Hansdampf in Kuba

Der Dokfilm «Jean Ziegler – der Optimismus des Willens» ist ein schlichtes Porträt ohne blinde Verehrung.


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Jean Ziegler ist der Mann, der es vollbracht hat, dem Français fédéral weltmännisches Flair zu verleihen. Das war bekannt, schon vor dem Film «Jean Ziegler – der Optimismus des Willens», doch die Dokumentation verdeutlicht: Die Kraft seiner Sprache ist gross, und die Widersprüche seines Wesens sind es auch.

Begegnung mit Che Guevara

Jean Ziegler, der Thuner, der in aller linker Welt verehrt wird für seinen Kampf gegen den Kapitalismus und Imperialismus, sein Engagement gegen den Hunger und die Armut, der aber gerade in seinem Heimatland auch viele Kritiker kennt.

Im Film von Nicolas Wadimoff, einem ehemaligen Studenten Zieglers, begleiten wir den Schweizer Professor, Schriftsteller, Ex-SP-Nationalrat und UNO-Mitarbeiter – er ist Mitglied des beratenden Ausschusses des UNO-Menschenrechtsrats – unter anderem auf einer Reise nach Kuba.

Dort spricht er mit einem Journalisten über sein prägendes Rencontre mit Che Guevara. Später sitzen Ziegler und seine Frau Erica auf einer Parkbank im hitzigen Havanna und lesen mit kindlichem Eifer das Interview. «Wenn ich hier sage, dass ich Kommunist aus tiefstem Herzen bin», sagt Ziegler dann, «wird das den UNO-Menschenrechtsrat bestimmt freuen. Und Bern auch.» Frau Erica antwortet: «Das wissen die ja schon.»

«Wenn ich hier  sage, dass ich Kommunist aus tiefstem Herzen bin, wird das den UNO- Menschenrechtsrat bestimmt freuen.»Jean Ziegler

Überhaupt gilt: Der neuen Erkenntnisse sind es wenige, aber das ist in diesem Fall keine Voraussetzung für einen gelungenen Dokfilm: Der Genfer Regisseur Wadimoff widmet dem alten Revolutionär ein schönes und schlichtes Porträt, ohne dass dieses zur blinden Verehrung des Helden verkommt; die Kamera ist auch da, wenn sich Ziegler verbal den Extremen hingibt, was ja in der Schweiz selten goutiert wird.

So verteidigt er einmal die Unterdrückung der kubanischen Presse als Kollateralschaden der revolutionären Ordnung. «La presse, on s’en fout (Scheiss auf die Presse)! Brauchst du zum Leben die ‹Tribune de Genève›?»

Privilegierter Kleinbürger

Er rutscht in diesen Dialogen gerne in den Monolog ab und tut in manchen Momenten das, was man heute Mansplaining nennt: Weiser Mann mit grossem Sendungsbewusstsein erklärt uns jetzt die Welt, alle aufgepasst. Doch Ziegler kann auch ganz anders, etwa, wenn er sich im Spitalbett die Sorgen der Pflegerin anhört. Dann ist er, was er predigt: ultrahumanistisch.

Der 82-Jährige, das zeigt der Film besonders schön, ist sich seiner Limiten bewusst und tut sich äusserst schwer, diese zu akzeptieren. Im Gegensatz zu Che Guevara habe er sich nie getraut, den letzten Schritt zu gehen. Diese eigene Inkonsequenz betrachte er, der ein privilegierter Kleinbürger geblieben sei, als «unerträglich». Am Ende blickt Jean Ziegler, geboren 1934 als Hans, auf den Friedhof, auf dem er dereinst begraben wird, und sagt: «Man kann den eigenen Tod nicht akzeptieren.»

(Berner Zeitung)

Erstellt: 18.01.2017, 09:46 Uhr

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