Weltlärm in der Bundesstadt

Nach einem Jahr Pause beginnt heute das 9. Norient-Musikfilmfestival. Äusserlich hat sich nicht viel verändert.Hinter den Kulissen aber schon, wie Gründer Thomas Burkhalter verrät.

Wie die kontroverse slowenische Band Laibach in Nordkorea ein Konzert spielte, ist im Musikfilm «Liberation Day» zu sehen. Fotos: PD

Wie die kontroverse slowenische Band Laibach in Nordkorea ein Konzert spielte, ist im Musikfilm «Liberation Day» zu sehen. Fotos: PD

Martin Burkhalter@M_R_Bu

Zerbrechlichkeit ist das Schlagwort. Die Welt ist fragil, Systeme und gesellschaftliche Zustände sind es und nicht zuletzt wir Menschen. Thomas Burkhalter, Musikethnologe und Gründer des international tätigen und in Bern stationierten Musiknetzwerks Norient.com, hat das am eigenen Leib erfahren. Er kam mit seinen Projekten und Engagements an eine Belastungsgrenze.

Und als dann vor zwei Jahren die Norient-Plattform von Google verschwand, entschied er sich für eine kreative Pause. «Wenig Geld, wenig Leute. Die Schwierigkeit ist, dass man nicht plötzlich in ein Burnout hineinläuft», sagt Burkhalter heute. Nun ist die Pause vorüber. Heute beginnt, mit einem Jahr Verspätung, die 9. Ausgabe des Norient-Musikfestivals unter dem Titel «Global Warning», die in Bern, St. Gallen und Lausanne stattfindet und bis Sonntag dauert (siehe Kasten).

Musikalischer Untergrund

Ein weiteres Mal bringt das Musikfestival also wieder etwas Weltlärm in die Bundesstadt. Wieder werden ein Dutzend filmisch-musikalische Werke von den Zuständen ausserhalb der eurozentrischen Wahrnehmung erzählen und auf die Zerbrechlichkeit der Welt aufmerksam machen. So richtig Revolutionäres scheint in der kreativen Pause jedoch nicht passiert zu sein. «Das Musikfestival ist ja auch nur ein kleiner Teil von Norient», erklärt Thomas Burkhalter.

«Wir versuchen die allgemeine Wahrnehmung der Welt etwas zu verändern», sagzt Thomas Burkhalter, Gründer des Netzwerks Norient. Foto: PD

«Wir haben uns im letzten Jahr vor allem Zeit genommen, das Ganze durchzudenken.» Das Festival selber soll erst zur nächsten Ausgabe, zum Jubiläum, aufgefrischt werden. Mit Norient.com selber aber ist einiges passiert im letzten Jahr. Nicht zuletzt hat das Migros-Kulturprozent dem Musiknetzwerk einen Werkbeitrag im Bereich Digitale Kultur zugesprochen.

Dazugekommen sind Beiträge von Kanton und Stadt Bern und anderen Förderern. Eine Anerkennung und ein wichtiger Zustupf für Thomas Burkhalter, der Norient.com als Non-Profit-Einrichtung betreibt und sein Geld mit wissenschaftlichen Engagements, als Dozent und Forschungsleiter und als Kulturschaffender verdient.

Aber: Norient. Was ist das eigentlich? Kurz gesagt eine Internetplattform, die Leute aus den musikalischen Untergrundszenen und den urbanen Avantgarden aus der ganzen Welt zusammenbringt. Eine Art Seismograf für die Eruptionen in den «Nischenkulturen».

Thomas Burkhalters Vision ist es, musikalische Phänomene, Entwicklungen und den Lärm in wenig beachteten Ecken dieser Welt zu erforschen und einer breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen.

Digitales Museum

Angefangen hat Burkhalter mit einem Blog im Jahr 2002. Er war als Musikjournalist tätig. Schon damals war die Nische sein Spezialgebiet. Weil die einschlägigen Magazine aber vermehrt auf marktkonforme Musik und ebensolche Texte setzten, begann er seine Artikel auf seiner Website zu veröffentlichen. Heute hat sich Norient.com zum breiten Netzwerk entwickelt, das von Bern über Berlin bis Damaskus, Beirut, Jakarta und einmal um den Globus herum reicht.

Das Webportal ist zu einer Marke geworden, die für internationale Podcasts und Dokumentationen, Festivals und Ausstellungen steht. Weltweit gefragte Engagements und Projekte also, die Thomas Burkhalter auch schon mal an die Belastungsgrenze bringen. «Der Kampf ist, jene Themen ausserhalb des Mainstreams, die man als relevant und tiefgreifend ansieht, an die Öffentlichkeit zu bringen», sagt er.

«Gerade auch mit dem Musikfilmfestival versuchen wir die allgemeine Wahrnehmung der Welt etwas zu verändern.» Das sei das Ziel und nicht, dass man einfach in seiner eigenen Nische einen coolen Blog habe.

Was Thomas Burkhalter und sein Team mit den Fördergeldern so getrieben haben, wird nicht am Festival, sondern erst im April zu sehen sein. Dann wird die neu gestaltete Norient-Website aufgeschaltet und wird somit eine Art digitales Museum eröffnen.

Eines mit audiovisuellen Galerien, Videos, Podcasts, Interviews zu Musik aus aller Welt, inklusive eines wissenschaftlichen Archivs. Im Prinzip soll das Museum Plattform, digitaler Raum und Netzwerk für Wissenschaftler, Journalisten, Künstler und Musikinteressierte aus der ganzen Welt werden.

Berner Zeitung

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