«Ich will Filme, die mich wecken»

Die Geschwister Wachowski, die mit den «Matrix»-Filmen Furore machten, meiden normalerweise die Öffentlichkeit und stehen mit Filmkritikern auf Kriegsfuss. Doch anlässlich ihres neuen Werks «Cloud Atlas» kam es zu einer seltenen Begegnung.

Retter der Menschheit: Halle Berry und Tom Hanks in «Cloud Atlas».

Retter der Menschheit: Halle Berry und Tom Hanks in «Cloud Atlas».

(Bild: Jay Maidment/zvg)

Lana Wachowski, die transsexuell ist und früher Larry hiess, trägt himbeerfarbene Filzlocken, während sich Andy Wachowski in Flipflops und mit lackierten Fussnägeln zum vormittäglichen Interview im Luxushotel in Toronto einfindet.

Nein, unscheinbar sind die Wachowskis nicht. Das soll keineswegs heissen, dass die Geschwister nach Aufmerksamkeit dürsten, im Gegenteil. Nachdem der erste «Matrix»-Film (1999) sie zu Stars gemacht hatte, tauchten sie ab. Interviews sind ihnen ein Graus. Für «Cloud Atlas», der an der Uraufführung am Filmfestival in Toronto tosenden Applaus erhielt, rangen sie sich trotzdem zu einigen wenigen Gesprächen durch. «Unsere Anonymität zu verlieren», erklärt Lana Wachowski, «hat uns immer eine Wahnsinnsangst eingejagt.» – «Doch manchmal», macht Andy den Satz fertig, «hatten wir das Gefühl, dass gewisse Kritiker unsere Filme verrissen, nur weil wir nicht mit ihnen redeten.»

Gigi Oeri als Film-Mäzenin

In «Cloud Atlas» gibt es eine Szene, in der ein unausstehlicher Journalist vom Hochhaus geschmissen wird. Spätestens hier wird klar, dass die Wachowskis mit den Kritikern auf Kriegsfuss stehen. Die beiden Fortsetzungen von «The Matrix» stiessen auf wenig Gegenliebe, die danach produzierte, poppig-bunte Anime-Verfilmung «Speed Racer» (2008) fiel völlig durch. Der Film floppte zudem finanziell. Für «Cloud Atlas» liess sich dann kein Hollywoodstudio mehr breitschlagen, Geld lockerzumachen.

Die 100-Millionen-Dollar-Produktion wurde ausserhalb des Studiosystems von Förderstellen und Mäzenen (unter anderem von Ex-FC-Basel-Präsidentin Gigi Oeri) finanziert. So ist «Cloud Atlas» der teuerste Indie-Film aller Zeiten.

Schwierig war die Sponsorensuche nicht nur wegen des vermurksten «Speed Racer»: «Cloud Atlas» ist mit seiner herausfordernden Erzählstruktur ein enormes Wagnis: «Wir hoffen, dass das Mainstreampublikum seine Faulheit ablegt», sagt Andy Wachowski, der es «hasst», Leute sagen zu hören, sie gingen ins Kino, um abzuschalten: «Ich möchte Filme, die mich wecken.»

Kino statt Schlaf

Schon in ihrer Kindheit wurden die Wachowskis buchstäblich von Filmen wach gehalten. «Unsere Eltern schleppten uns ständig in der Nacht ins Kino», erinnert sich Lana Wachowski. «Sie wollten, dass wir wirklich alles zu sehen bekommen. Altersbeschränkungen interessierten sie nicht.» Ein Film, der bei Lana und Andy hängen blieb, war Kubricks «2001: A Space Odyssey». Nach Vorbildern gefragt, geben sie zudem den «viel zu selten erwähnten Schweden Roy Andersson» an, der mit «Songs from the Second Floor» und «You, the Living» gleich «zwei der grössten Meisterwerke unserer Zeit» geschaffen habe.

«Tom, wir lieben dich»

Mittlerweile sind die Geschwister selber zu Vorbildern von unzähligen Filmemachern geworden. Einer, der an ihnen einen Narren gefressen hat, ist Tom Tykwer. Vor Jahren flog der «Lola rennt»-Regisseur nach Los Angeles, um seine Idole kennen zu lernen. Lana Wachowski, die mit ihren Haaren wie Tykwers Lola aussieht, war begeistert vom deutschen Regisseur: «Wir gingen aus, tranken, lachten und erzählten uns, weshalb wir Filmemacher sein wollen. Am nächsten Tag schickten wir ihm Blumen und eine Nachricht: ‹Tom, wir haben uns in dich verliebt.›» Man beschloss, zu dritt einen Film zu drehen. «Cloud Atlas» war geboren.

«Cloud Atlas» läuft ab morgen im Kino. Trailer: www.kino.bernerzeitung.ch

Berner Zeitung

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