Migranten auf Tauchstation

Der iranisch-schweizerische Regisseur Kaveh Bakhtiari zeigt Migranten am Scheideweg zwischen Hoffnung und Angst. Sein Film «L’escale» hat den Hauptpreis an den Solothurner Filmtagen gewonnen.

«Wie weiter?»:  Regisseur Kaveh Bakhtiari führt nah an die Menschen heran, die sich selbst aus dem Schlamassel retten müssen.

«Wie weiter?»: Regisseur Kaveh Bakhtiari führt nah an die Menschen heran, die sich selbst aus dem Schlamassel retten müssen. Bild: zvg

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Die hinter Vorhängen verborgene Pension Amir in Athen funktioniert denkbar einfach: Der Iraner Amir wollte vor einigen Jahren nach Westeuropa einreisen, blieb aber in der griechischen Hauptstadt stecken. Jetzt hat er eine temporäre Aufenthaltsbewilligung und nimmt in seiner Wohnung eine Handvoll Migranten auf, die in der gleichen Situation gelandet sind. Er bietet ihnen Schutz und Hilfe an; sie beteiligen sich dafür an der Miete.

In diesem Refugium auf engstem Raum hat sich auch der Regisseur Kaveh Bakhtiari niedergelassen, um die prekären Verhältnisse einzufangen. Dies allerdings nicht nur aus dokumentarischem Interesse: Ein Cousin von ihm steckt hier fest. Und der wird – eine eingeblendete Schrift verrät das dem Publikum kurz nach Beginn des Films – noch vor Ende der Dreharbeiten sterben.

Kaveh Bakhtiari stellte seine Kamera nicht nur gelegentlich in dieser Wohngemeinschaft auf, er war über einen längeren Zeitraum täglich vor Ort und verfolgte das Geschehen samt seinen heiteren und manchmal tragischen Wendungen aus nächster Nähe. Mehrere Hundert Stunden Filmmaterial häufte er dabei an, die er nun auf kompakte hundert Minuten reduziert hat.

Chaotische Lebensgemeinschaft auf engem Raum

Schnell sind wir eingeweiht in den Alltag dieser Migranten: Sie bilden einerseits eine chaotische Wohngemeinschaft mit viel zu spärlichem Lebensraum und kaum Geld. Andererseits trauen sie sich nicht auf die Strasse, weil sie dort die Polizei fürchten. Einige der WG-Bewohner kennen die Gefängnisse von innen, und sie haben nichts Gutes darüber zu erzählen. Alle beschäftigt die Frage: «Wie weiter?»

Illegal beschaffte Pässe machen die Runde, jeder einzelne Versuch der Weiterreise muss kleinlichst vorbereitet werden, wenn er nicht hinter Gittern enden soll. So wird etwa mit blau gefärbten Kontaktlinsen nachgeholfen, wenn in einem Pass die entsprechende Augenfarbe vermerkt ist. Das Klima entspricht einer Mischung aus Hoffnung, Angst, Frustration und Galgenhumor.

In den letzten Jahren hat uns bereits ein anderer Schweizer Filmemacher, Fernand Melgar, an zwei wunde Punkte der heutigen Migrationsproblematik geführt: in ein Schweizer Auffangzentrum («La forteresse», 2008) und in ein Ausschaffungsgefängnis («Vol spécial», 2011).

Kaveh Bakhtiaris in der Halblegalität gedrehter Film «L’escale» hat nun den Vorteil, dass er sich nicht mit staatlichen Institutionen und deren Abläufen, und auch nur im Hintergrund mit Politik befassen muss: Er führt sein Publikum ungefiltert an diejenigen Menschen heran, die sich mehr oder weniger selbstständig aus einem Schlamassel retten müssen, in den sie sich aus purer Not oder aus falschen Illusionen gebracht haben.

Trailer: L’escale Quelle: Youtube.com/filmcoopi

Nachvollziehbare Schicksale und Entscheidungen

Dabei hat Bakhtiari sowohl vor Ort als auch am Schneidetisch genau das Richtige gemacht: Er sorgt dafür, dass das Publikum rasch mit den einzelnen, überschaubaren Charakteren, ihren Eigenheiten und Motivationen vertraut ist.

Dadurch gelingt es ihm im späteren Verlauf des Films auch hervorragend, deren Schicksale und Entscheidungen dramatisch stark verdichtet und jederzeit nachvollziehbar zu erzählen. Und so erreicht der Regisseur sein Hauptziel: Man fühlt und fiebert mit diesen Migranten mit; man lacht und weint mit ihnen.

«L’escale»: Der Film läuft ab Freitag im Kino. Infos: www.kino.bernerzeitung.ch

Erstellt: 13.02.2014, 11:43 Uhr

Kaveh Bakhtiari

Die Gemeinschaft im Zentrum:

Herr Bakhtiari, Sie haben «L’escale» in der Halblegalität und auf engstem Raum gedreht. Hat Sie das eingeschränkt?

Kaveh Bakhtiari: Natürlich waren die Dreharbeiten mühsam, aber Kreativität bedeutet für mich, dass man sich Schranken setzt. Auch aus künstlerischer Sicht wollte ich mich auf das Innere der Pension beschränken. Für mich symbolisierte die Wohnung ein ganzes Land, aus dem man nur schwer herauskommt.

Die Enge erhöhte sichtlich die Intimität zwischen Ihnen und den Protagonisten. Wie respektiert man da die Intimsphäre eines Menschen?

Ich war einfach derjenige mit der Kamera im Haus, das wurde akzeptiert. Die eigentlichen moralischen Fragen haben sich erst beim Schnitt gestellt: Ich wollte die Gemeinschaft ins Zentrum stellen und niemanden bevorzugen. Das Publikum spürt die Intimität aber auch, weil ich einzelne Personen an bestimmten Stellen etwas Markantes sagen lasse. Man hat dann das Gefühl, sehr viel Zeit mit den Menschen verbracht zu haben, obwohl es nur Minuten waren.

Über Migration wird permanent diskutiert – inwiefern ist Ihr Film ein Beitrag zur Debatte?

«L’escale» ist bewusst kein Film, der dem Publikum vorschreibt, wie es über solche Themen zu denken hat. Ich hoffe einfach, dass sich viele Zuschauer mit harten Positionen in Migrationsfragen den Film ansehen – sie werden danach besser Bescheid wissen, worum es überhaupt geht. (gw)

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