Alles, was er sieht, ist schwarz

Liam Neeson wollte die Vergewaltigung einer Freundin rächen – an irgendeinem Menschen mit dunkler Haut.

In einem Interview erzählt er, wie er sich heute für den Vorfall schämt: Liam Neeson. Foto: Francois Mori (AP, Keystone)

In einem Interview erzählt er, wie er sich heute für den Vorfall schämt: Liam Neeson. Foto: Francois Mori (AP, Keystone)

Pascal Blum@pascabl

Als eine Freundin des britischen Schauspielers Liam Neeson vor Jahren vergewaltigt worden war, fragte er sie, wer es getan habe. Wusste sie nicht. Welche Hautfarbe der Täter gehabt habe? «Schwarz.» Liam Neeson bewaffnete sich mit einem Totschläger und wartete eine Woche vor einem Pub – in der Hoffnung, sich an irgendeinem farbigen Menschen zu rächen.

Heute schäme er sich dafür, erzählte Neeson in dem Interview mit dem «Independent», in dem er die Episode enthüllte. Aber damals habe er sich nichts sehnlicher gewünscht, als dass so ein «black bastard» seinen Weg gekreuzt hätte.

Fanatiker der Gerechtigkeit

Das Erschreckende ist, dass man es sich sehr gut vorstellen kann. Dass Liam Neeson als Oskar Schindler in «Schindlers Liste» Juden vor den Nazis versteckte, ist länger her. In letzter Zeit war Neeson auf Rachethriller abonniert. Erfolgreich wurde insbesondere die Actionfilmreihe «Taken», in der seine Figur Bryan Mills mehr als einmal damit beschäftigt ist, die Kidnapper seiner Tochter und später auch seiner Ex-Frau aufzuspüren und auf gnadenlose Art zu töten (der böse Superheld in «Deadpool» träumte mal davon, dass Neeson ihn durch die Stadt jagte, und fragte sich, ob die vielen Entführungen nicht einfach darauf zurückzuführen sein könnten, dass Bryan in der Erziehung seiner Tochter versagt hat).

Neeson spielt diesen Bryan Mills als einen grimmigen Fanatiker der Gerechtigkeit, der erst richtig auf Touren kommt, wenn es um Leben und Tod geht, und die Übeltäter stets mit einem leichten Zucken im Mundwinkel umbringt. Bei Neeson bedeutet dieser Gesichtsausdruck immer dasselbe: Hier habt ihr die gerechte Strafe Gottes, ihr Widerlinge!

Dass Neesons Persönlichkeit tatsächlich etwas mit seinem Hang zu simplen Actionmustern zu tun hat, erklärte er im «Independent»-Interview damit, dass er die archaischen Motive, die seine Figuren in den Rachegeschichten antreiben, bestens nachvollziehen könne. «Stell dir vor, einem Mitglied deiner Familie wird auf kriminelle Art Schaden zugefügt.» Danach erzählt er die Geschichte vom Schwarzen und vom Pub; eine «schreckliche Sache», wenn er heute daran zurückdenke.

Neeson lauerte damals vor dem Pub der ganzen schwarzen Rasse auf. So denkt ein Rassist.

Liam Neeson wurde 1952 in Nordirland geboren und gewann vor seiner Filmkarriere einen Meistertitel im Boxen. Auch die Troubles in seiner Heimat hätten seine Weltsicht verdüstert, sagt er im Interview. Soweit man es überblicken kann, hat er in seinen Rachethrillern nie gezielt Jagd auf schwarze Menschen gemacht, oft haben die Bösewichte einen diffusen osteuropäischem Hintergrund. Jüngst spielte Neeson in «Widows» sogar einen Gangster, der in einer Liebesbeziehung mit einer dunkelhäutigen Frau lebte.

Trotzdem lauerte Neeson damals vor dem Pub der ganzen schwarzen Rasse auf. So denkt ein Rassist, schliesslich ging er davon aus, dass alle Vertreter dunkler Hautfarbe kriminelle Merkmale tragen. Dass Neesons Rachefilme vergnüglich bleiben, ist leider ebenfalls wahr – es macht halt Freude, wenn im Kino die Richtigen drankommen. Aber da er sich das Erschreckende so gut vorstellen kann: Eventuell könnte Neeson mal die Seite wechseln und nicht den Rächer, sondern den Schurken spielen. Es gäbe sicher einige, die ihn jagen würden.

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