Lügen, Lügen, überall

Russlandwoche in Cannes: In «Donbass» geht es um den Krieg in der Ukraine, in «Leto» um die Musik zur Sowjetzeit. Und: Präsident Wladimir Putin liess eine persönliche Erklärung verlesen.

Alles Karneval: Die Russen in «Donbass», wie sie der ukrainische Regisseur Sergei Loznitsa sieht.

Alles Karneval: Die Russen in «Donbass», wie sie der ukrainische Regisseur Sergei Loznitsa sieht.

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Damit das grosse Festival rundläuft, müssen die Kleinigkeiten stimmen, ­weshalb in Cannes neuerdings auch ­Babys Akkreditierungen bekommen. Kein Witz: Eine stillende Produzentin aus Kanada, die mit ihrem Neugeborenen nicht zum Registrierungsschalter vorgelassen wurde, stiess die Sache vor zwei Jahren an, eine Petition mit über 300 Unterschriften folgte. Nun werden Baby-Badges ausgegeben, komplett mit Porträtbild und Gastzugang. Es geht also vorwärts mit der Inklusion im Film­geschäft.

Für seinen Veränderungswillen ist das Festival sonst kaum bekannt, aber ­sicher nicht absprechen kann man ihm das Selbstbewusstsein. Die Premiere von Sergei Loznitsas Spielfilm «Donbass» in der Reihe «Un certain regard» fand am Mittwoch statt – auf dieses Datum fiel nämlich auch der russische Unabhängigkeitstag. So reizte das Festival ein bisschen die Grossmacht, denn «Donbass» führt in den weiterhin schwelenden Krieg in der Ostukraine, in dem seit 2014 über 10'000 Menschen gestorben sind.

Trailer zum Film «Donbass». Video: Youtube/The Upcoming

Die Ungeheuerlichkeiten, die der ukrainische Filmemacher in seiner Fiktion aneinanderreiht, basieren zu weiten ­Teilen auf dokumentarischen Amateurvideos aus dem Netz. 100 Schauspieler und mehr als 200 Laien spielen die Szenen nach. Da schwafelt ein korrupter ­Beamter in der Frauenklinik über einen schweren Fall von Veruntreuung, aber als er einmal den Namen des Schuldigen verwechselt, scheint das niemandem aufzufallen. Oder da wird in der von prorussischen Separatisten installierten Volksrepublik Donezk die erste Hochzeit auf neu erobertem Staatsgebiet gefeiert, und der russische Neoimperialismus verwandelt sich in einen delirierenden Karneval.

Ideologie ist Alltag

«Lang lebe Russland!», kräht einer der Gäste, und es fällt einem fast nicht mehr auf, dass sich da die Wahrheit zu erkennen gibt. In «Donbass» sind die Lügen sowieso offenkundig. Ideologie ist Alltag. Halluzinationen sind echt. Spektakel werden nach Skripts aufgeführt, die irgendwo in einer Machtzentrale geschrieben wurden.

Loznitsa ist ein scharfer Analytiker der zerfallenden Gesellschaft. Einen pessimistischen Humor hat er auch, wenn er seine dringende Realitätsfrage stellt: Kann man noch sicher sein, dass das, was vor unseren Augen abläuft, tatsächlich geschieht?

Hoch oben im Festivalpalast von Cannes, wo die Aussicht auf die Kreuzfahrtschiffe besonders gut ist, sitzt der Filmemacher und gibt Auskunft über einen Krieg, den viele Leute schon wieder vergessen haben. «Der Konflikt ist nicht so seltsam, wie die Medien ihn ­immer aussehen lassen», sagt er. «Das Ganze ist eigentlich sehr einfach: Es geht darum, dass eine Seite einer anderen ­etwas wegnehmen will. Es geht darum, eine Region zu zerstören.» In der Volksrepublik Donezk herrsche heute eine ­gesetzlose Situation. Steuern würden keine erhoben, dafür floriere der Handel mit Fälschungen. Praktisch sei auch, dass die prorussische Seite nun eine ­Armee stationiert habe. Eine, die ver­glichen mit vielen europäischen Heeren deutlich besser trainiert sei.

Putin liess wissen: Er hätte gern etwas für Serebrennikow getan, aber die russische Justiz sei nun mal unabhängig.

Es war ohnehin fast eine Schaltung aus dem Kreml, dieser Cannes-Anfang: Vor der Premiere von «Leto», dem neuen Spielfilm des in Russland unter Haus­arrest stehenden Regisseurs Kirill Serebrennikow, verlas Festivalleiter Thierry Frémaux eine Erklärung von Präsident Putin persönlich: Gern hätte dieser ­etwas unternommen, damit Serebrenni­kow nach Cannes hätte reisen dürfen. Aber der Regisseur habe eben Probleme mit der russischen Justiz, und diese Gerichte seien ja unabhängig. Sehr witzig, Herr Putin.

Trailer zum Film «Leto». Video: Youtube/IT'S TRAILER TIME

Serebrenni­kow sitzt seit Monaten in Hausarrest, die Strafe wurde kürzlich verlängert. Der 1969 geborene Regisseur wird der Veruntreuung von staatlichen Fördergeldern in Millionenhöhe beschuldigt; den Vorwurf hat er mehrfach als absurd bezeichnet. Statements darf er nur in Anwesenheit eines Anwalts ­abgeben, erlaubt sind ihm zwei Stunden Spaziergang pro Tag. Der enorm gefragte Film- und Theaterregisseur sollte im Herbst auch am Opernhaus Zürich «Così fan tutte» inszenieren. Fraglich, ob er das persönlich übernehmen kann.

Musik gegen Repression

Immerhin probt er so lange den Ausbruch im Kino. «Leto» ist eine Rückblende in die Rockszene von Leningrad Anfang der 80er, in der die protestierende Jugend im heutigen Russland natürlich mitgemeint ist. Damals hiess das Idol der Befreiung halt nicht Telegram, wie der vom russischen Staat aktuell drangsalierte Messenger-Dienst, sondern T. Rex oder David Bowie. Irgendwie müssen die jungen Musiker da ihren Weg finden zwischen Post-Punk, New Wave, Liebeswirren und der Schikane sowjetischer Aufpasser. Zwei von den Jungs mit Gitarre werden am Ende die in Russland epochale Band Kino gründen, und die Songs sind eh alle toll. Aber so ganz gestiegen ist man in dieser Unterdrückungsparabel mit Jukebox-Funktion doch nicht. Warum war das jetzt ­alles so wichtig?

In der Russlandwoche von Cannes machte dann auch der Pole Pawel Pawlikowski mit: «Cold War» beginnt im Polen der Nachkriegszeit, wo Genosse Stalin herrscht und alles Westliche vom Teufel ist. Daraus wurde dann aber eine Liebesgeschichte für die Ewigkeit, denn über die Jahrzehnte laufen sich ein Musiker und eine Sängerin auf beiden Seiten des Eisernen Vorhangs immer wieder in die Arme. Auch Pawlikowski zeigt, wie Systeme die Menschen kaputt machen und den Charakter verformen; gegen die ­Repression setzt er die Musik und die Leidenschaft. Die Liebe hält den Druck nicht aus, das war das Himmeltraurige. Es hat uns gleich zerstört. So, dass wir einander beim Hinausströmen aus dem Grand Théâtre Lumière gegenseitig ­ansahen, dass wir erst mal lieber nicht reden möchten.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 11.05.2018, 18:36 Uhr

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