Verlieben Sie sich nicht in Otto Bloom!

«The Death and Life of Otto Bloom» läuft in dieser Reihenfolge ab, denn der Herzensbrecher in diesem Film lebt sein Leben rückwärts. Ein Kinoerlebnis der philosophischen Art.


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Stellen Sie sich vor: Sie vergessen sofort, was Sie eben erlebt haben. Zum Beispiel diesen Satz, den Sie gerade lesen. Dafür wissen Sie schon, wie der nächste lauten wird. Und was später am Tag geschehen wird. Oder in einem Jahr. Sie kennen die Zukunft, weil Sie sie schon erlebt haben, doch von der Vergangenheit haben Sie keinen Schimmer.

Die stürmische Liebesnacht gestern – ausgelöscht. Es ist ein Jammer, aber genau das, was Otto Bloom (Xavier Samuel) passiert. Passen Sie auf! Verlieben Sie sich nicht in ihn wie die Psychologin Ada (Matilda Brown), die seinen Fall mit wachsendem Interesse erforscht. Sie muss akzeptieren, dass Otto sich genauso wenig an die erotischen Begegnungen mit ihr erinnert wie an die Gespräche, die sie täglich führen. Dafür hat er sie schon lange vor ihrer ersten Begegnung gekannt.

Berühmter Brief

Können Sie folgen? Nicht? Tatsächlich bekommt man beim Schauen von «The Death and Life of Otto Bloom» fast einen Knopf im Kopf – zumindest, wenn man den Helden zu verstehen versucht. Denn wenn es möglich ist, Zeit nicht nur in einer Richtung zu erleben, sondern auch in der entgegengesetzten, dann geschieht im Grunde alles gleichzeitig.

«Die Idee zu diesem Film kam mir, als ich auf einen Brief stiess, den Albert Einstein an die trauernde Familie eines kürzlich verstorbenen Freundes geschrieben hatte», sagt der britisch-australische Regisseur Cris Jones. «Es war der berühmte Brief, in welchem Einstein die Zeit als ‹bloss eine Illusion› beschrieb – ein schönes Geschenk, fand ich, ein Funke Hoffnung im Chaos des Universums.»

Kunstvolle Collage

Jones, der bisher vor allem mit seinen Musikvideos und Kurzfilmen auffiel, ging das Wagnis ein und zeigt in seinem ersten langen Spielfilm das unsichtbare Phänomen Zeit in einer kunstvollen Collage. Adas Videoaufnahmen, Fotografien und bewegte Kunstwerke, wie nur Otto Bloom sie ­erschaffen konnte, fügen sich zu einem Augenschmaus.

Zudem erzählen in einem «dokumentarisch» gestalteten Rahmen die älter gewordene Ada (verkörpert von Rachel Ward), ein Musikproduzent, ein Physiker und ein Philosoph retrospektiv von ihren Begegnungen mit dem Mann ohne Gedächtnis.

All diese Menschen sprechen direkt zu Ihnen als Zuschauer und berichten vom Aufstieg Otto Blooms zu einer Art Messias und von seinem tiefen Fall. Und allmählich, Sie werden sehen, löst sich der Knopf in Ihrem Kopf und Sie können die traurig-schöne Liebesgeschichte von Ada und Otto geniessen, die sich ausschliesslich in der Gegenwart abspielt, dort, wo Vergangenheit und Zukunft sich treffen: jetzt.

«The Death and Life of Otto Bloom»:Der Film läuft ab übermorgen Donnerstag im Kino. (Berner Zeitung)

Erstellt: 29.08.2017, 10:32 Uhr

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