John Travolta hat «Hi!» gesagt

Gestern begann das achte Zurich Film Festival. Mit einem echten Hollywoodstar, einem Drogenthriller mit noch mehr Stars und einer euphorischen Eröffnung.

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Simone Meier

Plötzlich biegt da ein Mann ins noch fast leere Foyer des Baur au Lac, halt einer von vielen Anzugträgern, denkt man zuerst, aber nein, es ist DER Anzugträger, der Mann, wegen dem all die andern hier sind, der Mann, den man eben erst noch in «Savages», dem neuen Film von Oliver Stone, gesehen hat als korrupten kalifornischen Drogenfahnder. Und unter dem Druck der Bedeutungsschwere, die dieser Moment hat, grinst man den Mann an, und der Mann grinst zurück und sagt ganz freundlich: «Hi!» John Travolta hat «Hi!» gesagt. So leise allerdings, dass ihn keiner von denen, die über ihre Zeitungen und Laptops gebeugt sind, gehört hat. Sein Schatten streift sie im Vorbeigehen, ebenfalls sehr freundlich, dann ist er weg.

Eine halbe Stunde später ist er wieder da, an der Pressekonferenz mit Oliver Stone. Wie geschnitzt sehe er aus, sagt eine Frau, stimmt, auf der Leinwand, da ist sein Gesicht beweglich, da ist auch sein Haar natürlich schütter, jetzt wirkt er so künstlich konturiert. Und so übervorsichtig, als müsste er nicht sich, sondern sein Flugzeug durch die Fragen der Presse manövrieren. Durch die paar Dutzend Journalisten und Fotografen, die ihn in Zürich empfangen. In Berlin, Venedig oder Cannes wären es ein paar Hundert.

Was ihm denn der Lifetime Achievement Award bedeute, den er zur Eröffnung des achten Zurich Film Festivals erhalte, fragt einer. Natürlich sagt er: «Ich bin sehr stolz darauf. Diese Auszeichnung zu bekommen, bedeutet doch, dass jemand meine Arbeit angeschaut und befunden hat, dass sie etwas wert ist.» Und welche Fehler in seinem Leben bereut er? «Ich glaube nicht an Reue. Es war ein gutes Leben mit Hochs und Tiefs.» Und wo schlägt sein Herz im amerikanischen Wahlkampf ? «I’m not a political guy. Und selbst wenn ich einer wäre, würde ich es für mich behalten. Ich kenne mich damit nicht so gut aus, und man sollte nicht über etwas reden, worüber man nicht Bescheid weiss.» Vorsichtig eben. John Travolta, wie jeder Star die Summe seines Schaffens und seines Schicksals. John Travolta, der immer mal wieder leuchtet, aber auch immer mal wieder total verbleicht.

In den Siebzigerjahren war er einmal der grösste Superstar der Filmwelt. Die Wiedergeburt von James Dean. Die Mensch gewordene Discokugel aus «Saturday Night Fever». Simpel, aber sexy. Der dann, trotz Dauerbewachung und -beratung von Scientology, einfach total danebengriff, was seine Drehbücher betraf. Bis er in den Neunzigerjahren auf diesen Fan und Beinahe-Stalker namens Quentin Tarantino traf. Der sich in Travoltas alter Wohnung eingemietet hatte und ihn in «Pulp Fiction» (1994) als Zitat seiner selbst zur Kultfigur machte. Es folgten «Get Shorty» (1995) und Travoltas genialer Auftritt in «Face/Off» (1997), wo er mit Nicolas Cage Gesicht, Leben und Karriere tauschte und zwischen Killer und Weltenretter oszillierte. Der Rest war Schrott. Mal ein tanzender Engel in «Michael», mal ein schlecht geschminktes Bill-Clinton-Double in «Primary Colors», mal eine singende HausfrauenTranse in «Hairspray».

Der Rest waren in den letzten Monaten auch ein paar Miniskandale, zu denen man John Travolta gestern live in Zürich selbstverständlich nicht befragen durfte. Nicht zu den Vorwürfen der sexuellen Belästigung, die zwei seiner ehemaligen Masseure äusserten. Nicht zu seinem Ausspruch, dass er jetzt, nach der für Tom Cruise überraschend unvorteilhaft verlaufenen Scheidung, der einzig wahre Vorzeige-Scientologe sei.

In Zürich wirkt er bei aller ausdruckslosen Zurechtgeschnitztheit seines Gesichts doch auch verwundbar. Ganz im Gegensatz zu seiner Rolle in «Savages», mit dem gestern das Festival eröffnet wurde. Es ist kein Film fürs delikate Nervenkostüm, es gibt da Enthauptungen mit Motorsägen, Erschiessungen, viele Formen von Folter, Verbrennungen und Explosionen. Ein bisschen Frieden finden die Leute, die da aufeinander losgehen, allesamt nur im Drogenkonsum und im Sex. Stoned mit Oliver Stone gewissermassen. Salma Hayek regiert dieses Regime des ultranaturalistischen Grauens von Mexiko aus via Computer mit einer bedrohlichen Perücke und eiserner Hand, Benicio del Toro ist ihr perverser Handlanger mit der Fantasie des Teufels. Drei junge kalifornische Kiffer (Taylor Kitsch, Aaron Taylor-Johnson, Blake Lively) geraten ihnen in die Quere, und John Travolta ist der korrupte Bulle mit dem irren Blick, der auch seinen Anteil an den Millionen will. Das ist, abgesehen von einer kurzen Erlahmung im Mittelteil, packend angerichtet, Sprüche, Schnitt und Soundtrack sind cool, und wer Gewaltfilme goutiert, kommt da sehr, sehr schön auf seine Kosten.

Schön und wichtig

Überhaupt war der Eröffnungsabend schön, am grünen Teppich vor dem Kino Corso sah es zuerst aus wie bei jeder Grossveranstaltung in Zürich: Es war da gewissermassen der People-Bestand aus mehreren Jahrgängen der «Schweizer Illustrierten» vorhanden. Fernsehteams baten Ex-Missen, ein bisschen so wie Travolta zu tanzen, und unsere Stadtpräsidentin Corine Mauch trat zum ersten Mal in High Heels vor die Öffentlichkeit. Doch als John Travolta kam, da brach ein Wahnsinn sondergleichen los, viele ältere Damen gerieten ausser Rand und Band, stürmten flugs die Barrikaden und streckten ihm Fotos aus «Saturday Night Fever» zum Signieren hin.

Innen drin begrüsste Festivaldirektorin Nadja Schildknecht die Gäste im schönsten denkbaren Kleid ganz aus blausilbernen Pailletten und mit so innigen und aufrichtigen Worten, dass man sie schlicht herzig nennen muss. Bundesrat Johann Schneider-Ammann brachte ein paar trockene Sätze über Kultur als Wirtschaftsfaktor vor, und Corine Mauch versprach, dass angesichts von «Savages» alle von einem «Thursday Night Fever» erfasst würden.

Es waren wieder einmal alle wichtig, besonders die Sponsoren und ganz besonders John Travolta. «Ich glaube, es ist die alte Frage: Sein oder nicht sein. Ich habe mich entschieden, zu sein. Und ihr schätzt es, dass ich da bin», bedankte er sich für sein Goldenes Auge. Das hat er schön gesagt.

Tages-Anzeiger

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