Tod eines Piraten

Der Hacktivist Aaron Swartz kämpfte für mehr Transparenz im Internet. Dann geriet er mit dem FBI in Konflikt. Ein neuer Film erzählt seine tragische Geschichte.

Der ganze Film: «The Internet's Own Boy».

Lena Rittmeyer@LaRittmeyer

Am 11. Januar 2013 fand man Aaron Swartz tot auf. Der Programmierer, «Hacktivist» und Mitbegründer von Reddit stand kurz vor einem Gerichtsverfahren wegen Datendiebstahl. Bei einem Schuldspruch drohten ihm 35 Jahre Gefängnis. Wenige Wochen vor Prozessbeginn erhängte sich Swartz in seiner Wohnung in Brooklyn.

Nun hat der amerikanische Regisseur Brian Knappenberger per Crowdfunding fast 10'000 Dollar gesammelt und damit einen Dokumentarfilm über Swartz’ kurzes, bemerkenswertes Leben gedreht. Seit letzter Woche steht dieser – ganz nach Swartz’ Philosophie – für alle frei zugänglich im Netz. Knappenberger trägt darin einerseits Ereignisse und Fakten zusammen und lässt andererseits Familienangehörige und wichtige Wegbegleiter Swartz’ zu Wort kommen.

Open-Access, Piraten, Wikileaks

Das World Wide Web faszinierte Swartz, der mit drei bereits lesen konnte, seit klein auf. Swartz wuchs als einer von drei Brüdern in Chicago auf. Mit 12 programmierte er einen Vorläufer von Wikipedia, mit 14 war er Mitglied einer Entwicklergruppe, die den RSS-Feed erfand. Swartz kämpfte bald für die Demokratisierung von Wissen und den freien Zugang zu Informationen.

2008 verfasste Swartz das «Guerilla Open Access Manifest» – die Grundlage für den radikalen Flügel der Open-Access-Bewegung, der Swartz angehörte. In Europa formierte sich derweil die gleichgesinnte Piratenpartei, die ebenfalls die freie Verbreitung von Wissen und Information forderte, während 2006 die Enthüllungsplattform Wikileaks online ging und geheime Dokumente der Öffentlichkeit preisgab.

Swartz und «die schlechte Sache»

Ein Jahr darauf begründete Swartz das «Pacer Recycling Project» (Public Access to Court Electronic Records) mit – eine Website, auf der Swartz und seine Leute gerichtliche Dokumente veröffentlichten, die sonst nur gegen Bezahlung auf Pacer.gov einsehbar waren. Brisant war für Swartz ausserdem, dass Forschungsarbeiten oft mit Steuergeldern finanziert werden, der Bürger aber dafür bezahlen muss, um Einsicht in die Dokumente zu erhalten. Wissenschaftliche Arbeiten waren für ihn ein kollektives kulturelles Erbe, das niemandem vorenthalten werden sollte.

Diesen Missstand wollte Swartz aufdecken und hackte sich am 24. September 2010 über das offene Netzwerk des Massachusetts Institute of Technology (MIT) in die digitale Bibliothek von JSTOR, einem kostenpflichtigen Onlinearchiv von Fachzeitschriften. Er lud sämtliche Dokumente herunter und stellte diese wieder ins Netz – kostenfrei. Swartz sprach später nur von «The Bad Thing», der schlechten Sache, die er getan habe.

Lobbyarbeit mit Erfolg

Im gleichen Jahr bekämpfte Swartz mit der Onlinekampagne «Demand Progress» den Gesetzesentwurf «Stop Online Piracy Act» (Sopa). Dieser sollte die Verbreitung von urheberrechtlich geschützten Inhalten verhindern. Für Swartz eine Gefährdung der freien Meinungsäusserung: «Die Regierung kann unter Berufung auf dieses Gesetz eine Website einfach abschalten», warnt er im Film. Seine Lobbyarbeit zahlte sich aus: Das US-Repräsentantenhaus verwarf Sopa.

Gleichzeitig begann das FBI, gegen Swartz zu ermitteln. Es war die Zeit, als auch das Aktivistenkollektiv Anonymous vermehrt zu Protesten aufrief und öffentlich für Redefreiheit eintrat. Swartz bot man derweil einen Deal an: Sollte er seine Schuld eingestehen, erwarteten ihn drei Monate Haft und Strafvollzugsanstalt sowie ein einjähriges Computerverbot. Swartz schlug das Angebot aus. Stattdessen wurde er verhaftet. Gegen Kaution kam er frei, kurz darauf liess JSTOR die Klage gegen ihn fallen.

Neue Klage

Doch Swartz sah sich kurz darauf mit einer neuen Klage konfrontiert – in 13 Fällen soll er gegen das Gesetz verstossen haben, fast immer gegen den «Computer Fraud and Abuse Act» von 1986. Swartz isolierte sich zunehmend, wurde depressiv, sprach immer weniger.

Regisseur Knappenberger zeichnet im Film das Bild eines introvertierten, feinsinnigen jungen Mannes, der sein Leben lang für freie Wissensverbreitung kämpfte, aber letztlich am Ausmass seines Ansinnens zerbrach. Für Unkundige leistet Knappenberger auch ein Stück aufklärerische Arbeit: Der Film legt dar, wie im digitalen Zeitalter vorherrschende Machtverhältnisse zu bröckeln begannen, und macht gleichzeitig fassbar, wie die Unzufriedenheit über herrschende Strukturen den stillen Swartz zu unermüdlichem Aktivismus anspornte.

Knappenberger drehte bereits 2012 den Film «We Are Legion: The Story of the Hacktivists», der sich mit dem Anonymous-Kollektiv befasste. In «The Internet’s Own Boy» trägt der Regisseur hin und wieder etwas dick auf: Dramatische Hintergrundmusik und Kamerazooms hätte der Film nicht nötig – sein Inhalt ist dringlich genug.

Bernerzeitung.ch/Newsnetz

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