Liebe deine Monster

Mit 13 Nominierungen ist «The Shape of Water» der Favorit für die Oscars. Der Film lässt die Grenzen zwischen Mensch und Ungeheuer verschwimmen.

Wo ist das Ungetüm? Agent Strickland (M. Shannon) stellt Elisa (S. Hawkins) und Zelda (O. Spencer, r.) auf die Probe. (Foto: PD)

Wo ist das Ungetüm? Agent Strickland (M. Shannon) stellt Elisa (S. Hawkins) und Zelda (O. Spencer, r.) auf die Probe. (Foto: PD)

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Wenn eine Schöpfung monströs gut herauskommt, schaut man ihr ins Gesicht und denkt: Sieht aus wie etwas Andersartiges, kommt mir aber irgendwie doch bekannt vor. Bei «The Shape of Water» von Guillermo del Toro, 13-mal für den Oscar nominiert und Träger des Goldenen Löwen von Venedig, war das ganz konkret so. Die Fantasygeschichte stiess bald auf das Interesse der niederländischen Filmakademie. Sie stellte verblüffende Parallelen zu einem Kurzfilm fest, den sie produziert hatte.

Es ist schon erstaunlich, dass Menschen unabhängig voneinander auf die Idee kommen, eine Lovestory zwischen einer Putzfrau und einem Fischwesen zu erzählen und sie in einem Forschungslabor anzusiedeln. Aber ein solcher Zufall soll sich hier ereignet haben. Inzwischen haben sich der Regisseur und die Holländer beim Gespräch auf die gemeinsame Faszination für die Mythologie geeinigt.

Akkordeoneske Lieblichkeit

Darauf hat sich allerdings auch der Regisseur Jean-Pierre Jeunet eingeschaltet. Es gebe da eine Szene, in der die Figuren auf dem Sofa sitzend einen Tanz mit den Füssen vorführen, die komme auch in «Delicatessen» vor. Jeunet ist auch der Regisseur von «Amélie», und daran erinnert der Oscarfavorit sogar noch stärker. Es gibt auch hier einen Verlorenen, der daheim auf Leinwände malt. Er hat zwar keine Glasknochen, aber ein Toupet. Und der Soundtrack von Alexandre Desplat ist von einer solchen akkordeonesken Lieblichkeit, dass sich Yann Tiersen allenfalls auch noch melden wird.

Vielleicht ist es aber auch nur die biogenetische Grundregel des romantischen Kinos: Individualentwicklung wiederholt Stammesentwicklung. Es lässt sich kaum vermeiden, auch nicht im Fach der Fantasy, erst recht nicht, wenns um Monster geht. Sie inspirieren den Mexikaner Guillermo del Toro von Kindesbeinen an. In seinem frühen Film «Cronos» (1993) löst eine okkulte Apparatur Schrecken aus. In «Hellboy» (2004) ging Comicfan del Toro auf Monsterjagd; in «Pan’s Labyrinth» (2006) stellte er dem spanischen Faschismus eine Fantasiewelt entgegen, die das Grauen zurückspiegelte. Bei del Toro schützt die Weltflucht nie vor den Fängen der Politik. Nicht vor deren katastrophalen Tendenzen, und ganz sicher nicht vor der Finsternis der menschlichen Triebe, die bei ihm oft in wüste Gewalt umschlägt.

«The Shape of Water» spielt 1962, im Jahr der Kubakrise. Der Alltag ist geprägt von Segregation zwischen Schwarzen und Weissen und vom Kräftemessen des Kalten Kriegs. Die stumme Elisa (eine schön energische Sally Hawkins) und ihr Vertrauter Giles (Richard Jenkins), der das Toupet trägt und Reklameplakate malt, bewohnen ein Apartment über einem prunkvollen Kino in Baltimore. Am liebsten verkapseln sie sich im amerikanischen Idyll und schauen sich Musicals im Fernsehen an. Tagsüber staubt Elisa neben ihrer plappernden Kollegin (Octavia Spencer) im «Forschungszentrum für Luft- und Raumfahrt», einem rostigen staatlichen Geheimlabor, die Triebwerke ab. Weil die Russen als erstes Lebewesen eine Hündin ins All geschossen haben, arbeiten die Amerikaner jetzt an ihrer Antwort: Ein Amphibienwesen soll die Hoheit über den Weltraum zurückgewinnen.

Wie Elisa das Unterwassermonster kennen lernt, das in einem Salzwasserbecken gefangen gehalten wird, folgt dem Rhythmus eines Flirts: Annäherung, Zurückweisung, zaghaftes Umkreisen. Sie füttert ihm gekochte Eier, spielt ihm Benny Goodman vor. Rasch macht das Wesen die menschlichen Regungen. Es kann aber ohnehin aufrecht gehen und hat ein Sixpack. Es hat einfach Flossen und Kiemen, und aus seinem pfeilgiftfroschhaft gemusterten Gesicht schauen krötenhafte Augen. Ein süsses Ungeheuer, das leuchtet wie ein Tiefseefisch, wenn Elisa es berührt.

Und wie sich nun die Stumme und das Biest ineinander verfangen in der Intimität von Gebärdensprache und Freuden des Daseins, erleben wir die erste grosse Romanze des Kinojahrs (inklusive Unterwassersex!). Eine Liebe, die bestehen muss gegen Agent Strickland (Michael Shannon), ein eingeflogener Sadist und Sexist, der den Fischmann mit dem elektrischen Viehtreiber malträtiert und von Elisa wissen will, ob sie zu jenen Stummen gehört, die quieken können.

Michael Shannon gibt da nicht zum ersten Mal einen Despoten, der genüsslich jede Hassrede auskostet. Dass er so ziemlich der Einzige von Cast und Crew bleibt, der nicht für einen Oscar nominiert wurde, darf man mit Verwunderung notieren. Aufgestellt ist «The Shape of Water» sonst eigentlich überall, in den Kategorien Film, Regie, Kamera, Drehbuch, Kostüme, Musik, Schnitt und für die Darsteller Sally Hawkins, Octavia Spencer und Richard Jenkins.

Die Verbindung zweier Freaks

Ehrlich gesagt: All das für diese schlichte Geschichte? Del Toro rückt sie von Anfang an ins Reich der Märchen, zitiert die Monstergalerie von «Beauty and the Beast» bis «Creature from the Black Lagoon», schickt Elisa wie eine Prinzessin das Ungetüm zu befreien. Die Liebe der beiden wird zur Verbindung zweier Freaks, die beide nicht zum Atmen kommen. Es ist del Torros erotisch-emanzipatorische Politik: Weil die Unterdrückten in ihren Träumereien umso heftiger vom Terror der Realität eingeholt werden, müssen sie ihren eigenen Fantasien zum Durchbruch verhelfen.

Im Kleinen ist das eine Befreiung, im Grossen ein Sieg über die Brutalitäten der Zeitgeschichte durchs Fabulieren einer Alternative. Von den Benachteiligten sind in «The Shape of Water» alle Arten ein bisschen vorhanden, Schwarze, Schwule, Proletarische, Amphibische und selbst Indigene. Der Fischmann wurde nämlich aus dem südamerikanischen Schlamm gezogen, wo er von den Leuten wie ein Gott verehrt wurde.

Er ist also keine Laborzüchtung, sondern die Beute moderner Konquistadoren. Eingespannt werden soll die Kreatur jetzt für den technologischen Fortschritt, aber die Forscher beuten den Hoffnungsträger gewissenlos aus. Der Soziologe Bruno Latour forderte im Essay «Love Your Monsters», dass wir die Technologien, von denen wir uns sowieso nicht mehr lösen können, nicht in die Ecke treten sollen, sobald wir sie nicht mehr brauchen, sondern mit aller Liebe pflegen. Das ist es, was Elisa tut. Sie weiss, dass wir unsere Ungeheuer mit Zärtlichkeit nähren müssen, weil wir aufs Engste verwoben bleiben mit den Konsequenzen unseres Tuns.

Für uns hält Guillermo del Toro eine ähnliche Lektion bereit. Nämlich, dass wir seine Monster uneingeschränkt lieben sollen. Auch wenn es uns vorkommt, als hätten wir sie schon mal gesehen. Damals, als sie böser wirkten. Und monströser.

Im Kino ab Donnerstag. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 11.02.2018, 11:13 Uhr

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