Tonspur von Afrika nach New Orleans

Die klingende Stadt Orleans steht im Zentrum des 4. Norient-Musikfilmfestivals, das am Donnerstag in der Berner Reitschule mit einem Mardi-Gras-Film beginnt.

Plakatwerbung für die  Demokratische Republik Tamtam: So farbig lädt das Motherland Soundsystem aus Zürich die Gäste des Norient-Musikfilmfestivals zum Abtanzen.

Plakatwerbung für die Demokratische Republik Tamtam: So farbig lädt das Motherland Soundsystem aus Zürich die Gäste des Norient-Musikfilmfestivals zum Abtanzen. Bild: zvg/Seraina Rothenberger

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«Das Leben geht weiter, du kannst nicht aufhören zu leben, nur weil du alles verloren hast.» Ganz alles hatte der Mann nicht verloren, als der Wirbelsturm Katrina 2005 über seine Stadt hinwegfegte und sie zur Schlammwüste machte: Nadel und Faden sind ihm geblieben, glitzernde Stofffetzen, Federn, Perlen. Bedächtig näht er an seinem Gewand für Mardi Gras, den Karneval, an dem die schwarze Bevölkerung von New Orleans den indianischen Ureinwohnern die Referenz erweist und unter der Führung aufwendig kostümierter Häuptlinge symbolische Kämpfe austrägt. Und der kleine Junge, der bei ihm auf dem Bett sitzt, hört ihm zu und strahlt – solange Mardi Gras stattfindet, geht die Welt nicht unter.

Mit «Bury the Hatchet» («Begrab das Beil») beginnt das diesjährige Norient-Musikfilmfestival, gefolgt von «Liquid Land», einem Dokfilm, der die Rituale der Musikstadt in einer experimentellen Improsession Klang werden lässt. Die Musiker, die da zu sehen und hören sind, treten danach live in der Rösslibar auf. Und Miz Mockingbird, der Koch, der für die Festivalgäste kreolischen «Soul Food» zubereitet, ist ebenfalls aus den heissen Sümpfen Louisianas eingeflogen worden. Eine wahrhaft nahrhafte Hommage an New Orleans! Wer will, kann danach noch ein Verdauungstänzchen zu den Platten des Motherland Soundsystems wagen.

Tanzen mit der Dragqueen

Doch damit nicht genug. New Orleans bleibt während des ganzen, bis Sonntag dauernden Festivals präsent. Stichwort Bounce: Der energiegeladene Hip-Hop im afrikanischen Stil von «call and response» ist in der Stadt entstanden und Thema des Filmporträts «Almost Famous» über Freddy alias Sissy Bounce Queen Freedia.

Sissy Bounce? Sister Bounce. Zu diesem Begriff liefert das neue Norient-Buch (siehe Kasten) folgende Erklärung: «Der exzessive Bounce Rap mit stark sexualisierten Texten und Tänzen wird hauptsächlich von homosexuellen Männern in Dragshows performt.» Big Freedia ist eine solche Dragqueen, und sie ist höchstselbst nach Bern gereist, um den Festivalgästen beizubringen, wie man ordentlich mit dem Hintern wackelt, mit den Beinen schlottert und andere, genretypische Balzbewegungen ausführt. Der Tanzkurs findet morgen Abend im Club Bonsoir statt, erproben kann man das Gelernte an der samstäglichen Clubnacht.

Die Kehrseite des Westens

Ein monothematisches Festival also? Nicht ganz. Neben einer trashigen Rock-’n’-Roll-Lovestory aus Bulgarien, einer Clipshow, die Peter Kraut unter dem Titel «Youtube Killed the Videostar» zusammengestellt hat, jüdisch-äthiopischem Politrap und dem audiovisuellen Abschlusstrip mit The National Fanfare of Kadebostany gibt es einen zweiten Themenschwerpunkt, weit weg vom lebenshungrigen New Orleans. Norwegen nämlich ist die Hochburg des Black Metal, jener harten, messerscharfen Rockmusik, die mit dem Satanismus liebäugelt und in den Neunzigern zu einer Welle von Kirchenverbrennungen und Selbstmorden geführt hat. Im Film «Until the Light Takes Us», gleich zweimal zu sehen, geben Metal-Musiker rückblickend Einblick in eine Szene, die das andere, das hässliche Gesicht der westlichen Gesellschaft widerspiegelt. (Berner Zeitung)

Erstellt: 10.01.2013, 11:03 Uhr

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