Fast erzamerikanisch

Mit «Crazy Rich Asians» erhalten die asiatischstämmigen Amerikaner ihre eigene Liebeskomödie. Die Begeisterung ist gross, der Erfolg ebenso.  

Der spezielle Reiz dieser Komödie liegt in der asiatischstämmigen Besetzung. Foto: PD

Der spezielle Reiz dieser Komödie liegt in der asiatischstämmigen Besetzung. Foto: PD

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Ins Kino gehen aus Lust? In den USA besucht man es in letzter Zeit eher, um Hollywood ein Zeichen zu geben. Das Startwochenende entscheidet, ob ein Film überlebt, weshalb sich am 15. August viele Menschen eine Komödie ansahen, mit der sie zugleich die eigene Community unterstützten. Zahlen sprechen im Filmgeschäft eine klare Sprache, und an diesem Wochenende ­hörte Hollywood: Bitte mehr von dieser Sorte und weniger vom immer gleichen Weissbrot.

«Crazy Rich Asians» von Jon M. Chu hat sein Budget von 30 Millionen Dollar am ersten Wochenende fast wieder reinbekommen, nun steht die Studioproduktion auf Platz 1. Besetzt ist sie nur mit asiatischstämmigen Darstellern; sogar Mandarin mit Untertiteln wird mal gesprochen, und die Amerikaner hassen Untertitel. In Facebook-Debatten unter Asian Americans steht jetzt überall «Sooo Good». Er sei ­gegangen, um einen Film mit asiatischen Stars zu supporten, schreibt einer. Hat die Komödie Erfolg, so die Logik, stärkt das die Selbsterzählung vieler Asian Americans, die immer etwas mehr brillieren müssen, um als gute Amerikaner zu gelten.

Welcome-Champagner

Was die asiatischstämmigen Zuschauer in den USA nun erleben, ist das aufsteigende Gefühl von Stolz, wenn man sich selbst auf der Leinwand sieht. Rund 17 Millionen Amerikaner mit asiatischem Hintergrund gibt es, ähnlich wie «Black Panther» schafft «Crazy Rich Asians» Würde durch Gegenrepräsentation. Gleichzeitig ist die Komödie so erzamerikanisch, dass ein Fan auf Facebook schrieb, der Film habe sie mal wieder darin bestärkt, schnell reich zu werden.

Gut integriert, kann man da nur sagen. Das ist auch Rachel Chu, Wirtschaftsprofessorin an der NYU. Die Hauptfigur von «Crazy Rich Asians» begleitet ihren Freund Nick nach Singapur, wo er als Trauzeuge an der Hochzeit seines besten Freundes erwartet wird. Im Flugzeug gibts einen Welcome-Champagner an einer dieser halbrunden First-Class-Bars, die man aus der Werbung kennt. Das passt, denn weite Teile von «Crazy Rich Asians» liefern unverschämten Luxuskonsumporno.

Rachel Chu dämmert es alsbald, dass Nick ein Mann von sehr viel Geld sein muss, was sie insofern erstaunt, als er ihr Netflix-Konto verwendet. Seine Familie gehört tatsächlich zum asiatischen 1 Prozent (irgend­etwas mit Investitionen und Dim-Sum). Im Palast seiner Mutter herrscht gar noch ein Alltag wie zu höfischer Zeit: Reichtum auf Lebenszeit, dynastische Autorität, Furcht vor Skandalen.

Der Trailer zu «Crazy Rich Asians» (Warner Bros. Pictures/Youtube)

Zwischen Rachel und Nicks vornehmer Mutter entspinnt sich der dramatische Konflikt – wenn man das so nennen will in einer Liebeskomödie, die von universellen Formeln lebt: Rachel, die «arme Immigrantin», die sich hochgearbeitet hat, wird Nicks Mutter niemals genügen, schliesslich führt diese ein Leben, in dem man Geld hat, nicht zu Geld kommt. Eine Machtdynamik zwischen Traditionslinie und Erfolgsstreben also.

Eigentlich ein längst überholter Gegensatz, man denke an die Tigermutter aus der Ratgeber­literatur. Die Komödie kümmert das wenig, sie braucht schliesslich die dekadenten Schauwerte. Angesichts des ganzen Märchenkrempels unterscheidet sie sich kaum von Dutzendware, aber es geht gerade um den Zugang zum pasteurisierten Mittelmass: Lange genug durfte das weisse Publikum zu seinen Schönen und Reichen aufschauen. Jetzt sind mal die anderen dran.

Witzig und kulinarisch

Kevin Kwan, der Autor der Buchvorlage, hat erklärt, sein Bestseller solle in erster Linie Einblicke ermöglichen in die unbekannte Welt vermögender kosmopolitischer Asiaten. Die Verfilmung ist immer wieder witzig und in jeder Hinsicht kulinarisch; die Darsteller reden meist poshes britisches Englisch und sehen aus wie frisch aus dem Kapitalismusprospekt.

Es erinnert an den Unterschied, den US-Komikerin Ali Wong einmal machte: zwischen «fancy Asians» und «jungle Asians». Die schicken Asiaten kommen aus China und Japan, der Rest stammt aus den Dschungeln von Südostasien. Dass der globale Appeal von «Crazy Rich Asians» die «jungle Asians» aussen vor lässt, wurde auch schon bemerkt: Die meisten Darsteller haben eurasischen Hintergrund; in Singapur würde man Singlish reden, und es gäbe sehr viel mehr Malaien auf den Strassen.

Der amerikanische Individualismus verträgt sich halt besser mit der Geschmeidigkeit privilegierter ostasiatischer Weltbürger. Beides zusammen ergibt anschlussfähige Massenunterhaltung mit Novelty-Effekt. Bei uns heisst die Komödie übrigens nur «Crazy Rich». Offenbar erwartet man hier weniger Enthusiasmus der asiatischen Gemeinschaft. Oder man ist einfach ehrlicher.

Ab 30.8. im Kino. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 30.08.2018, 08:22 Uhr

Interview

Ying Zhu, was haben Sie von «Crazy Rich Asians» gehalten?

Der Film wiederholt die Stereotypen von den materialistischen Asiaten und den asiatischen Amerikanern als vorbildliche Minderheit. Leider führen nicht alle Asiaten ein geborgenes Leben, und es stammen auch nicht alle Asiaten von Chinesen ab. Ein besserer Titel für die Komödie wäre «Crazy Rich Chinese» gewesen. Es ist wirklich ironisch, dass der Film zum Aushängeschild der Vielfalts-Philosophie geworden ist. Er ist eindeutig für den chinesischen Markt gemacht, denn er stellt ethnozentrisches Chinesischsein in seiner potentesten Form dar. Dagegen wirken die Kulturengagements-Übungen der chinesischen Filmindustrie, etwa die Grossproduktion «The Great Wall», albern und holprig.

Wie stellt der Film den asiatischen Raum dar?

Angesichts all der Verlockungen von Reichtum und Exzess, die der Film behandelt, kann man ihn als eine Mischung aus «The Great Gatsby», «The Wolf of Wall Street» und der TV-Serie «Dynasty» bezeichnen. Es ist all das zusammen, verlegt in ein Fantasieland, wo Chinesen britisches Englisch zirpen oder ein Gemisch aus Mandarin und Kantonesisch reden. Das kann verführerisch sein, diese Ost-West-Orgie der Opulenz, die unbefleckt bleibt von der aktuellen Geopolitik in der realen Welt.

Gab es etwas, das Ihnen gefallen hat?

Freude gemacht haben mir die klassischen Mandarin-Lieder aus der Zeit der 30er- bis 50er-Jahren. Sie beschwören eine andere Epoche und die exotische Aura von Orten in Südostasien herauf, wie man sie in früheren chinesischen Spielfilmen erleben konnte. Ich habe «Crazy Rich Asians» in Hongkong gesehen, die Wirkung der Songs war dort schon berauschend. Es hätte vielleicht noch stärker gewirkt, hätte ich den Film irgendwo an der Upper East Side in Manhattan gesehen. Offenbar braucht es südostasiatisch angehauchten Mandarin-Songs, um zu der chinesischen Diaspora durchzudringen.

Ying Zhu ist Professorin für Media Culture und Expertin für das chinesische Kino. Sie lebt zwischen New York und Hong Kong.

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