Raus aus der Wohlfühletage

Die grossen Premieren scheiterten an den Solothurner Filmtagen an den eigenen Ansprüchen. Dafür trumpften zwei kleine Berner Spielfilme gross auf: «Annelie» von Antej Farac und «Hier und Jetzt» von Katrin Barben.

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Eine gute Stunde bekommt man den Junkie Max (Georg Friedrich) kaum zu Gesicht. Man hört ihn nur. Nölend, ja nahezu weggedröhnt stellt er uns aus dem Off seine Nachbarschaft vor: Alkis, Kleinkriminelle, verlorene Spinner. Als Max doch noch die Bühne betritt, ahnt man: Jetzt beginnt die Höllenfahrt erst richtig.

Das übelste Haus in München

Max ist die Hauptfigur aus «Annelie». Kein gemütliches Stück über eine rechtschaffene Alpenmagd, wie der Titel suggeriert, sondern ein Ensemblefilm über das übelste Randständigenhaus in München. Und ja, schon der Beginn, als frühmorgens der Hauswart im Hinterhof wegen eines Scheisshaufens losbrüllt und damit ein balkonübergreifendes Gezeter anzettelt, ist ein kompositorisches Kunststück.

«Annelie»-Regisseur Antej Farac, im ehemaligen Jugoslawien geboren und seit 7 Jahren in Biel lebend, setzt in seinem Spielfilm auf Atmosphäre und Authentizität. Mit Erfolg. Der mit wenigen Profis und vielen Laien besetzte Film wird zum Kabinett der Abgründigkeiten. Inklusive Absonderlichkeitsglasur. Oder wie Max einmal sagt: «Es ist nicht empfehlenswert, sich nüchtern in einem Swingerclub Grundsatzfragen zu stellen.»

Kiss-Karten als Running Gag

Ein Balanceakt am Rande zur Selbstkarikatur? Durchaus. Doch das Risiko zahlt sich aus. Auch wenn ein Running Gag um unverkäufliche Kiss-Konzertkarten am Ende ein wenig aus dem Ruder läuft.

Mutige Filme, die nicht alle ansprechen – dafür hat Direktorin Seraina Rohrer an der diesjährigen Filmtage-Eröffnung plädiert. «Annelie» ist so ein Film – fern jeder selbstzufriedenen Swissness, wie sie 2012 in Solothurn dominierte. Schade nur, dass Rohrer selbst nicht mutig genug war, diesen wunderbar abseitigen Film in einer Hauptabendvorstellung zu zeigen.

Woody Allen in Bern

Auch «Hier und Jetzt», das Spielfilmdebüt der Bernerin Katrin Barben, hätte einen besseren Platz verdient gehabt. Ihr ausschliesslich mit Laien besetzter Film, angesiedelt im Berner Künstler- und Beizenmilieu, handelt ebenfalls von Figuren, die mit dem Leben hadern. Vor allem aber mit sich selbst.

Im Unterschied zu «Annelie», diesem unberechenbaren Bulldozer, atmet «Hier und jetzt» die verspielte Luftigkeit eines Woody Allen. Wir sehen drei sorgenbeladene Existenzen (ein Barkeeper, eine Kunststudentin, eine Musikerin), die im Zweifelsfall lieber einmal zu viel über sich nachdenken. Konfrontiert mit dem schieren Nichtstun, entspinnt sich so eine mit viel Komik gewürzte Nabelschau.

Der Wille zum grossen Wurf

Unterm Strich ist es diese Unbeschwertheit, die in Solothurn bislang die grössten Früchte trug: «Annelie» und «Hier und Jetzt» konnten sich aus finanziellen Gründen nur einen winzigen Aktionsradius leisten. Ihre Ausschöpfungsquote ist nahezu maximal – ganz im Gegensatz zu den mit grösseren Budgets ausgestatteten Premieren. Diesen sieht man den Willen zum grossen Wurf zwar an. Doch daran scheiterten sie auch.

In «Cyanure» etwa soll ein langjähriger Knastbruder mit seiner Nochfrau (Sabine Timoteo) und dem erwartungsvollen Sohn vereint werden. Im Bestreben, Familiendrama, Gaunerphilosophie und Traumwelt des Buben zu einem Ganzen zu verknüpfen, rutscht der Film von Séverine Cornamusaz («Cœur animal») jedoch in den Kitsch ab.

In der Paarbiografie «Verliebte Feinde» über Iris und Peter von Roten lautet die Affiche: Feminismus contra Patriziertum. Doch vor lauter dokumentarischem Eifer wird man als Zuschauer ständig aus der Fiktion gerissen.

Last, but not least kann auch der Berner Mano Khalil nicht an seinen «Unser Garten Eden»-Erfolg anknüpfen. Im Dokumentarfilm «Der Imker» soll ein vom Schicksal gebeutelter kurdischer Bienenzüchter zum Mahnmal stilisiert werden. Ohne Erfolg. Das Objekt lässt jede Kameratauglichkeit vermissen. (Berner Zeitung)

Erstellt: 28.01.2013, 10:11 Uhr

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