Sie sehnen sich nach Krieg

In «Chrieg» lassen Jugendliche ihren Aggressionen freien Lauf. Der grandiose Erstling von Simon Jaquemet zeigt das, ohne zu verurteilen – und zerstört nebenbei die Klischees des Schweizer Films.

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Ob das der friedlichste Ort der Schweiz ist? Die «Grün 80» bei Basel ist eine Grossmütterparkanlage mit Selbstbedienungsrestaurant, Klettergarten und einem elend selbstzufriedenen Seelein. Dort ist Simon Jaquemet aufgewachsen. Nicht im See, sondern auf dem Bauernhof, der zum Gelände gehört, der Vater hat ihn geleitet. Sie haben Geissen und Hühner gehalten, sagt Simon Jaquemet, und als Kind habe er die «Grün 80» für sich gehabt, jeden geheimen Winkel gekannt. Später ging er an eine «Alternativ­schule», an der die Mutter lehrte – ziemlich hippiemässig sei das gewesen. Und wie kommt jetzt so einer dazu, mit «Chrieg» den wuchtigsten Schweizer Film zu drehen seit – ja, seit wann? Seit «F. est un salaud» von 1998?

Er habe in seiner Jugend «Jähzorn­anfälle» gehabt, so Jaquemet, ihn habe gewundert, woher das kommt. Das wäre ja eine einfache psychologische Erklärung. Aber «Chrieg» ist nicht einfach, sondern gefährlich. In diesem Film ­vibriert die Wut. Es staut sich die Gewalt, bis sie ausbricht. Sie hat keinen Grund, ausser die ständige Unruhe. Sie hat kein Ziel, ausser dem, was sich ihr bietet. Nichts wird wegerklärt, alles bleibt unbestimmt.

Angekettet wie ein Hund

«Chrieg» ist die erste filmische Erzählung von der Alltagsaggressivität in der Schweiz. Es geht um das ­Gefühl der bevorstehenden Explosion. Um den Schub, den Jugendliche spüren, wenn andere zu nahe an ihnen vorbei­gehen oder ihnen eine Sekunde lang den Weg versperren, um sich wenigstens auf der Strasse durchzusetzen – man kann diese Machttänze jeden Tag beobachten.

Ali, Anton und Dion sind solche Jugendliche. «Chrieg» führt uns in ihren letzten Krachen in den Bergen. Eigentlich ist es ein Erziehungscamp für problematische Teenager. Aber Hanspeter, der Leiter, ist ständig besoffen, und die Jugendlichen haben die Kontrolle übernommen und im Talkessel ihr böses Paradies gegründet. Matteo (Benjamin Lutzke), die Hauptfigur, kommt aus einem zerrütteten Elternhaus frisch in dieses Gewaltland. Wie ein Neuankömmling im Western fährt er die einzige Strasse hinab in den Kessel. Und wir gehen mit, erleben, wie er zuerst wie ein Hund angekettet wird, wie er später in die Gang aufgenommen wird, wie dann alle zusammen in die Stadt fahren, um Reiche aus ihrem Auto zu zerren und eine Bonzenwohnung zu zerschmettern.

Aggressionen am Set

Befreiend? Sehr. Und beängstigend. «Chrieg» ist eine Raserei ohne politische Forderung. Als habe sich von allen Jugendbewegungen nur die Aggression erhalten: ohne Motiv, ohne Richtung, ein brodelndes Reservoir. Er sei, sagt der 1978 geborene Simon Jaquemet, für die Ideen von 1968, habe aber auch darunter gelitten, unter den sinnlosen Lagern in den Alpen, diesem «Zurück-zur-Natur» ohne Pullover. Und auch das Engagement der Mutter für Afrika, für einen Mugabe, der zuerst Rebell war und dann Diktator wurde: Da habe er erlebt, wie sich Prinzipien zersetzen, bis nicht mehr viel übrig ist. Heute sei auch der bürgerliche Feind weg, der seine Generation noch gehabt habe. «Alles ist kompliziert geworden, die Gegner sind verschwunden.» Aber die Jugendlichen, mit denen er «Chrieg» gemacht hat, wollten noch immer gegen etwas kämpfen. Bei ihnen sammle sich die «Unzufriedenheit mit den Verhältnissen». Sowieso, diese Jungs. Sie sagen: «Paar Muschis figge.»

Simon Jaquemet hat sich an Stoffentwicklungsprogrammen mit Regisseuren ausgetauscht und «fast im Stil des automatischen Schreibens» ein fiktives Tagebuch aus der Sicht von Matteo aufgesetzt. «Das war befreiend, aus einer Figur heraus zu schreiben anstatt von aussen an sie heranzutreten.» Durch die Tagebücher sei Intuitives entstanden, mit unerwarteten Wendungen. Seine Darsteller hat Jaquemet in einem Streetcasting gesucht, am Schluss besetzte er Matteo mit dem 16-jährigen Benjamin Lutzke, den er ganz am Anfang am Zürcher Hauptbahnhof getroffen hatte. Den Talkessel hat er im Hochybrig gefunden, ein Niemandsland umringt von Bergen, die für ihn schon immer etwas Lebensfeindliches ausgestrahlt hätten. In den Drehpausen dort oben sei es hin und wieder zu heftigen Konflikten gekommen mit den «Kids», die Dinge erlebt hätten, die er gar nicht erzählen könne. Kurz, die Aggression griff aufs Set über, am Schluss seien alle geladen gewesen, und Simon Jaquemet, der sonst «eher nicht so» sei, habe «herumgemotzt» und Leute «gestresst».

Pädagogisch wenig wertvoll

Nein, so richtig kann man es sich nicht vorstellen. Im gezielt abgewetzten Atelier in der Zürcher Binz verschiebt Simon Jaquemet nervös Krumen auf dem Tisch. Er erzählt zaudernd und zieht immer wieder einen Mundwinkel hoch, als laufe in seinem Hirn zu jeder Aussage das Gegenteil mit: die Störung einer Generation, die gelernt hat, alle Seiten zu bedenken. Und damit die latente Aggression zu überdecken, die für Jaquemet auch in diesem Land herrscht. Die friedfertige Schweiz befördere die «Sehnsucht nach einem Kriegszustand», nach einer «Ausnahmesituation, die immer auch eine Situation von Freiheit ist». Die Jungs in «Chrieg», Darsteller wie Figuren, würden bewusst den Kampf suchen und die Gewalt als positiv erleben, weil sie damit dem friedlichen Zustand entfliehen könnten.

Dass der Film die Gewalt moralisch nicht klar verurteile, wurde immer wieder kritisiert, sagt Jaquemet. Und es ist vielleicht schon so, dass der Spielfilm «Chrieg» pädagogisch wenig wertvoll ist. Er irritiert. Er lebt vom Unausgesprochenen: Was läuft in Matteos Familie eigentlich falsch? So klar kann man es nicht sagen. Aber kann man es im Leben so genau sagen? Und hat der Schweizer Film nicht lange auf die Heftigkeit von «Chrieg» gewartet? Endlich ein Drama, in dem nicht jede Figur erklärt, woran sie leidet. Endlich ein Film fürs Festivalkino, der seinen Stilwillen in den Dienst des Plots stellt; mit einer elektrisierenden Steadicam von Lorenz Merz und einer eigensinnigen, aber unpreziösen Inszenierung: erst statisch, beklemmend, dann freier und kreisend im Licht. Dazu passen Simon Jaquemets Vorbilder wie Ulrich Seidl oder Harmony Korine. Formal geht «Chrieg» quasi den Weg von «Hundstage» zu «Trashhumpers».

«Ein Film übers Aufwachsen»

Und «Chrieg» tourt als Kunstwerk durch Europa, von San Sebastián übers Zurich Film Festival ans Max Ophüls Festival, wo der Film den Hauptpreis gewann und Benjamin Lutzke den Darstellerpreis. Am Freitag wird das Drama allerlei Schweizer Filmpreise erhalten, fünfmal ist es nominiert. So viel Liebe, so viel Lob. Er habe «Chrieg» immer als «Anti-Coming-of-Age-Film» verstanden, sagt Jaquemet. «Aber vielleicht ist es doch ein Film übers Aufwachsen. Weil man mit dem Älterwerden versteht, dass gewisse Dinge nicht so einfach sind, wie man sie sich vorgestellt hat.» Sondern? «Kaputter.»

Vorpremiere heute um 20.45 Uhr im Kino Riffraff in Anwesenheit des Teams. Ab Donnerstag im Kino. (Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 09.03.2015, 16:18 Uhr)

Matteos Mutprobe in «Chrieg».

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