Randständige sind die Filmstars in «Annelie»

Im Spielfilm «Annelie» erzählt der Bieler Regisseur Antej Farac von einer Armenpension in München – und landet damit einen Volltreffer. Besonders stolz ist Farac auf die sich selbst spielenden Randständigen.

Spielen sich selbst: Bewohner der ehemaligen Armenpension Annelie im gleichnamigen Spielfilm des Bielers Antej Farac.

Spielen sich selbst: Bewohner der ehemaligen Armenpension Annelie im gleichnamigen Spielfilm des Bielers Antej Farac. Bild: zvg

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Antej Farac, wie kamen Sie auf die Idee, eine heruntergekommene Pension namens Annelie zum Zentrum Ihres Spielfilms zu machen?
Antej Farac: Während meines Filmstudiums wohnte ich in der Nachbarschaft dieser Pension, die mitten in München stand. Meine Frau Zoé und ich begannen uns für diese Menschen zu interessieren, ihr Leben mit Fotografien, Videos und einem Dokumentarfilm zu begleiten. Da war der Weg zum Spielfilm nicht mehr weit.

Wie wichtig ist der dokumentarische Touch in «Annelie»?
Im Vordergrund steht für mich klar die Fiktion. «Annelie», das ist eine Art verfremdeter Realismus oder «Gonzo-Surrealismus», wie ein kanadischer Journalist schrieb. Allerdings entspringen die Geschichten, die im Film über die Randständigen erzählt werden, alle der Wirklichkeit.

Wie gestalteten sich die Dreharbeiten mit diesen Pensionsbewohnern?
Zunächst übte ich mit ihnen einen Monat lang und las ihnen jede einzelne Szene vor. Es gab ja auch Analphabeten unter den Bewohnern. Die Dreharbeiten waren dann insofern schwierig, als einige mitten im Spiel vergassen, was sie da eigentlich machten. Viele der Bewohner haben ein massives Alkoholproblem. Trotzdem bin ich stolz auf diese Menschen, die sich tapfer schlugen und versuchten, während der Dreharbeiten ihren Konsum stark zu reduzieren.

«Annelie» ist stark geprägt von einem Erzähler, gespielt vom österreichischen Profidarsteller Georg Friedrich («Nachtlärm»). In der ersten Stunde des Films ist er jedoch fast nur zu hören. Weshalb?
«Annelie» ist ein Ensemblefilm. Da hat man viele Charaktere, die dem Publikum nähergebracht werden müssen. Weil trotzdem nicht zu viel Zeit dafür verwendet werden darf, ist die effektivste Methode, einen Erzähler einzubauen. Später, als dieser Erzähler selbst Thema wird, kennt das Kinopublikum die anderen Figuren schon. So vermögen die nachfolgenden Szenen eine umso grössere Wucht zu entfalten.

Die echte Pension Annelie wurde 2012 abgerissen. Wie sehr mussten Sie sich beeilen, um Ihren Film rechtzeitig fertigzustellen?
Als ich vom bevorstehenden Abriss erfuhr, hatte ich gerade noch fünf bis sechs Monate Zeit. Zum Glück hatte ich die Geschichten, die ich erzählen wollte, alle schon im Kopf. Das Drehbuch zu «Annelie» verfasste ich dann in nur drei Wochen. Schneller habe ich noch nie etwas geschrieben.

Wie reagierten die «Annelie»-Bewohner auf den fertigen Film?
Sie fanden ihn toll und haben viel gelacht. Das Einzige, was sie nicht verstanden, war, warum ich schliesslich so viel rausschneiden musste. Die erste Fassung des Films hatte dreieinhalb Stunden gedauert. (Berner Zeitung)

Erstellt: 21.06.2013, 13:00 Uhr

«Annelie»-Regisseur Antej Farac. (Bild: zvg)

film «Annelie»

Schwarzhumorig: Schlimmer gehts nimmer. In der Münchner Pension Annelie hausen Alkis, Kleinkriminelle, verlorene Spinner. Und dann ist da noch Max (Georg Friedrich), ein Junkie mit öligen Haaren, der uns mit nöliger Stimme durchs abbruchreife Gemäuer führt und sämtliche Figuren präsentiert.
Deprimierend? Ach was.
«Annelie» ist einer der schwarzhumorigsten und mutigsten Schweizer Filme dieses Jahres. Regisseur Antej Farac, im ehemaligen Jugoslawien geboren und seit sieben Jahren in Biel lebend, gelingt eine furiose Höllenfahrt. Zwar speist sich «Annelie» aus der tristen Realität (die Randständigen spielen sich selbst). Aber der Bieler Regisseur versteht es, seinen Film mittels allerlei Absonderlichkeiten zu einem sympathisch-kauzigen Kosmos zu verfremden.
Ein kompositorisches Kunststück ist schon der Auftakt: Da fährt der Hauswart frühmorgens per Velo in den Hinterhof, brüllt wegen eines Scheisshaufens los und zettelt so ein balkonübergreifendes Gezeter an. Später im Film spielt auch die Hardrockband Kiss eine immer wichtigere Rolle – als eine Art Running Gag mit überraschend versöhnlichem Finale.

«Annelie»: Der Film läuft ab Samstag im Kellerkino in Bern. Infos: www.kino.bernerzeitung.ch.

Service

Von Kino bis Festival

Finden Sie hier die schönsten Events in unserer Region.

Kommentare

Blogs

Michèle & Friends Fremd in der eigenen Stadt

Mamablog «Beide Elternteile sollten 80 Prozent arbeiten»

Service

Schnelle Info für zwischendurch

Lesen Sie die Nachrichten aus der Region in Echtzeit.

Die Welt in Bildern

Vier Pfoten für die Zukunft: Chilenische Polizistinnen marschieren mit den Welpen zukünftiger Spürhunde an der jährlichen Parade in der Hauptstadt Santiago de Chile. (19. September 2018)
(Bild: Rodrigo Garrido) Mehr...