War Shakespeare ein aristokratischer Snob?

Sein oder nicht sein? Diese berühmte Frage beantwortet Hollywood-Regisseur Roland Emmerich eindeutig: In seinem Film «Anonymous» ist Shakespeare nur ein Strohmann. Der wahre Verfasser der Shakespeare-Werke heisst Edward de Vere, der Earl of Oxford.

Der Earl of Oxford (Rhys Ifans) soll heimlich in seiner Schreibstube Weltliteratur wie «Hamlet» oder «Ein Sommernachtstraum» verfasst haben.<p class='credit'>(Bild: zvg)</p>

Der Earl of Oxford (Rhys Ifans) soll heimlich in seiner Schreibstube Weltliteratur wie «Hamlet» oder «Ein Sommernachtstraum» verfasst haben.

(Bild: zvg)

Lucie Machac@liluscha

Herr Emmerich, was fasziniert Sie an Verschwörungstheorien? Roland Emmerich: Also, ich glaube, dass wir auf dem Mond waren und dass al-Qaida für 9/11 ver-antwortlich ist. Aber man darf nicht alles glauben, was uns das Establishment auftischt. Es liegt im Wesen der Politik, dass ihre Exponenten die Wahrheit nicht sagen dürfen, weil wir sie schlicht nicht akzeptieren würden. Wir kennen nur die Spitze des Eisbergs. Denken Sie etwa an die Watergate-Affäre. Hätte dieser eine Mann jene zwei Journalisten nicht mit Informationen gefüttert, wäre unsere Geschichtsschreibung heute eine andere.

Mit Ihrem Shakespeare-Film versuchen Sie selbst, die Geschichte zu beeinflussen. Hatten Sie ein Schlüsselerlebnis mit Shakespeares Werken? Nein, ich bin mit Goethe und Hölderlin aufgewachsen. Im Gymnasium mussten wir zwar Shakespeare lesen, aber das hat mich gelangweilt. Meine Begeisterung für diesen aussergewöhnlichen Mann kam später, als ich mir Theaterstücke und Filme angesehen habe. Und seit zehn Jahren beschäftige ich mich auch intensiv mit seiner Person.

Glauben Sie ernsthaft, dass Shakespeare nur ein Strohmann war, oder ist es ein Spiel für Sie? Am Anfang dachte ich, ich komme damit durch, wenn ich mich nicht festlege. Aber als Regisseur trägt man eine Verantwortung. Also habe ich mich ins Thema reingekniet. Ich habe sowohl akademisch-wissenschaftliche als auch populärwissenschaftliche Shakespeare-Biografien gelesen. Und da habe ich mich relativ schnell auf die Seite der Zweifler geschlagen. Dass Shakespeare ein mässig gebildeter, einfacher Schauspieler war, macht einfach keinen Sinn. Ich gehöre zu jenen, die in seinen Werken eine aristokratische Haltung spüren und glauben, dass Shakespeare durchaus ein Snob war.

Die Proteste gegen Ihren Film haben bereits eingesetzt. In Stratford, Shakespeares Geburtsort, hat man seine Statue verhüllt und die Strassenschilder mit seinem Namen überklebt... Ich habe erst gedacht, glauben die jetzt auch an meine These? Die Stratforder machen einen Fehler, weil sie so nur meinen Film bewerben.

Ist Ihr Kalkül damit aufgegangen? Sagen wir so, ich habe mir gedacht, dass ein paar Leute ärgerlich werden.

Literaturprofessoren wiederum haben für Ihre Theorie gerade mal ein müdes Lächeln übrig. Ach, das ist okay, solange sie nicht persönlich werden. Oder falsche Dinge behaupten. Die Shakespeare-Forschung basiert hauptsächlich auf Annahmen. Wir kennen zwar Shakespeares Testament, wir wissen, dass er ein Haus in Stratford gekauft hat. Ob er aber auch die Stücke selbst verfasst hat, dafür gibt es keine schlüssigen Beweise.

Als mögliche Urheber von Shakespeares Werken zirkulieren mehrere Namen. Weshalb haben Sie sich für den Earl of Oxford entschieden? Er gilt heute als jener Kandidat, der am meisten Anhänger hat, darunter Sigmund Freud und Orson Welles. Dass es mehrere Kandidaten gibt, ist nur ein weiterer Beweis dafür, dass sich viele fragen, wie ein gemeiner Bürger mit niederer Schulbildung...

...die Grammar School, die Shakespeare besucht hat, war eine sehr gute Schule mit Lateinunterricht. Aber nicht gut genug, um Weltliteratur zu schaffen. Es ist erwiesen, dass Shakespeare mehr als 3000 Wörter aus dem Lateinischen und Altgriechischen ins Englische übernommen hat. Fürs öffentliche Theater wäre es ein Blödsinn gewesen, dort waren 90 Prozent Analphabeten. Ich glaube, dass diese Stücke erst anonym für den Hof geschrieben worden sind. Königin Elisabeth sprach Altgriechisch und Latein. Ich stelle mir vor, dass Shakespeares «Fremdwörter» quasi wie ein interner Joke am Hof funktionierten.

Ist das nicht eine reichlich romantische Vorstellung? Wissen Sie, Literaturprofessoren denken, alles sei pure Inspiration. Kunst basiert aber auch auf Lebenserfahrung und Wissen. Und grosse Kunst entsteht durch die Sublimierung von Leiden. Warum ist Shakespeares Hamlet so besessen von der Vorstellung, dass seine Mutter einen anderen heiratet? Mit dem Leben des Earl of Oxford lässt sich dies erklären, weil seine Mutter nach dem Tod seines Vaters schnell wieder geheiratet hat. Die tiefen Emotionen in Shakespeares Werken kommen nicht von literarischen Übungen. Als Regisseur weiss ich, dass vieles auf eigenen Erfahrungen beruht.

Welche autobiografischen Bezüge gibt es in Ihren Filmen? Es kommen immer wieder Vater-Sohn-Geschichten vor. Mein Vater und ich haben uns wirklich geliebt, aber auch viel gestritten und gekämpft. Diese Liebe ist in meinen Filmen immer sehr belastet, aber am Ende weiss der Sohn, dass der Vater hinter ihm steht.

Berner Zeitung

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