Tom Cruise glänzt als «Juke Box Hero»

Unerschrocken, überdreht, grossartig: Tom Cruise läuft im Filmmusical «Rock of Ages» zu Hochform auf.

Mit Lederhose und nacktem Oberkörper: Im Filmmusical «Rock of Ages» verkörpert Tom Cruise den Inbegriff von Achtzigerjahre-Grössenwahn und -Dekadenz.<p class='credit'>(Bild: David James)</p>

Mit Lederhose und nacktem Oberkörper: Im Filmmusical «Rock of Ages» verkörpert Tom Cruise den Inbegriff von Achtzigerjahre-Grössenwahn und -Dekadenz.

(Bild: David James)

Hans Jürg Zinsli@zasbros

Es ist ein Auftritt nach Mass. Oder ein Anfall von Masslosigkeit, was in diesem Fall auf dasselbe herauskommt: Tom Cruise krabbelt halb nackt unter einem Groupiequartett hervor, lallt in eine Whiskyflasche und fällt kopfüber in den Backstagepool. Später wirbelt er mit Lederhose und nacktem Oberkörper über die Bühne, faselt etwas von gefangenen Feuervögeln und lässt sich von einem dressierten Schimpansen Spirituosen reichen.

Ein Mann macht sich zum Affen

Macht sich Tom Cruise mal wieder zum Affen? Allerdings! Und das so gut, wie es zurzeit kein anderer Hollywood-Superstar hinkriegt. Wohlgemerkt: Wir sprechen hier nicht von Privatmann Cruise, der auf Oprah Winfreys Couch herumhüpfte, der Brooke Shields wegen ihrer Wochenbettdepression verunglimpfte und im Namen von Scientology die Psychiatrie als Pseudowissenschaft abkanzelte. Wir sprechen von Schauspieler Tom Cruise, der nach dreissigjähriger Filmkarriere eine Hollywood-Ausnahmeerscheinung ist und bleibt.

Auf den Spuren von Axl Rose

In «Rock of Ages» spielt der bald Fünfzigjährige den Rockstar Stacee Jaxx. Mit durchgedrücktem Kreuz, schleppendem Gang und abgelöschtem Blick irrlichtert er zwischen Bühne, Stretchlimo und Backstagebereich hin und her, singt sich als Inbegriff von Grössenwahn und Dekadenz durch Hardrockklassiker von Def Leppard bis Guns N’ Roses. Das Rollenvorbild ist unschwer zu erkennen: Für Stacee Jaxx hat Cruise jede Muskelzuckung von Guns-N’-Roses-Frontmann Axl Rose verinnerlicht.

Was wir sehen, ist hochgradig übertrieben, hanebüchen, an der Grenze zur Lächerlichkeit. Doch genau damit bringt Cruise die Essenz des späten Achtzigerjahrerocks (Posen, Power, Plattitüden) auf den Punkt. Kein Zweifel: Der Mann ist Extraklasse, wenn es darum geht, aussergewöhnliche Rollen auszufüllen. An Beispielen herrscht kein Mangel.

Cholerisch, eiskalt, exzellent

Wir erinnern uns, wie Tom Cruise als cholerischer Filmproduzent mit Glatze durch Ben Stillers Blockbustersatire «Tropic Thunder» (2008) tobte und tanzte. Oder wie er als grauhaariger Massanzug-Träger in Michael Manns «Collateral» (2004) den eiskalten Killer markierte. Man versuche sich in diesen Rollen einen Johnny Depp, einen George Clooney oder einen Brad Pitt vorzustellen – und man wird scheitern.

Berserker mit Buhmann-Flair

Klar, auch ein Tom Cruise ist vor Missgriffen nicht gefeit, auch er lieferte Überflüssigkeiten ab. Tatsache aber ist: Seinen hauptberuflichen Agentenpart («Mission: Impossible») beherrscht der Superstar im Schlaf. Doch wenn es darauf ankommt, eine Buhmann-Rolle auszufüllen, die nicht nur seinem Image zuwiderläuft, sondern auch seinen Ruf beschädigen könnte, wird «Mr. Top Gun» zum Berserker.

Macker mit Auszeichnung

Unvergessen etwa, wie er in Paul Thomas Andersons «Magnolia» (1999) einen frauenverachtenden Sexguru verkörperte und gleich mit den ersten Worten «Respect the cock!» («Achte den Schwanz!») das Kinopublikum leer schlucken liess. Für diesen Obermacker erntete Cruise keinen Sturm der Entrüstung, sondern eine Golden-Globe-Auszeichnung und eine Oscarnomination. Das war vor zwölf Jahren. Höchste Zeit eigentlich, Tom Cruise für seinen jüngsten Effort gebührend zu würdigen.

Berner Zeitung

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