Heimlich gedreht im Reich der Zensur

Geheimdienst gegen Regimekritiker: Im Film «Manuscripts Don’t Burn» von Mohammad Rasoulof gehts ums schäbige Geschäft des Mordens.

Der Trailer zum Film «Manuscripts Don’t Burn».

Bevor der iranische Filmemacher Mohammad Rasoulof im vergangenen September vom Hamburger Filmfest nach Teheran zurückflog, verabschiedete er sich mit den Worten: «Zurück kann man immer. Es ist nur die Frage, was dann passiert.» Wenige Tage später wurden Rasoulof in Teheran Pass und Laptop abgenommen. Der Regisseur kann den Iran derzeit nicht verlassen.

In Cannes ausgezeichnet

Auslöser dieser Repressalien war wohl Rasoulofs verdeckt gedrehter Spielfilm «Manuscripts Don’t Burn», der am letztjährigen Filmfestival in Cannes ausgezeichnet worden war und jetzt in den Schweizer Kinos anläuft. Iranische Geheimpolizisten erscheinen darin als mörderische Vollzugsgehilfen eines unmenschlichen Unterdrückungsapparates. Laut Rasoulof basiert der Film auf wahren Begebenheiten.

Dutzende Oppositionelle, darunter viele Künstler und Kulturschaffende, wurden in den 1990er-Jahren von Agenten des iranischen Geheimdienstes Vevak ermordet. Diese «Kettenmorde» wurden als Unfälle, Gewaltverbrechen oder natürliche Tode kaschiert und bis heute nur unzureichend aufgeklärt. In einem umstrittenen Prozess wurden 2001 mehrere Mitarbeiter des Nachrichtendienstes wegen Mordes verurteilt. Ihr vermeintlicher Drahtzieher, der stellvertretende Informationsminister Said Emami, soll im Gefängnis Selbstmord verübt haben.

Ein sympathischer Killer

In «Manuscripts Don’t Burn» arbeitet Rasoulof diese Vorfälle nicht unmittelbar auf, die Bezüge zur Realität aber sind deutlich. Zwei Geheimdienstler verfolgen die Spuren eines verbotenen Manuskripts, das den gescheiterten Mordanschlag auf 21 regimekritische Schriftsteller und Journalisten rekonstruiert, die 1995 bei einem «Busunglück» getötet werden sollten. Einer der Vevak-Schergen sass damals hinter dem Steuer des Busses. Dass Rasoulof dem um seinen kranken Sohn besorgten Familienvater sympathische Züge abgewinnt, steigert die Brisanz seines Filmes noch. Es geht dem 41-jährigen Regisseur nicht darum, einzelne Menschen abzuurteilen, sondern verborgene Strukturen aufzudecken.

Trotz einiger Genresequenzen (einmal bedient sich ein Killer am Kühlschrank seines sterbenden Opfers) ist «Manuscripts Don’t Burn» kein Thriller. Das Morden bleibt darin ein ganz und gar schäbiges Geschäft. Dazu passen verwaschene Digitalkamerabilder, die nur bedingt kinotauglich sind. Angesichts der politischen Begleitumstände tritt das aber ebenso in den Hintergrund wie die gelegentlichen Längen und mitunter holprigen Dialoge.

Hohes Risiko

Kaum einer bedauert das mehr als Rasoulof, der im März 2010 während der Dreharbeiten zu einem Film über die «grüne Revolution» gemeinsam mit Regisseur Jafar Panahi («Offside») verhaftet wurde. Rasoulofs sechsjährige Gefängnisstrafe, wurde später zu einer einjährigen Bewährungsstrafe reduziert. Am liebsten würde Rasoulof nur über seine Filme reden, aber gerade deshalb kann er nicht aufhören, über Politik zu sprechen.

Welch hohes Risiko er mit dem heimlich in Teheran und in seiner vorübergehenden Wahlheimat Hamburg gedrehten Film eingeht, verdeutlicht der Abspann, in dem aus Angst vor Verfolgung keine Namen genannt werden. Dass Rasoulof bislang nicht verhaftet wurde, werten manche als Zeichen der Hoffnung. Doch auch unter dem neuen Präsidenten Hassan Rohani dürfte «Manuscripts Don’t Burn» kaum jemals in einem iranischen Kino zu sehen sein.

«Manuscripts Don’t Burn»: Der Film läuft zurzeit im Kino.

Berner Zeitung

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