«Ich finde Narben cool»

Die Schweizer Stuntfrau Simone Bargetze bricht sich regelmässig ihre Knochen. Ein Gespräch über Schmerzen, den ultimativen Kick – und ihr Mutterdasein.

Sie führt als Stuntfrau und Videobloggerin ein Leben auf der Überholspur: Simone Bargetze, hier in einem Dokfilm über sie selbst. Foto: IMDb

Sie führt als Stuntfrau und Videobloggerin ein Leben auf der Überholspur: Simone Bargetze, hier in einem Dokfilm über sie selbst. Foto: IMDb

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Sie haben an den unterschied­lichs­ten Orten auf der Welt ge­lebt, hatten Kontakt mit gefährlichen Menschen und machen verrückte Stunts. Gibt es etwas, wovor Sie Angst haben?
Richtig Angst habe ich erst, seit ich Mutter bin – Angst um meinen Sohn. Kürzlich sass ich im Auto und dachte, mein Gott, die Leute fahren so gefährlich. Um mich selbst mache ich mir selten Sorgen. Das ein­zige Mal, dass ich mich fürchtete, war am Filmset von «Transformers». Da bangte ich täglich um mein Leben­.

Weshalb?
Jeden Tag geschah etwas Unvorhergesehenes. Gleich zu Beginn des Drehs mussten fünf von sieben Stuntleuten ins Spital eingeliefert werden. Mir selbst flog am Set ein Taxi aus der falschen Richtung entgegen. Ich konnte gerade noch ausweichen.

Wie trainieren Sie für Ihre Stunts?
Bis vor drei Jahren verbrachte ich vier Stunden täglich im Muay Thai Camp in Thailand. In der Schweiz bin ich Mitglied in verschiedenen Fitnesscentern.

Wie entdeckten Sie Ihre Freude an Stunts?
Schon in meiner Kindheit. Ich wuchs etwas abgeschieden auf und hatte nur die Jungs von der Gang meines Bruders zum Spielen. Damit ich bei ihnen mit ­machen durfte, musste ich ihre Mutproben bestehen. Einmal schwang ich mich wie Tarzan von einem Baum und landete auf einer Kuh. Später machte ich mit einer Freundin verrückte Stunts auf einem Pony – Männchen zum Beispiel. Sie starb mit 14 Jahren, weil wir so krasses Zeug machten.

Wie hat das Ihre Einstellung zum Risiko verändert?
Für eine Weile machte ich keine Männchen mehr mit dem Pony.

Trotz dieser Erfahrung wurden Sie Stuntfrau. Welches war Ihr gefährlichster Stunt?
Für eine amerikanische Fernsehsendung mit Vampiren musste ich in die Frontscheibe eines fahrenden Mercedes-Busses springen. Die Frontscheibe sollte dabei kaputtgehen. Das Problem ist, dass Frauen in vielen Action-Filmen nur leicht bekleidet sind. Ich musste in diesem Fall ein bauchfreies Shirt und einen Mini­rock tragen und konnte mich nur auf dem Rücken und unter dem Rock ein wenig polstern.

Gefährlich: Simone Bargetze musste sich für eine Sendung anfahren lassen. Video: Youtube

Das klingt schmerzhaft.
Am meisten weh tun mir eigentlich immer die Schuhe und der Haaransatz. Meine Haare werden jeweils toupiert, damit ich einen grösseren Hinterkopf erhalte. Ich muss ja aussehen wie die Schauspielerinnen, die ich verkörpere.

Welchen Stunt würden Sie nicht machen?
Kürzlich sagte ich einen Stunt ab, für den ich mich eine Roll­treppe hätte hinunterstürzen sollen. Diese Treppen sind zu schmal und hart, als dass eine gute Sprung­technik helfen könnte. Man tut sich nur brutal weh. Ich finde Narben noch cool, aber mir für Geld das Gesicht zerschlagen, das will ich nicht.

«Jim Carrey fand ich besonders cool, ihn habe ich sogar für drei Monate gedatet.»

Schauspielerin zu sein wäre weniger gefährlich.
Schauspielern möchte ich auf kei­nen Fall. Das ist ein mühsamer Job; stundenlang warten, bis man zwei Sätze sagen darf. Die Leute sagen immer, Stunt­leute machen die Drecksarbeit für die Schauspieler. Aber ich finde, es ist genau umgekehrt: Ich mache den coo­len Job und die Schauspieler die Drecksarbeit.

Sie haben an den Sets viele bekannte Schauspieler kennen gelernt. Welche sind Ihnen in Erinnerung geblieben?
Sophia Loren, Jim Carrey, Bruce Willis, Robert Downey junior. Jim Carrey fand ich besonders cool, ihn habe ich sogar für drei Monate gedatet. Mit der Zeit merkte ich aber, dass die dunkle Seite bei Schauspielern sehr ausgeprägt ist. Wenn sie nach einem Dreh heimkommen, fangen sie bei null an, müssen sich wieder um Jobs bemühen.

Wenn Sie sich einen Stunt wünschen könnten, welchen würden Sie machen?
Ich wollte immer mal ohne Fallschirm aus einem Flugzeug sprin­gen und mich von zwei Kollegen auffangen lassen. Das muss der ultimative Kick sein. Ich hatte mir diesen Stunt als Auftakt zu meiner Sendung «Simones Wild World» gewünscht, aber ich war im dritten Monat schwanger und durfte nicht. Seit mein Sohn auf der Welt ist, weiss ich nicht mehr so genau, ob ich das noch machen will. Wenn etwas schiefgeht, würde­ ich mir nicht nur die Knochen brechen.

Sie wirken, als würden Sie Ihr Leben mit Anlauf nehmen. Wie empfanden Sie die Umstellung aufs Mutterdasein?
Es war ein brutaler Wechsel, an den ich mich erst jetzt gewöhne. Während meiner ganzen 6-jährigen TV-Karriere konnte ich filmen, was ich wollte, reiste kurz nach Hawaii, wenn mir danach war. Dann, mit 40 Jahren, ist da plötzlich ein kleines Kind, das mich jede wache Minute braucht. Mich mit anderen Müttern hinzusetzen und über Pampers und Stillen zu reden, das schaffte ich nicht, ich bin nicht der Typ dazu.

«Meine Opera­tionen und Knochenbrüche taten weniger weh, wenn ich mich filmte­.»

Wie Ihre Sendung «Simones Wild World» verrät, sind Sie mehr der Typ, der auf fremde Menschen zugeht und sich mit ihnen über ihre Potenzprobleme unterhält.
Ja, das war witzig. Als ich für meine­ Sendung im Rotlichtviertel in Bangkok unterwegs war, traf ich diesen alten Mann, der mir von seinen Sexproblemen erzählte. Um ihn attraktiver für die Frauen zu machen, zupfte ich ihm die Haare auf der Nase aus. Für meine neue Sendung auf Tele­club Zoom bin ich durch Afrika, Asien und Amerika gereist und habe mich selbst bei Begegnungen mit Menschen gefilmt.

In der Sendung machen Sie Ihr ganzes Leben, Glück und Ihre Niederlagen öffentlich.
Ich filme mein Leben, wie es ist. Nach einer katastrophalen Be­geg­nung mit Madonna bei einem Foto-Shooting in Sardinien filmte ich mich, als ich traurig war. Da merkte ich, dass dies eine gute Methode ist, um Dinge zu verarbeiten. Auch meine Opera­tionen und Knochenbrüche taten weniger weh, wenn ich mich filmte­. Ich begann also, alles aufzunehmen, auch die Schatten­seiten meines Lebens.

Sie sind immer wieder auf Leute gestossen, die Ihnen eine Chance­ gaben. Zwei ehemalige Filmstudenten dokumentierten gar drei Jahre lang Ihr Leben. Was ist das Spezielle an Ihnen?
Ich kann nur weitergeben, wie Freundinnen mich beschreiben. Sie sagen, dass ich mit meinem ehr­lichen Lachen und meiner guten­ Energie einen ganzen Raum füllen kann. Vermutlich bekam ich auch wegen meiner Geselligkeit so viele Chancen.

Drei Jahre lang folgten Filmemacher den Spuren der Stuntfrau: Dokfilm über Simone Bargetze. Der Film wird in einzelnen Kinos gezeigt. Video: Youtube

Sie haben elf Jahre in Los Angeles gelebt. Weshalb wohnen Sie jetzt in Oberrieden?
Eigentlich bin ich nur wegen eines Unfalls hier. Ich war für einen Monat in der Schweiz und brach mir bei einem Skateboard-Stunt beide Füsse. Während ich an Krücken ging, lernte ich meinen künftigen Mann Sven Wallwork kennen. Vier Monate später war ich schwanger. Schon als ich ihn kennen lernte, sagte ich, dass ich nicht hierbleiben will. Und jetzt ziehen wir tatsächlich zurück nach Los Angeles.

Aus beruflichen Gründen?
Ja. Genau jetzt, wo Jamie genug gross ist, hat der Stunt-Coordinator mich zurück ans Set des Science-Fiction-Films «Avatar» gerufen. Die zweijährigen Dreharbeiten starten im November 2019. Das ist das Krasse bei mir. Rückblickend sind all meine Tagträume zu einer doppelt so traum­haften Realität geworden.

Folgen von Simone Bargetzes Sendung «Simones Wild World» unter www.simoneswildworld.com

(Zürichsee-Zeitung)

Erstellt: 25.10.2018, 16:46 Uhr

Stuntfrau und Videobloggerin



Die 42-jährige Simone Bar­getze ist in Triesen in Liechtenstein aufgewachsen. 1998 wurde sie Moderatorin bei Star TV; später moderierte sie in Kalifornien für Viva plus Germany. Ab 2005 machte sie in Hollywood Stunts in über 50 Filmen und Serien.

Nach einer Pause 2011 zog sie um die Welt und drehte Filme für ihre Sendung «Simones Wild World». Bei einem Stopp in Zürich lernte sie den Musiker Sven Wall­work kennen. Heute lebt Si­mone Bar­getze mit Mann und zweijährigem Sohn in Oberrieden. «Simones Wild World» läuft ab dem 11. Oktober jeweils donnerstags um 22.30 Uhr auf Teleclub Zoom.

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