaltet werden.

«Das Fräulein» von Andrea Staka gehört zu den ersten Filmen, die in der Online-Edition Filmo aufgeschaltet werden.

(Bild: PD)

Pascal Blum@pascabl

Von Ivo Kummer, dem Filmchef beim Bundesamt für Kultur, hätte man nicht unbedingt eine Revolution erwartet. Meistens geht es bei ihm um rasend langweilige Dinge wie die «selektive Filmförderung». Es entstand deshalb einiger Wirbel, als die «Tagesschau» berichtete, der Bund werde einen Streaming-Service namens Swissflix lancieren, auf dem man Schweizer Spiel- und Dokumentarfilme dereinst gratis abspielen könne.

Seither beschwichtigt Kummer. «Im Bundesamt nennt niemand das Projekt ‹Swissflix›. Eine Plattform des Bundes wäre auch kein Abodienst und hätte niemals den Umfang des Angebots von Netflix», sagte er an den Solothurner Filmtagen. Vorstellbar sei etwa, dass man über die Website der Cinémathèque Suisse auf einen Player mit neueren Schweizer Produktionen weitergeleitet würde. Sicher werde das Angebot nicht über einen anderen Abodienst laufen, also etwa Swisscom TV. Vor 2024 sei mit Angeboten nicht zu rechnen. Zu den Kosten macht Kummer keine konkreten Angaben.

Im Blick hat Kummer den Steuerzahler, der bereits für vom Bund subventionierte Kinofilme bezahlt habe – also beim Streaming nicht noch einmal zahlen soll. Allerdings kommen praktisch alle geförderten Filme nur mithilfe von Koproduzenten zustande. Diese erwarten, dass sie dafür bezahlt werden, wenn von ihnen mitproduzierte Filme online angeboten werden.

Die nationale Plattform folge dem «Trend der Gratiskultur».

Kommt hinzu: Die SRG, die in ähnlichem Umfang Filme fördert wie der Bund, plant selbst eine digitale Plattform, auf der ab 2020 SRG-Programme personalisiert angeboten werden sollen. Offenbar sollen dort auch Spielfilme als Streams verfügbar gemacht werden. Reden die Leute überhaupt miteinander?

Zum Start der Solothurner Filmtage verschickte der Schweizerische Verband der Filmproduzenten ein Communiqué, in dem er sich «sehr überrascht» darüber gab, dass der Bund Filme gratis anbieten wolle. Er folge damit dem «Trend der Gratiskultur». Davon könne keine Rede sein, sagt Ivo Kummer: «Die Filme würden erst aufgeschaltet, wenn die herkömmliche Auswertung abgeschlossen ist.»

Kritik gibt es auch an dem anderen Streaming-Projekt, das am Freitag an den Filmtagen vorgestellt wurde: der Online-Edition Filmo. Im Laufe des Jahres werden von dem Verein, der rechtlich mit den Filmtagen zusammenhängt, rund 40 Schweizer Filmklassiker auf Plattformen wie iTunes oder Teleclub aufgeschaltet. Hinter dem Projekt steht Engagement Migros, das die ersten drei Jahre finanziert – mit einem «substanziellen Betrag».

Intransparentes Vorgehen

Von verschiedenen Seiten wird die Intransparenz von Filmo bemängelt. «Die Filmo-Leute haben nicht mit uns geredet», sagt Barbara Miller, Präsidentin des Verbands Filmregie und Drehbuch Schweiz. Auch die Filmauswahl sei «zu eng». «Ein möglichst breites Angebot wäre wichtig. Unklar ist auch, wer die Selektion vornimmt.» Filmo-Projektleiter Florian Leupin verweist auf die Informationsveranstaltung in Solothurn: «Wir sind offen für jedes Gespräch.»

Die Auswahl trifft eine Reihe von Filmexperten, nur sind sie in ihrer Auswahl offenbar nicht ganz frei: Laut Florian Leupin könne es sein, dass man die Rechte nicht bekomme oder kein Filmmaterial vorhanden sei, mit dem sich ein Film in vernünftiger Zeit aufbereiten liesse.

In Solothurn informierte Ivo Kummer über einen weiteren Plan. Die Pflichtabgabe von vier Prozent, die private TV-Anbieter bereits jetzt in die Filmförderung investieren müssen, soll neu auf Onlinedienste ausgeweitet werden. Netflix soll also Schweizer Filmproduktionen unterstützen. Vielleicht kann man dann diesen Dienst «Swissflix» nennen.

filmo.ch

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