So ein Weltuntergang ist schön

In seinem neuen Film «Melancholia» ist Schwerenöter Lars von Trier ungewöhnlich nett zu den Frauen. Dafür plagt er die ganze Welt.

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Simone Meier

Es ist wie immer: Die Frau, dieses naturbrünstige und naturneurotische Wesen, will sich vermählen. Nicht im übertragenen, also hochzeitstechnischen Sinne, das geht nämlich sehr bald schrecklich schief. Eher im kopulationstechnischen Sinne. Und nicht einfach mit einem Mann, nein, das Weib strebt da schon nach Höherem: In Lars von Triers letztem Film «Antichrist», war es der Teufel höchstselbst, mit dem sich die zur Hexe gewordene Charlotte Gainsbourg sadomasochistisch in der Waldhütte verlustierte, jetzt, in «Melancholia», hat Kirsten Dunst im und mit dem Sternenschein Sex. Zuerst im Hochzeitskleid auf dem Golfplatz, dann splitternackt im blausilbrigen Licht. Klar, sieht das schön aus.

So, wie überhaupt vieles atemberaubend schön aussieht in «Melancholia»: Das ist träumerisches, surreales, märchenhaft symbolisches Kino, jedenfalls in den ersten acht Minuten, wenn Lars von Trier Bilder zeigt, die so noch nie zu sehen waren, Kirsten Dunst als Depressive, der Blitze aus den Händen zucken, ein in Zeitlupe verendendes Pferd, Kirsten Dunst im Brautkleid, wie sie zu fliehen versucht und von zähen Wurzeln verschlungen wird, Charlotte Gainsbourg, die immer weiter im Boden versinkt, Kirsten Dunst im Brautkleid auf einem grünen Gewässer treibend, Ophelia und Lady of Shalott in einem. Jugendstil, Romantik, hochstilisierter Endzeitkitsch in berückender, bedrückender Übergrösse.

Die Hochzeit platzt

Dazu Wagner, «Tristan und Isolde». Alle Liebe mündet im Tod. So, wie all diese Bilder im Weltuntergang münden, im Einschlag des Sterns namens Melancholia in die Erdoberfläche – auch dies natürlich eine in höheren Sphären angesiedelte Kopulation, die Vereinigung von zwei Planeten als ihre gleichzeitige Auslöschung. Der kleine Tod, den kleine Menschen beim Sex erleben, ausgeweitet in den ganz grossen Tod, das Ende der Welt, wie wir sie kennen. Ein Präludium also in orgiastischer Pracht. Ein Wahnsinn.

Und dann beginnt der Film. Zuerst ist er für Lars von Trier ungewohnt heiter, ja geradezu lustig: Die schwer depressive Justine (Kirsten Dunst) heiratet auf einem Schloss den etwas hilflosen Michael (Alexander Skarsgard). Die Schlossherrin ist ihre total verhärmte Schwester Claire (Charlotte Gainsbourg), deren erfrischend bodenständiger Gatte John (Kiefer Sutherland) sich fragt, ob eigentlich alle in der Familie seiner Frau «völlig übergeschnappt» seien. Denn da ist auch noch die zynische Brautmutter (Charlotte Rampling) samt Alkoholikergatte (John Hurt). Und weil die Frauen bei Lars von Trier immer unberechenbar sind, betrügt Justine ihren Michael schon während der Hochzeit und für alle sichtbar. Das Fest implodiert, die junge Ehe auch.

Der Rest des Films ist gediegenes, dekadentes Warten auf den Todesstern. Warten im Schloss, warten auf der Schlossterrasse, im Park, auf dem Pferd. Denn da ist Melancholia, der Stern, der näher rückt, jeder Fluchtversuch ist vergeblich. Die beiden Frauen und ein Kind halten aus bis zum Ende, die Männer taugen alle nichts, sind feige, sterben, verschwinden. Justine blüht auf in Erwartung ihres Sterns, wird herb und entschlossen, Claire verwelkt vollends, gesprochen wird nicht viel, dafür wabert Wagner wacker weiter. Das ist alles nicht besonders aufregend, zunehmend zäh und gute 45 Minuten zu lang, aber immer wieder verrückt schön anzuschauen. Und alles in den melancholischen Schattierungen der Farbe Blau. Sitzen bleibt man doch, denn schliesslich will man wissen, wie das jetzt geht, mit dem Weltuntergang.

Man verlässt das Kino einigermassen ratlos, recht müde und doch angenehm berauscht. Man geht davon, aus einem Film, in dem Lars von Trier zu den Frauen für einmal ungewöhnlich nett war – es wurde keine vergewaltigt, erhängt oder verstümmelt –, dafür total böse zur ganzen Welt. Lars von Trier, der Grössenwahnsinnige. Der im Frühjahr in Cannes sagte: «I understand Hitler», und: «Okay, I’m a Nazi», und: «Ja, vielleicht können Sie mich zu einer Endlösung überreden. Für Journalisten.»Denn die Journalisten seien es gewesen, die ihn in diese rhetorische Falle hätten laufen lassen, in der er sich so sehr verhedderte, dass er danach vom Festival wieder ausgeladen wurde. Er selbst sei ja nur ein armer, scheuer, depressiver Mann, der schlecht vor Leuten reden könne und sich für diesen Film nun einmal einfach viel zu lange mit der deutschen Romantik befasst habe.

Depressives Genie

Mit Dichtern wie Hölderlin und Novalis also und all ihren blauen Blumen, die als Symbol für ein Streben nach Unendlichkeit stehen. Mit Modellen von dunkelblütiger Sehnsucht nach unerreichbaren Idealen und besseren Welten, wie sie auch Wagner gefallen haben. In «Tristan und Isolde» finden sich Spuren von Novalis’ «Hymnen an die Nacht» wieder. Hitler liebte Wagner. Und auch die nicht ganz so kultivierten Nationalsozialisten kannten Hölderlins Gedicht «Tod fürs Vaterland» und Novalis’ patriotische Rede mit dem Titel «Europa».

Trotzdem bekam Kirsten Dunst in Cannes den Preis als beste Hauptdarstellerin. So, wie schon 2009 Charlotte Gainsbourg in Cannes dank «Antichrist» zur besten Schauspielerin gekürt worden war. Und 2000 die isländische Sängerin Björk in «Dancer in the Dark». Man kann fast mit Meriten rechnen, wenn man sich auf das Abenteuer Lars von Trier einlässt, jedenfalls als Frau. Weil er sich selbst ja bekanntlich auch als Frau versteht. Beziehungsweise sein eigenes Leiden am liebsten von Frauen dargestellt sieht. «Wenn ich schreibe, schreibe ich über mich. Justines Depression ist meine Depression.»

«Wo gibt es das schon, dass sich ein so grosser Regisseur durch Frauen repräsentieren lassen will?», fragte Kirsten Dunst während eines Interviews ehrfürchtig. Na ja, vielleicht bei Quentin Tarantino? Manchmal auch bei Almodóvar? Dunst und Gainsbourg bekräftigen, dass Lars von Trier während des Drehs sehr verletzlich gewesen sein soll, schliesslich musste er ihnen ja beibringen, wie sich eine wahre, eines Genies geziemende Depression anfühlt. Kirsten Dunst, die selbst einst unter Depressionen litt, hat gar ihr Privatestes mit ihm geteilt: ihre Medikamente. Ein Film also als Therapie für seinen Regisseur. Was für ein eitler Kult.

Ein Frauenfilm!

Die unerschrockene Kirsten Dunst will unbedingt wieder mit Lars von Trier drehen. Bloss mit seinem nächsten Projekt will sie nichts zu tun haben, es trägt den Arbeitstitel «Nymphomania» und will sich ganz unzimperlich einer Sexsüchtigen widmen. Also nichts Feinfühliges wie «Melancholia», über den sich von Trier jetzt kokett echauffiert: «Das ist wie Schlagsahne auf Schlagsahne. Ein Frauenfilm! Ich klammere mich an die Hoffnung, dass irgendwo in all der Sahne noch ein kleiner Knochensplitter steckt, an dem man sich schliesslich einen Zahn ausbeissen könnte. Ich schliesse meine Augen und hoffe!»

Wir behalten sie unterdessen bei «Melancholia» lieber offen.

Tages-Anzeiger

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