«Ich wurde beschimpft, erhielt sogar Pakete mit Kot darin»

Am Donnerstag war Premiere von Michael Steiners «Sennentuntschi». Was dabei vergessen geht: Die Geschichte sorgte in der Fassung von Hansjörg Schneider einst für einen gewaltigen Skandal. Der Autor erinnert sich.

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Rico Bandle

Sie brachten das «Sennentuntschi» 1972 im Zürcher Schauspielhaus zur Uraufführung? Wie wurde das Stück aufgenommen? Werner Wollenberger war damals Dramaturg am Schauspielhaus. Er hatte das Nachtstudio gegründet, was hiess, dass nach der Hauptvorstellung noch ein zweites Stück gezeigt wurde, auch auf der grossen Bühne. In diesem Rahmen wurde auch das «Sennentuntschi» gezeigt. Die Aufführung sorgte für einen kleinen Eklat, das Haus war aber immer brechend voll mit rund 1000 Zuschauern.

Woran störten sich die Leute? Mehrheitlich waren die Reaktionen positiv. Doch es war etwas völlig Neues: Das Stück war auf Schweizerdeutsch, die Handlung eine Sage aus den Alpen und vor allem war da die erotische Umgangssprache. Wenn jemand im Publikum reklamierte, wurde er gleich überstimmt. Es herrschte Volksfeststimmung im Schauspielhaus.

Zum ganz grossen Eklat kam es erst zehn Jahre später, als das Stück für das Fernsehen adaptiert wurde. Wie kam es dazu? Ein Verantwortlicher des Fernsehens sah meine Inszenierung in der Berner «Rampe» und fragte mich, ob ich das Stück fürs Fernsehen adaptieren wolle. Im TV-Studio inszenierte ich dann das Stück zusammen mit dem Fernsehmann Hanspeter Ricklin, laut Plan hätte es dreimal gesendet werden sollen. Nach der ersten Ausstrahlung gab es aber dermassen viele Proteste, dass es bei jener einzigen Ausstrahlung blieb.

Die Reaktionen waren enorm. Das war grausam. Bei mir läutete dauernd das Telefon, ich wurde beschimpft, erhielt böse Briefe und sogar Pakete mit Kot darin. Unglaublich. In einer Ausgabe des «Blick» waren drei ganze Seiten voll mit Leserbriefen zum «Sennentuntschi», diese Ausgabe habe ich noch. Das Fernsehen strahlte dann eine Diskussionssendung zum Thema aus mit unglaublicher Quote. Das war Wahnsinn, die waren richtig empört, im Innern getroffen. Das sollte man wieder einmal zeigen! Ich ging aber nicht in die Sendung, ich wollte nicht, dass mich danach alle auf der Strasse erkennen.

Hatten Sie Angst? Nein. Es ging mir um die Privatsphäre.

Welche Konsequenzen zog das Fernsehen aus dem Fall? Es gab da eine obskure Organisation, die das Fernsehen wegen der Verbreitung von Pornographie und Erregung von öffentlichem Ärgernis verklagte. Allerdings erfolglos. Das Fernsehen war aber schockiert über die Vorkommnisse, noch lange danach durfte nicht mehr über «Sennentuntschi»-Aufführungen berichtet werden, auch nicht, als daraus eine Oper wurde, die in Freiburg im Breisgau im grossen Opernhaus uraufgeführt wurde.

Das Stück wird seither oft gespielt, auch von Laienbühnen. Wie haben Sie reagiert, als Sie hörten, dass Michael Steiner den Stoff ins Kino bringen möchte? Steiner hat sich nie bei mir gemeldet. Er sagt immer, er habe die Sage und nicht mein Stück verfilmt. Das verstehe ich gut, sonst hätte er ja die Rechte abkaufen müssen.

Sie waren gestern nicht an der Premiere, weshalb? Einige Journalisten wollten, dass ich den Film anschauen gehe und etwas dazu sage. Das wollte ich aber nicht. Ich schaue ihn mir dann schon noch an, allerdings in aller Ruhe.

Bernerzeitung.ch/Newsnetz

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