Überlebensübungen in der Lavawüste

Skurril, abgründig, entrückt: In «Welcome to Iceland» lässt der Berner Regisseur Felix Tissi ein sonderbares Ensemble in malerischer Einöde herumirren.

Bedingt geländetauglich:?Die Berner Schauspieler Dominique Jann (links) und Marcus Signer im Film «Welcome to Iceland».

Bedingt geländetauglich:?Die Berner Schauspieler Dominique Jann (links) und Marcus Signer im Film «Welcome to Iceland».

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Was für ein Auftakt: Drei Männer tragen einen Sarg aus einem isländischen Guesthouse und verladen diesen in einen Range Rover. Das Auto fährt los, stoppt aber nach fünf oder sechs Metern, und die Männer steigen aus, um denselben Sarg vor einer Kirche wieder auszuladen. Man möchte sagen: Das ist die beste Szene, die Aki Kaurismäki («Lights in the Dusk», «Le Havre») nie gedreht hat.

Gedreht hat die Szene Felix Tissi, und «Welcome to Iceland» lädt den Zuschauer ein, abermals in eine Welt des Berner Regisseurs mit seinem verschrobenen Personal einzutauchen. Als da wären: ein gut gekleideter Selbstmörder (Dominique Jann), ein mürrischer Familienvater (Marcus Signer) und ein fast cooles Aussteigerpärchen (Maryam Zaree, Nicola Mastroberardino).

Aber wie das so ist: Manche Figuren haben einen Motorenschaden im Auto, die meisten jedoch einen Schaden im eigenen Getriebe. Und das hat Konsequenzen. Denn die ganze Gemeinschaft (inklusive Ehefrauen, Kindern und Hamstern) trifft sich zufällig in einer Lavawüste auf ­Island. Man wandert. Man schweigt. Man verirrt sich. Man flucht. Und trotz unterschiedlichen Absichten ist allen bewusst: Ein Minimum an Sozialkompetenz wäre nötig. Mit Betonung auf «wäre».

Atemberaubende Kulisse

Kommt alles wieder gut? Nein, aber das zwischen Schein und Sein schwankende Ensemble tut Tissis jüngstem Film gut. Der Berner Regisseur, der sich konventionellen Strukturen oft verweigert, umkreist in atemberaubender Kulisse Menschen, die nicht finden, was sie suchen. Und die nicht können, was sie wollen. «Eine Gruppenreise hatten wir eigentlich nicht vor», schnaubt der Familienvater zu Beginn.

Kabinett der Kleinlichkeiten

Was in «Welcome to Iceland» folgt, ist ein gegenseitiges Abtasten und Aushorchen, zum Beispiel in jener Szene, als nachts im Zelt eine Frau mithört, was die Männer draussen am Feuer bereden. Auch sonst kommt man in diesem Kabinett der Kleinlichkeiten (Kamera: Birgit Gudjonsdottir) auf seine Kosten – etwa wenn die Hamster verenden und die Emotionen überborden. Schade nur, dass man auch Dinge erfährt, die nicht nötig wären. Etwa wenn der potenzielle Selbstmörder den Piloten des einzigen Flugzeugs in der Gegend mit Namen kennt (der Pilot kommt später nie mehr vor). Oder wenn derselbe Lebensmüde auf umständliche Art offenbart, warum er sich umbringen will. In einem Aki-Kaurismäki-Film hätte er geschwiegen.

(Berner Zeitung)

Erstellt: 28.04.2016, 08:45 Uhr

Abo

Die ganze Region. Im Digital-Light Abo.

Die BZ Berner Zeitung digital im Web oder auf dem Smartphone nutzen. Für nur CHF 17.- pro Monat.
Jetzt abonnieren!

Kommentare

Blogs

Welttheater Hallo, schöne Frau …

Geldblog So nutzen Anleger den Wettbewerb

Die Welt in Bildern

Muss man tragen können: Eine Teilnehmerin posiert am Leipziger Wave-Gotik-Treffen in Deutschland. (20. Mai 2018)
(Bild: AP Photo/Jens Meyer) Mehr...