Japanische Verhältnisse

Das Norient-Musikfilmfestival zeigte mit «Tokyo Idols» einen verstörenden Film über ein popkulturelles Phänomen.

Das Kino Reitschule war gerammelt voll, als «Tokyo Idols» lief. Foto: Susanne Keller

Das Kino Reitschule war gerammelt voll, als «Tokyo Idols» lief. Foto: Susanne Keller

Martin Burkhalter@M_R_Bu

Japan ist anders. Gerade das macht den Reiz aus. Deshalb wohl war das Kino Reitschule gerammelt voll, als am 9. Norient-Musikfilmfestival ein japanischer Dokumentarfilm lief. Jeder Sessel, jeder Stuhl, jeder Barhocker war besetzt. Etliche Leute standen sogar während der 80 Minuten, die «Tokyo Idols» dauerte. Am Schluss war der Schauder, den der Film hinterlässt, spürbar. Die Lacher, die die skurrilen Szenen auslösten, bekamen einen fahlen Nachgeschmack.

Das Norient-Musikfilmfestival schafft es immer wieder, mit Trouvaillen aus aller Welt die hiesige soziokulturelle Aufgeräumtheit aufzumischen und aktuelle Themen aus anderen Blickwinkeln zu zeigen. «Tokyo Idols» beleuchtet ein befremdliches Verhältnis zwischen den Geschlechtern und erzählt gleichzeitig von einem sozialen Phänomen.

Männer im Alter zwischen 30 und 60 finden einen Lebensinhalt in der Anbetung junger Mädchen, die solo oder als Girlband den Pophimmel zu erklimmen versuchen. Das hört sich harmlos an. Doch sind «Idols» nicht einfach aufstrebende Popstars. Es sind zehntausend junge Mädchen, keine zwanzig Jahre alt, oftmals minderjährig, die in knappen Schuluniformen und via Livestream 24 Stunden am Tag um die Gunst von Männern buhlen. An «meet and greets» dürfen die Fans ihnen die Hände schütteln, einen kurzen Schwatz halten und sich fotografieren lassen.

Wie eine Religion

Die Regisseurin Kyoko Miyake folgt drei Sängerinnen bei ihren Anstrengungen, das begehrenswerteste Mädchen Japans zu werden, und porträtiert Männer, die solchen Fanclubs angehören. Erstaunlich und irritierend ist dabei, wie diese mittelalterlichen Männer bei den mauen Popkonzerten regelrecht in Ekstase geraten und wie schamlos sie von ihrer Obsession berichten. 

Ein Mann gibt zu, 2000 Dollar pro Monat für seine Angebetete auszugeben, sein Erspartes für Spenden, Konzerte und «meet and greets» zu verpulvern. Ein anderer hat seinen Job gekündigt, um nur noch Fan zu sein. Sie zeigen ihre Wohnungen, die wie Schreine wirken, vollgestopft mit Fanartikeln von ihren Idolen. 

Bald einmal wird klar: Dass es so weit kommen konnte, hat mit dem wirtschaftlichen Abschwung Japans zu tun. Das sind Männer, die im Leben und im Beruf gescheitert sind. Die «Idols» sind zu Göttinnen geworden, die Anhängerschaft zur sinnstiftenden Religion, in der der soziale Status des Einzelnen für einmal keine Rolle spielt. Die «Idols»-Kultur schafft Lebensinhalt, der klaren Regeln unterstellt ist und als Kompensation für die Vereinsamung fungiert.

Die Männer leben für ihre «Idols», um keine richtigen Bindungen eingehen zu müssen. Ein Soziologe spricht gar davon, dass mit Blick auf die sinkenden Geburtenraten die «Idols» abgeschafft gehörten. Nirgendwo sonst in der japanischen Kultur, sagt eine Journalistin, haben Frauen so viel Macht und Einfluss.

Verbotene Lust

Das Unangenehme an diesem Phänomen ist der sexuelle Aspekt. In der japanischen Kultur sind körperliche Berührungen noch weitgehend tabuisiert. Händeschütteln hat deshalb eine sexuelle Bedeutung. Dazu kommt, dass die Männer keinen Hehl daraus machen, dass sie nach Reinheit, ja Jungfräulichkeit ihrer «Idols» lechzen. Je jünger sie sind, desto beliebter werden sie.

Grausig ist, dass die Verdinglichung der Mädchen schon im Grundschulalter beginnt und von den Eltern begrüsst wird. Näher als einem Händedruck und einem kurzen Gespräch, so suggeriert der Film, kommen die Männer den Mädchen zwar nie. Unterschwellig schaudert es einen aber. Eine Zuschauerin hat am Schluss ausgesprochen, was im Film stets mitschwingt, aber leider nie beleuchtet wird: «Das sind doch alles nur ein Haufen Pädophiler.»

Berner Zeitung

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt